Bremer Tatort „Im toten Winkel“ rechnet mit Pflegesystem ab

Akke Jansen (Dörte Lyssewski, links) verdeutlicht den Hauptkommissaren (Sabine Postel, Oliver Mommsen), dass sie auf die Unterstützung der Krankenkasse für die Pflege ihrer Mutter angewiesen ist. Szene aus dem Bremen-„Tatort“.

Horst Claasen hat an alles gedacht: Das Doppelgrab ist ausgesucht, die Särge bestellt und die Beerdigung bezahlt. Fehlt nur noch der Anruf bei der Polizei, schließlich will er nicht tagelang unbemerkt in der Wohnung verrotten – und mit dem Gestank die ganze Nachbarschaft belästigen.

Deutsche, die Angehörige zu Hause pflegen, gibt es zu Tausenden. Für sie ist ein Pflegeheim aus den unterschiedlichsten Gründen keine Option – egal, wie sehr sie die Versorgung ihrer Lieben auch erschöpft. Horst Claasen ist einer dieser Menschen: Jahrelang hat er sich um seine an Alzheimer erkrankte Frau Senta gekümmert. Dass die alte Dame mit der Zeit immer aggressiver und nur ein Schatten ihrer selbst wurde, hat der 85-Jährige stumm ertragen – bis er sie mit einem Kissen erstickt und einen Selbstmordversuch unternimmt. Eine Verzweiflungstat, die den Bremer Tatort-Kommissaren Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) am Sonntagabend reichlich Gelegenheit geben wird, mit der Schieflage des deutschen Pflegesystems zu hadern.

„Im toten Winkel“ heißt die Tatortfolge, in der das Grauen nicht im Problemviertel lauert, sondern in eleganten Neubaugebieten und gepflegten Reihenhäusern. Eben dort, wo die Welt scheinbar noch in Ordnung ist. Eine Illusion, die den Rahmen für eine Diskussion darüber schafft, was ein Leben noch lebenswert macht – und ob der Tod irgendwann nicht das Beste für alle Beteiligten ist.

Philip Koch erzählt die deprimierende Geschichte der Familie Claasen in einfachen Bildern, über die sich eine wabernde Unschärfe legt. Depression ist hier Programm: bei den Kommissaren, den Betroffenen und ihren Angehörigen. Denn Drehbuchautorin Katrin Bühling verbindet das Schicksal des alten Ehepaares recht zügig mit der Arbeit des Gutachters Carsten Kühne, der auch für die Claasens zuständig war. Ein Mann, der mit seinem Urteil über Pflegegrade und Geld entscheidet. Zeit, sich dafür mit dem Schicksal der ihm anvertrauten Menschen auseinanderzusetzen, bleibt ihm nicht: Eine halbe Stunde – dann muss er schon zur nächsten Familie. Dass ihm dabei manche Fehlentscheidung unterläuft, ist ihm lange egal: Das System fordert und er liefert. Peter Heinrich Brix zeichnet Gutachter Kühne als einen gewissenhaften und sehr ernsten Arbeiter im Pflegesystem, der sich erst spät einen Hauch von Mitgefühl erlaubt.

Zu spät auch für Oliver Lessmann, der seine im Wachkoma liegende Frau bei ihren Pflegern in unqualifizierten Händen wähnt. Oder für Akke Jansen, die sich seit vier Jahren fast nonstop um ihre demente Mutter kümmert und den Gutachter anfleht, eine höhere Pflegestufe zu empfehlen.

Die von Doerte Lyssewski porträtierte Tochter ist einer der emotionalen Lichtblicke in einem Tatort, dessen Charaktere mit Ausnahme der aufrichtig betroffenen Kommissarin Lürsen merkwürdig unterkühlt auf das Drama vor ihren Augen reagieren. Von offizieller Stelle alleingelassen, schwankt Akke Jansen zwischen Hass, Trauer und Verzweiflung über ihre scheinbar ausweglose Situation und die Menschen, die dafür verantwortlich sind. Sie weint, schreit, rauft sich die Haare – und reagiert auf die Probleme ihrer Mutter irgendwann mit Schlägen. Besonders diese Momente des unkontrollierten Hasses sind in ihrer Intensität für den Zuschauer nur schwer auszuhalten. Nicht nur, weil jemand, der seine gebrechliche Mutter schlägt, in unserer Gesellschaft ein Tabuthema ist, sondern auch, weil niemand in Jansens Lage geraten möchte.

Eine Situation, in der die Liebe von einst oft Abscheu und Hilflosigkeit weichen muss. Wie mit überforderten Angehörigen umzugehen ist, darauf findet natürlich auch der Bremer Tatort keine Antwort. Er macht aber bestürzend deutlich, woran das Pflegesystem besonders krankt: Zeit, Geld und Empathie. Eine Sozialkritik, die durch die teilnahmslosen Dialoge oftmals distanziert und langatmig bleibt – da helfen auch eine zweite Leiche und ein bisschen Korruption für die kriminalistische Feinarbeit nicht.

Trotzdem hallt „Im toten Winkel“ lange nach – und ist damit weit mehr als durchschnittliche Sonntagabend-Unterhaltung.

Mareike Bannasch

Sonntag, ARD 20.15 Uhr

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare zu diesem Artikel