Im brillanten Dokudrama „George“ spielt Götz George seinen Vater Heinrich

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In Zugzwang: George (Götz George, links) muss Goebbels (Martin Wuttke) folgen und den Durchhaltefilm „Kolberg“ drehen.

Von Achim Lettmann Das Dokudrama „George“ zeichnet kein hässliches Bild vom Schauspieler Heinrich George. Er wird nicht als NS-Sympathisant bloßgestellt. Auch als der Vater von Günther Weisenborn bei ihm vorspricht, zeigt die Kamera nicht den „bösen“ George, wie er dem alten Mann die Unterstützung verweigert. Weisenborns Sohn kooperierte mit der „Roten Kapelle“ und war Dramaturg am Schiller Theater, dem George vorstand. Als die Widerstandsgruppe 1942 aufflog, drohte Weisenborn der Strick. Nur im Off wird erwähnt, dass sich George abwendete.

Aber nur in diesem Fall. Sein Sohn Götz hat den Vater gespielt und das Dokudrama ermöglicht, weil Joachim A. Lang (Buch/Regie) eine stichhaltige Suche nach dem „König im Reich der Phantasie“ vornahm, um letztlich das spürbar zu machen, was diesen Künstler ausgezeichnet hat. Methode: zeigen, was wir von George noch wissen, und nicht nur, was ihm fehlte. Diese Annäherung mit neuem Bildmaterial ist in einer Art geglückt, wie sie das junge TV-Format „Dokudrama“ noch nie geboten hat.

Den dramaturgischen Kunstgriff, dass der Sohn den umstritten Vater spielt, wird es in der Dichte nicht wieder geben. Hier berühren sich Schauspielkunst und deutsche Familiengeschichte, dass es einem Gänsehaut bereitet. Götz George, Actionheld („Faust auf Faust“) und Krimi-„Schimmi“ der Fernsehnation, spricht Goethes „Faust“ für seinen Vater im Internierungslager Sachsenhausen, wo der russische Geheimdienst George 1946 gefangen hielt. Und das, was das Dokudrama zeigen will, dass George immer spielen musste, um zu leben, verkörpert nun sein Sohn, der überlebte. Götz versucht die intime Wucht der Worte Georges nachzubilden. Diese Kraft und Magie wird mit Archivmaterial seriös („Götz von Berlichingen“) und umsichtig („Der Postmeister“) belegt. Es ist das Erbe einer Sprechkunst, die aus dem Kanon der Klassiker immer neue Deutungen formte und vom Regietheater keine Ahnung hatte. Georges Erscheinung und seine Kunst, die Vitalität im Spiel über die Rolle hinaus zu idealisieren, vermittelt Götz George nicht. Aber er lässt uns das Maßband ans Spiel legen, wie es im Fernsehen eigentlich nicht mehr vorkommt. Außerordentlich.

Legenden werden aber nicht gebildet. Zu plump lässt sich George von den Nazis vereinnahmen. Sowie er an Gündgens Staatsbühne aussortiert wird, macht ihn Goebbels (Martin Wuttke) zum Held der neuen NS-Volkskultur. Dass George dann Mitarbeiter ohne Parteibuch für die Bühne, aber mit jüdischer Abstammung auswählt, lässt der Propagandaminister durchgehen, um sich später zu holen, was er braucht: einen Heinrich George für die menschenverachtenden Filme „Jud Süß“ und „Kolberg“, dem „Durchhaltefilm“. Regisseur Joachim A. Lang zeigt die Parallelen Preußen/NS-Deutschland und Frankreich/Russland sehr didaktisch, aber er rückt auch die authentischen Schwarzweißbilder vom „Volkssturm“ mit Alten und Kindern heran, die sinnlos starben. Wann hätte George aufhören müssen, für die Nazis zur Verfügung zu stehen?

Beantwortet wird die Frage nicht. Der Freund Max Beckmann emigrierte früh. Hanns Zischler zeigte den Maler mit klarem Verstand im feinen Anzug. George könne ja nach Hollywood. Aber George, von Götz immer etwas unorganisiert und im Gefühlsrausch gespielt, spricht kurzatmig mit diesem jallernden Überton: „Nein, da bekommst du alles, nur keine Kunst.“

Seine Frau Berta kommt auf Archivfilmen zu Wort. Beide spielten im „Hitlerjunge Quex“ (1933). Seine Söhne sind im Doku-Drama zu hören. Der ältere Jan weiß etwas mehr aus dem Haus der Eltern zu berichten. Aber Götz stellt die Nähe zu George her, auch weil der Vater seinen Vornamen auf dem Sterbebett aussprach: „Götz“. Das wirkt wie ein Vermächtnis.

Der TV-Film bleibt immer nüchtern und sachlich, das heißt Sowjetgeneral Bilber (Samuel Finzi) sucht die Wahrheit (mit den Zuschauern). Da gibt es kein offenes Ende, sondern 115 Minuten über eine Zeit, als europäische Staaten von Ideologien bestimmt wurden. Ein brillanter Schauspieler musste vereinnahmt werden, um für politische Absichten zu werben. Heinrich George (1893–1946) verkannte seine Sonderstellung. Auch im Kalten Krieg hätte man ihn nicht nur spielen lassen.

Mittwoch, ARD, 21.45 Uhr

Quelle: wa.de

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