Die Büro-Saga geht weiter: J. J. Voskuils großartiger Roman „Schmutzige Hände“

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Johannes Jacobus Voskuil (1926–2008), Autor des Romanzyklus „Das Büro“.

Von Ralf Stiftel - Man könnte an Kafka denken, wenn man hört, wie Maarten Koning über sein Karteisystem spricht: „,Wir haben jetzt fünfhundert Kästen’, sagte Maarten, ,und jedes Jahr kommen fünfzig dazu. In zehn Jahren sind es also tausend.“ Wenn man damit mal auskommt. Alles im „Büro“ hat die Eigenart, zu wachsen, sich auszubreiten. Immer neue Angestellte kommen. Und man zieht um, in ein größeres Haus.

Der niederländische Autor Johannes Jacobus Voskuil (1926-2008) hat mit seinem monumentalen Romanprojekt „Das Büro“ die Chronik einer wissenschaftlichen Einrichtung vorgelegt, die viele Momente in sich vereint. Zunächst ist es unglaublich komisch. Maarten Koning, Leiter der Abteilung Volkskultur, findet seine Tätigkeit immer noch völlig unsinnig. Und er fürchtet – noch angestachelt durch seine Frau Nicolien – nichts mehr, als ein „Großkotz“ zu werden. Und doch wird er in den sieben Jahren, die dieser Roman umspannt, verbürgerlichen. Sie ziehen um in eine größere Wohnung. Und er gönnt sich den Luxus einer Rudermaschine – was zum Ehekrach führt. Nicolien sieht den Sinn einer Erwerbsarbeit nicht ein. Am liebsten würde sie ihrem Mann verbieten, einen Brief aus dem Büro sofort zu öffnen. Der tut es trotzdem. Genauso, wie er anfängt, zum Beispiel Dreschflegel mit dem Auge des Fachmanns zu betrachten und den Kappenflegel vom Knaufflegel zu unterscheiden. Als er seinen Kollegen mit einem Museumsstück vorführen will, wie man drischt, da zerbricht es.

Der große Reiz dieser Geschichte lässt sich schwer erzählen. Schließlich geht es um eher banale Tätigkeiten, die Voskuil ziemlich nüchtern beschreibt. Aber gerade dieses Gleiten durch die Jahre, diese Alltagsnähe machen das „Büro“ so besonders. Manche Kritiker vergleichen es mit der „Lindenstraße“, eine Soap in Romanform. Aber Voskuil greift tiefer. Schonungslos entblößt er sein alter ego, den Helden Maarten Koning, der gleichsam ungewollt Karriere macht. Maarten steht oft neben sich selbst, zweifelt fast alles an, bis zu dem Umstand, wem er das Du anbietet, ob er das richtig gemacht hat und nicht vielleicht zu spät. Maarten fährt zu wissenschaftlichen Kongressen in ganz Europa. Und anders als sein pensionierter Ex-Chef Anton Beerta, der noch täglich ins Büro kommt und natürlich immer mitreist, fühlt Maarten sich in Helsinki und Stockholm als Außenseiter, der nicht weiß, worüber er mit Kollegen aus Jugoslawien, Dänemark und der DDR reden soll. Die Verbreitungskarte von Dreschflegel und Weihnachtsbaum jedenfalls sind keine ergiebigen Themen. Die Entfremdung äußert sich in einer stets präsenten unterschwelligen Melancholie.

Das Buch führt wunderbar durch die Zeitgeschichte. Welche Partei Maarten wählt, was er von der Hochzeit von Beatrix mit Claus hält, wie er im Amsterdam der 68er Jahre demonstriert – all das findet sich. Voskuil zeichnet ein ebenso ironisches wie kritisches Bild der Volkskundler. Das Fach stand in den Niederlanden unter dem Generalverdacht des Nationalismus, auf den Kongressen verständigte man sich auf deutsch, in der Sprache der Besatzer. Da ist es bezeichnend, welchen Aufruhr es verursacht, dass Maarten die Bitte eines Instituts für Afrikaanse Sprache und Kultur um „samewerking und skakeling“ mit einem schroffen Brief ablehnt. Eigentlich sind alle dagegen, mit Vertretern des Apartheidsstaats zu kooperieren. Aber man traut sich nicht, das offen zu formulieren. Was Voskuil in einigen herrlich absurden Szenen von Sitzungen und Beratungen ausbreitet.

Voskuil hat eine sichere Hand in der Charakterisiserung seines Personals. Anton Beerta, der am Ende des ersten Bandes pensioniert wurde, ist liefert noch einige prachtvolle Szenen seines Opportunismus. Die Kommissionsvorsitzende Kaatje Kater erweist sich als Diplomatin – und verabschiedet sich gern mit einem „Miau“. Ad Muller feiert einfach mal einige Wochen krank – und als Maarten ihn besucht, steht er im Schuppen und sägt.

Sieben Bände umfasst der Romanzyklus, den Voskuil zwischen 1996 und 2000 in den Niederlanden veröffentlichte. „Het bureau“ löste ein Lesefieber aus, der erste Band verkaufte sich fast 500 000 mal. Auch in Deutschland war 2012 „Direktor Beerta“ ein Erfolg. Gleichwohl brachte der Münchner Verlag C.H. Beck keinen weiteren Band heraus. Für die Fans des Epos aber sprang der kleine Berliner Verbrecher-Verlag in die Bresche. Hier soll bis zum Frühjahr 2017 im Halbjahresabstand Band um Band erscheinen. Eine gute Nachricht. Wenn man erst einmal angefangen hat, lässt einen diese Saga aus der Arbeitswelt nicht mehr los.

J. J. Voskuil: Das Büro – Schmutzige Hände. Deutsch von Gerd Busse. Verbrecher Verlag, Berlin. 687 S., 29 Euro

Quelle: wa.de

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