Guy Braunstein eröffnet Konzertreihe der Ruhrtriennale

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Kammermusiker mit Virtuosität und Humor: Guy Braunstein begeistert beim Konzert in Essen. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Guy Braunstein kann ein Schelm sein. Drei Mal steigert er das Thema im Finalsatz der G-Dur-Sonate von Beethoven, treibt es bis zur Gluthitze, aber dann: Er nimmt noch einmal Anlauf und – ha, genatzt! – spielt die Phrase butterweich zu Ende. Es ist ein Beweis der Klasse dieses Musikers, dass solche Theatertricks sich vollkommen logisch einfügen in sein Spiel. Mit dem Pianisten Ohad Ben-Ari und dem Hornisten Chezy Nir spielte Braunstein auf Zeche Carl in Essen. Das Konzert startet die montägliche Kammermusikreihe der Ruhrtriennale.

Braunstein hat eine enorme Karriere gemacht. Der Schüler von Pinchas Zuckerman wurde vor zwölf Jahren mit 29 der jüngste Erste Konzertmeister in der Geschichte der Berliner Philharmoniker. Heute tourt er neben umfassender kammermusikalischer Tätigkeit unter anderem mit dem East-Western-Divan-Orchestra. Der Abend in Essen gehört ihm durch seine umwerfende musikalische Präsenz, für die er in Ohad Ben-Ari einen würdigen Partner hat. Ihre Beethoven-Sonate ist ein Feuerwerk. Braunstein spielt äußerst expressiv mit häufig exzentrischem Strich, es kratzt und pocht, sein Ton kann sich rauchig verdunkeln und explosionsartig aufhellen. Das großzügig strategisch eingesetzte Vibrato verleiht dem Adagio espressivo, dessen Vortragsbezeichnung hier wörtlich genommen wird, Erdnähe; zum Ende hin bleicht der Ton aus, bis die nachtliedhaft gespielte Überleitung zum Scherzo beginnt. Dieses Ausbleichen setzt er noch einmal auffällig als gestalterisches Mittel ein im Adagio des Es-Dur-Trios für Piano, Violine und Horn, das den Abend beschließt: Er übernimmt das Thema vom Horn, lotet es aus, in der Schlussnote, kurz bevor das Klavier übernimmt, beginnt der Ton zu flackern und auszufransen, ein Schlusspunkt für die technische Varianz, mit der er sein Material zum Schillern bringt.

Guy Braunstein ist ein mittelgroßer Typ mit Bürstenschnitt und Kugelbäuchlein unterm schwarzen Hemd. Während er spielt, stampft er vor und zurück, manchmal kommt er dem Pianisten so nahe, dass man fürchtet, er könnte ihm den Bogen über die Glatze streichen. Hochleistung kann so lässig aussehen. Dem feurigen Beethoven lässt das Duo die „Mythen“ von Karol Szymanowski folgen, die aus einem luftigen Klangschleier heraus an Substanz gewinnen: märchenhaft und erdnah. Braunstein fächert eine Farbpalette von saftig-rauem Dunkel zu fahler Bleiche auf, Ohad Ben-Ari sekundiert ihm mit Läufen, die gläsern klirren und farbsatt fließen können.

Nach der Pause spielt Chezy Nir, Hornist beim Israel Symphony Rishon-LeZion Orchestra, Robert Schumanns Adagio und Allegro für Piano und Horn recht langsam, zieht weite Bögen, bekommt Ansatzprobleme und zeigt dennoch enorme dynamische Bandbreite. Das abschließende Brahms-Trio lässt sich dynamischer an. Braunstein befeuert seine Kollegen; ein aufmunterndes Zwinkern, ein leises Wort, und die drei steigern sich über ein dramatisch ausgelotetes Adagio zum Finale, das mit seiner dynamischen Varianz und expressiven Bandbreite begeistert.

Konzerte im Maschinenhaus Essen bei der Ruhrtriennale bis Ende September, montags, u.a. Soundart mit Denseland, 27.8., Mandelring Quartett, 17.9.,

Tel. 0700/ 2002 3456,

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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