Was bringen Stararchitekten im Revier, Herr Miksch?

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Das ThyssenKrupp Quartier wird derzeit in Essen fertiggestellt. Es ist die Hauptverwaltung des Stahl- und Technikunternehmens, das von Düsseldorf zurück auf das Areal der historischen Krupp-Stadt gezogen ist. Hier begann die Firmengeschichte 1818 und der Aufstieg zum Weltkonzern. Für 300 Millionen Euro haben die Architektenbüros JSWD (Köln) und Chais et Morel associés (Paris) ein Campus-Gelände mit mehreren Bauten entwickelt. ▪

DÜSSELDORF ▪ Große Architektur-Projekte haben dem Ruhrgebiet internationales Renommee verschafft: Sir Norman Foster (Duisburger Innenhafen), Rem Koolhaas (Zeche Zollverein), David Chipperfield (Museum Folkwang), das Büro Sanaa (Kubus auf Zollverein) und Richter, Bothe, Teherani (BP-Zentrale Bochum, Bürohäuser in Duisburg) – um nur einige zu nennen. Verflacht nun der Bauboom in der Krise? Bleibt das Revier für Investoren mit ästhetischem Anspruch interessant? Der Präsident der NRW-Architektenkammer, Hartmut Miksch, spricht mit Achim Lettmann.

Zur Zeit wird die Hauptzentrale von ThyssenKrupp in Essen fertiggestellt. 300 Millionen Euro sind investiert. Was bedeutete diese Kraftanstrengung zu Krisenzeiten?

Hartmut Miksch: Wenn man von Krise redet, ist das hier ein Zeichen, dass im Ruhrgebiet die Krise zumindest nicht diejenigen, die dort investieren, erlahmt. Gerade ThyssenKrupp ist ein Paradebeispiel in Essen, wie man eine Stadt bewegt. Ein großes Unternehmen trifft eine Entscheidung und bringt damit ein Stück hochwertigster und innovativster Architektur nach Essen. Und damit auch viel in Bewegung. Neben dem Campus entsteht dort der Park, der Krupp-Gürtel und vieles mehr, was der Stadt Auftrieb gibt und andere animiert, Ähnliches zu tun. Das ist eines der ganz großen Zeichen des Ruhrgebiets. Und das ist nicht nur in Essen so. Wenn wir beispielsweise das Dortmunder U nehmen, dann ist auch dies ein klares Zeichen. Das Ruhrgebiet stirbt nicht, ganz im Gegenteil, das Ruhrgebiet hat Auftrieb.

Internationale Stararchitekten bauen seit rund 20 Jahren im Ruhrgebiet. Welche Wirkung haben diese Baumeister heute noch?

Miksch: Sie setzen Zeichen in den jeweiligen Städten. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass die Qualität einer Stadt und Region nicht allein von diesen Zeichen abhängt, sondern vor allem auch von der Qualität des Städtebaus. Ich will damit sagen, man braucht diese Superzeichen, man braucht aber auch eine gute Alltagsarchitektur. Sie ist maßgeblich dafür, wie Menschen sich fühlen.

Mit Vorzeige-Architektur im Duisburger Innenhafen – ich denke an die Bürohäuser von Teherani und die Five Boats von Grimshaw – ist ein neues Stadtviertel entstanden. Bleibt die Initiative der 90er Jahre auf Basis eines Masterplans auch heute noch eine Erfolgsgeschichte?

Miksch: Ja, Duisburg hat diesen Anschub gebraucht. Ich bin selbst in Duisburg aufgewachsen, ich kenne diese Stadt seit 1958. Der Masterplan führt endlich zu einem Stadtentwicklungskonzept. Das ist das Positive an diesem Verfahren, diese Erfolgsgeschichte gilt es fortzusetzen.

Es hat noch einen Masterplan auf der Zeche Zollverein in Essen gegeben. Das Architekten-Duo Sanaa hat mit seinem Gebäude viel Hoffnung verbreitet. Mittlerweile ist die Design-School gescheitert, und es gibt einen neuen Nutzer, die Folkwang Hochschule. Ist dieser Bilbao-Effekt, der im kleineren Format für Essen und das Ruhrgebiet gedacht wurde, nicht schon verpufft?

Miksch: Das Sanaa-Gebäude ist nach meiner Überzeugung eine Skulptur von höchster Qualität. Über die Nutzung kann man diskutieren. Ich glaube nicht, dass man die Effekte von Bilbao ohne weiteres kopieren kann. Das hat Herford mit dem Frank O. Gehry-Gebäude gezeigt. Man kann solche Dinge nicht unendlich wiederholen. Bilbao war ein Sonderfall. Das Sanaa-Gebäude hat aber zumindest dazu geführt, dass man nun weltweit weiß, wo Zollverein ist. Die Auszeichnungen, die die Kollegen und dieses Gebäude bekommen haben, haben Zollverein weltweit bekannt gemacht. Das betrifft nicht nur das Ruhrgebiet, sondern z. B. auch den Düsseldorfer Hafen. Man kann darüber viel diskutieren, aber die Gehry-Architektur hat dem Düsseldorfer Hafen weltweite Bekanntheit gebracht. Dafür sind diese Zeichen gut. Zu glauben, man könnte einen Standort allein mit Architektur in die Neuzeit katapultieren, ist aber ein Irrglauben.

