Brüsseler Ausstellung zeigt „Rubens und sein Vermächtnis“

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Ein Reigen aus Gewalt und Tod: Peter Paul Rubens malte die „Jagd auf Tiger, Löwe und Leopard“ um 1617.

Von Ralf Stiftel BRÜSSEL - Eine Orgie der Gewalt malte Peter Paul Rubens in seiner um 1617 entstandenen „Jagd auf Tiger, Löwe und Leopard“. Im Zentrum des mehr als drei Meter breiten Bilds hat ein Tiger einen Reiter angefallen. Rubens zeigt das steigende Pferd, den zurückgerissenen Mann mit Entsetzen in den Augen, die Pranken und den Kopf der Raubkatze. Ob die Ritter im Hintergrund Rettung bringen? Einer schwingt bereits das Schwert.

Je länger man hinschaut, desto seltsamer erscheint die Szene. Was haben die Orientalen mit den Rittern zu schaffen? Woher kommt der nackte Muskelprotz vorn, der einem Löwen mit bloßen Händen die Kiefer auseinanderreißt? Das ist doch der antike Halbgott Herkules. Und in all dem Getümmel findet man noch die Tigerin, die ihre blinden Jungen in Sicherheit bringen will. Man bekommt den Eindruck, dass es dem Maler eigentlich egal war, was er auf die Leinwand brachte. Hauptsache, bewegt, bunt, brutal, berührend. Ein Rubens schafft das, zwingt die exotischen Geschöpfe und die kostümierten Menschen collagehaft in einer Komposition zusammen.

Das Bild ist in der Brüsseler Ausstellung „Sensation und Sinnlichkeit. Rubens und sein Vermächtnis“ zu sehen. Der Palast der Schönen Künste, Bozar, zeigt mit rund 160 Exponaten, welche tiefen Spuren der flämische Barockmeister in der Kunstgeschichte hinterließ. Nur ein Viertel der Werke stammt vom Antwerpener Meister. Aber was noch in den sechs Themenkapiteln ausgebreitet wird, ist nicht zu verachten. So sind Werke von Zeitgenossen wie Anthony van Dyck, Jacob Jordaens und Bartolome Murillo ebenso ausgestellt wie prominente Nachfolger, darunter Fragonard, Watteau, Delacroix, Constable, Cézanne, Klimt. Es gibt also richtig was zu sehen. Ursprünglich sollte die prestigeträchtige Schau in Antwerpen gezeigt werden, zur Wiedereröffnung des Königlichen Museums der Schönen Künste. Aber dessen Restaurierung dauert länger, soll nun 2018 abgeschlossen sein. Die Koproduktion mit der Royal Academy of Arts in London sollte nicht verschoben werden. Der Bozar sprang als Partner ein.

Rubens, geboren 1577 im Exil in Siegen, gestorben 1640 in Antwerpen, hat die Rolle des Künstlers neu definiert. Er arbeitete nicht nur für die Königshöfe in Spanien, Frankreich, England, für zahlungskräftige Bürger und finanzstarke Kirchengemeinden. Er war selbst erfolgreicher Geschäftsmann, der in einem Stadtpalast residierte und sich in einer großen Werkstatt vermarktete. Seine Gemälde, soweit sie nicht in Kirchen hingen, waren der Öffentlichkeit kaum zugänglich. Aber Rubens ließ wichtige Kompositionen von Kupferstechern reproduzieren, wobei als Qualitätszeichen der Schriftzug diente: „cum privil.“, cum privilegis, mit Erlaubnis. Rubens erfand die großformatigen Bibelszenen, die im Dienst der Gegenreformation den Ruhm der katholischen Kirche mehrten. Er reiste als Diplomat und Agent durch Europa.

Für Künstler in späteren Jahrhunderten war das ein ideales Rollenmodell. Selbst diejenigen, die seine Kunst kritisierten, blieben seinem Vorbild verhaftet. Eugène Delacroix fand, dass Rubens nicht zwischen seinem Hauptthema und Details unterscheiden konnte. Gleichwohl malte er 1855 für die Weltausstellung eine „Löwenjagd“, die sich eng an Rubens’ Werke anlehnt. In Brüssel wird eine relativ kleine Ölskizze ausgestellt. Nicht alle gingen so weit wie Hans Makart, der 1879 als Rubens verkleidet in einer Prozession durch Wien zog. Oder wie Antoine Wiertz, der sich als Reinkarnation des Meisters sah. Aber noch Picasso zitiert in der Radierung „Faun, der eine schlafende Frau aufdeckt“ von 1936 Rubens’ sinnliche Komposition „Der Einsiedler und die schlafende Angelica“ (1626–28).

Die sechs Ausstellungskapitel verfolgen jeweils ein wichtiges Motiv in Rubens’ Kunst, leider nicht alle in gleicher Qualität. Grandios ist die Eröffnung zur „Gewalt“ mit den Jagdszenen und dem Motiv des Höllensturzes. Da hat man ein Hauptwerk des Meisters, um das sich die Nachfolger gruppieren. Aber schon das Kapitel „Macht“, das Rubens als Schöpfer allegorischer Bildfolgen zur Fürsten-Verherrlichung vorstellt, krankt daran, dass in ihm ein solches Hauptwerk fehlt. Der Zyklus von 24 Gemälden, mit denen Rubens ab 1622 den Palais du Luxembourg in Paris für Maria de Medici, die Mutter des Königs Ludwig XIII, ausgestaltete, wird durch Drucke vermittelt, die um 1700 entstanden – was in der Saalbeschriftung leider nicht erklärt ist. Auch die Dekoration von Whitehall, der Residenz des englischen Königs, ist durch Drucke und Skizzen vertreten. Natürlich sind die Originale nicht ausleihbar. Aber man vermisst die Handschrift des Meisters in einem großen Original.

Hinreißend gelungen ist dafür der Abschnitt zur „Wollust“, ein Fest der Malerei nicht nur mit Akten von Rubens, sondern auch mit Bildern von van Dyck und Jordaens und mit Nymphen und Satyrn so unterschiedlicher Künstler wie Watteau, Boucher, Manet, Renoir und Cézanne. Das Kapitel zum „Mitleid“ ist üppig bestückt, unter anderem mit dem bewegenden Altar „Christus auf dem Stroh“ (1617/18) aus Antwerpen. Und es wartet mit dem exotischsten Zeugnis von Rubens’ globaler Ausstrahlung auf: Ein bemalter Porzellanteller aus der Qing-Dynastie (1720-1730) wurde in China für den europäischen Markt mit dem Motiv des Altars einer Antwerpener Kirche versehen, dem „Lanzenstich“.

Bezogen auf das Thema der Nachwirkung ist das Kapitel „Eleganz“ eins der überzeugendsten: Rubens stellte in seinem Porträt von Maria Grimaldi ihren Hofzwerg neben sie, so dass dessen Hässlichkeit ihre Schönheit zur Geltung bringt. Gegenüber sieht man britische Adelsbildnisse von Thomas Lawrence und Joshua Reynolds, die die Formeln im 18. Jahrhundert aufgreifen. Schließlich die „Poesie“, die Rubens in Landschaften und dem prachtvollen „Liebesgarten“ aus dem Prado (um 1635) beschwört.

Sensation und Sinnlichkeit. Rubens und sein Vermächtnis im Bozar Brüssel. Bis 4.1.2015, di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0032 / 2 / 507 82 00, www.bozar.be

Katalog, deutsche Ausgabe Verlag E.A.Seemann, Leipzig, 49,95 Euro

Allg. Info: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

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