Brüssel zeigt die Renaissance mit der „Malerei aus Siena“

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Anmutige Szene aus Siena: Giovanni di Paolo malte die „Madonna der Demut“ um 1450, zu sehen ist das Werk in der Brüsseler Ausstellung „Malerei aus Siena“.

Von Ralf Stiftel -  BRÜSSEL Als Giovanni di Paolo seine „Madonna der Demut“ malte, um 1450, blühte in Italien und Flandern bereits die Renaissance. Der Stil des sienesischen Meisters aber war schon veraltet, auch wenn er versuchte, hinter seiner prachtvollen Gottesmutter im Paradiesgarten eine naturalistische Landschaft darzustellen. Doch seine Berge, die Felder, der Himmel und Städte wirken künstlich, wie im Kinderzimmer aufgebaut.

Und doch ist die Tafel, die im Bozar in Brüssel, im Palais des beaux arts, zu bewundern ist, ein Meisterwerk. Der Maler kleidete Maria in edle Brokatgewänder, deren rotgoldnes Prägemuster er kunstvoll wiedergab. Und er kleidete sie ebenso in hoheitsvolle Würde. Wie sie liebevoll den Kopf zum Jesusknaben neigt, das verleiht ihr Menschlichkeit. Bilder wie dieses galten zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert als Gipfel der Kunst. Die aufwendige Ausstellung „Malerei aus Siena. Ars narrandi in Europas gotischem Zeitalter“ im Bozar rückt mit rund 60 Meisterwerken diese Epoche wieder in den Fokus. Die Koproduktion mit der Pinacoteca Nazionale di Siena und dem Musée des Beaux Arts in Rouen (das die Ausstellung im Anschluss zeigt) bietet die Chance, die fragilen, Jahrhunderte alten Holztafeln im Zusammenhang zu bewundern.

Die ältesten Werke knüpfen noch an die byzantinischen Traditionen der Ostkirche an. Dietisalvi di Spemes „Jungfrau mit Kind“ von 1262 weist noch die Merkmale der Ikonenmalerei auf. Das Spiel der Gesten von Gottesmutter und Christuskind, die harten Konturen und die geradezu geometrisch abstrahierten Gesichtszüge stammen aus dieser Schule.

Siena war lange eine bevorzugte Handelsmetropole in der Toskana, und der wirtschaftlichen Blüte entsprang auch eine kulturelle. Maler wie Duccio di Buoninsegnia (um 1255-1319) und sein Schüler Simone Martini (1284-1344) wurden stilbildend. Beide sind in der Schau vertreten. Die Jungfrau von Simone Martini (erstes Jahrzehnt des 14. Jahrhundert) hält die Hand des Kindes, eine berührend zärtliche Geste, die die Gottesmutter dem Betrachter nahebringt, auch wenn der Künstler die strenge Haltung der Ikonen und den Goldgrund beibehielt. Bei Giovanni di Paolos am Anfang beschriebenem Bild stehen Maria und Jesus viel direkter im Kontakt, das Kind streckt seine Arme der Mutter entgegen. Aber noch bei Sano di Pietros „Jungfrau mit Kind, umgeben von Heiligen und Engeln“ (ca. 1470) hat man die Stilisierungen und den Goldgrund der byzantinischen Überlieferung. Da hatten zum Beispiel die van- Eyck-Brüder in Flandern längst den Realismus der Arnolfini-Hochzeit und des Genter Altars entwickelt.

Man sieht in Brüssel eine Kunst des Übergangs, und das führt dazu, dass neben den stilisierten Meditationsbildern auf Goldgrund Werke hängen, in denen ein neuer Realismus einzieht. Cennino Cennini malt die Geburt der Jungfrau (1390-1400) und schildert dabei detailreich einen gutbürgerlichen Haushalt, zeigt uns über dem Wochenbett das Regal voller Flaschen, im Vordergrund Ammen mit dem gewickelten Kind, daneben eine Dienerin, die Waschwasser in den Zuber schüttet. Stefano di Giovanni, genannt il Sassetta, malt 1424 die Einsetzung der Eucharistie, 70 Jahre vor Leonardo. Schon bei ihm sitzt Christus im Zentrum, wenn auch die Jünger sich um einen Tisch gruppieren. Man erkennt den Versuch, mit Architekturelementen den Raum abzubilden, auch wenn der Künstler die Regeln der Perspektive noch nicht beherrscht.

Es ist eine Malerei der Unmittelbarkeit und Unschuld, deren Farbenpracht und zum Teil überraschende Ideen berühren. Margarito d’Arezzo malt den Heiligen Franz von Assissi (1240-45) in schlichter Pose, vereinfacht das Gewand, so dass die Kapuze gegen die Gesetze der Schwerkraft zur Seite steht. Guidoccio Cozzarelli malt den „Herzenstausch“ (um 1485) zwischen der Hl. Katharina von Siena, die 1461 kanonisiert worden war, und Christus auf einem Altargemälde. Der Maler versucht, der mystischen Erfahrung in einem Kirchenraum in ein realistisches Bild zu übersetzen. Und dann wieder malt Taddeo di Bartolo (ca. 1362-1422) den Heiligen Petrus von Verona, der 1252 erschlagen worden war. Das Bild ist nur als Fragment erhalten – ein fast passbildhaftes Porträt mit beinahe individuellen, sehr lebendigen Zügen, an dem die klaffende Kopfwunde fast übersehen werden kann.

Bis 18.1., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0032 / 2 / 507 82 00, www.bozar.be; Katalog (nl., frz., engl., it.) 39 Euro,

Allg. Info: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

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