In Dortmund ist das Quartier Stadtkrone-Ost mit großen Gebäuden an der lauten A 40 geplant worden. Leider ist das ADAC-Gebäude das einzige, das bisher gebaut wurde. Es fehlen die Folgebauten. Ist das ein Dortmunder Problem oder kann man heutzutage nicht mehr so groß denken?

Miksch: Ich glaube das nicht. Stadtentwicklung braucht gerade in solchen problematischen Bereichen Zeit. Man braucht ein Konzept und einen städtebaulichen Entwurf, der robust ist und auch Durststrecken übersteht. Das kann durchaus zehn, zwanzig Jahre dauern. Auf der anderen Seite ist es auch Aufgabe der Stadtplanung, Pläne, die vor zehn Jahren entstanden sind, kritisch zu überdenken und abzuwägen, ob sie noch dem aktuellen Bedarf entsprechen.

Ist das Ruhrgebiet immer noch ein Ort für Foster und Co.? Die Krisenstimmung im Revier nimmt parallel zur Ruhr.2010 zu.

Miksch: Große Stararchitekten sind überall da, wo es interessante Aufgaben gibt. Wir müssen im Ruhrgebiet Wettbewerbe für Bauaufgaben ausloben. Wir müssen viele beteiligen, kreative Ideen entwickeln und abschließend entscheiden. Für mich ist das Ruhrgebiet ein unglaublicher Raum, der riesige Chancen gerade im baukulturellen Bereich bietet. Ein Beispiel: Ich hatte vor zwei Wochen den Vorstand der Bundesarchitektenkammer aus allen Bundesländern zu Besuch in Essen. Ich habe sie einen Tag durchs Ruhrgebiet gefahren und ihnen Standorte wie Duisburg, das THS-Gebäude in Gelsenkirchen und den Baldeney-See mit dem Kunstprojekt Ruhr-Atoll gezeigt. Die Kollegen waren begeistert. Sie haben auf Zollverein im Glaspavillon getagt und konnten kaum glauben, dass das Ruhrgebiet so grün ist. Das macht mir deutlich, welche Chancen diese Region hat. Wir müssen sie transportieren – auch mit Baukultur.

Sie setzen auf die Sogwirkung von Architektur. Aber wenn Sie das Finanzdesaster der Elbphilharmonie in Hamburg sehen, kann man da noch für Architektur werben?

Miksch: Die Elbphilharmonie ist ein Sonderfall. Dort wird ein Unikat gebaut. Natürlich muss man das Verfahren kritisch sehen, das dazu geführt hat, dass sich Kosten verdoppeln und verdreifachen. Aber wenn die Philharmonie fertig ist, wird kurze Zeit später keiner mehr darüber reden, was sie gekostet hat. Sie wird eines der ganz großen Wahrzeichen von Hamburg werden. Das ist ein Werbevorteil. Ich bin mir sicher, im Ergebnis wird es wie mit der Oper in Sydney sein.

Der Bund will seine Städtebauförderung im Jahr 2011 von 610 Millionen Euro auf 305 Millionen halbieren. Was bedeutet das?

Miksch: Das ist gerade für Nordrhein-Westfalen eine Katastrophe, weil es in unserem Bundesland viele Stadtteile aus den 70er-Jahren gibt, die erneuert werden müssen. So aber können nur noch die Maßnahmen gefördert werden, die bereits in Arbeit sind. Für andere wird kein Geld mehr zur Verfügung stehen. Es wird gerade im Ruhrgebiet zu einem Stillstand bei der Stadterneuerung kommen. Das wäre dramatisch.

Auch die Fördersumme für den Wohnungsbau in NRW wird nicht bei einer Milliarde Euro im nächsten Jahr liegen, sondern nur bei 750 Millionen. Was resultiert daraus?

Miksch: Im sozialen Wohnungsbau wird sich die Lage voraussichtlich verschärfen. Zudem werden in anderen wichtigen Bereichen massiv die Mittel fehlen. Ich nenne nur die energetische Nachrüstung unserer Gebäudebestände und die Umwandlung zu altenfreundlichem Wohnraum; denn mit Blick auf den demografischen Wandel werden wir ein Drittel mehr altenfreundliche Wohnungen brauchen. Nach unseren Berechnungen benötigt der Wohnungsbau mindestens die angekündigte Milliarde pro Jahr. Anderenfalls werden wir in den genannten Bereichen spätestens in sieben bis acht Jahren große Probleme bekommen.

Hartmut Miksch

Hartmut Miksch, Jahrgang 1950, ist Architekt in Düsseldorf und seit 2001 Präsident der Architektenkammer NRW.

Er engagiert sich intensiv für die Baukultur in NRW, lebt seit 1978 in Düsseldorf, wo er auch Architektur studiert hat. Seit 2001 ist er Mitglied im Kuratorium der Landesinitiative StadtBauKultur NRW.

Quelle: wa.de

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