Der Bozar in Brüssel zeigt den spanischen Barockmeister Francisco de Zurbarán

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Francisco de Zurbaráns Bild des Heiligen Franziskus ist in Brüssel zu sehen.

Von Ralf Stiftel BRÜSSEL - Der Heilige verschwindet beinahe in seiner Mönchskutte. Die Kapuze hüllt das Antlitz in tiefen Schatten. Das Gesicht, das wir sehen, ist das des Schädels, den Franziskus in gefalteten Händen hält. Sein gesenkter Blick fällt darauf, als blickte er in einen Spiegel. Aus Stofffalten, Licht und Schatten schafft Francisco de Zurbarán eine mystische Erscheinung.

Das um 1635 gemalte Bild des Meisters ist im Brüsseler Bozar zu sehen, dem Palast der schönen Künste. Das Haus zeigt eine Werkschau von mehr als 50 Werken, die erste Retrospektive seit mehr als 20 Jahren. Zurbarán gehört zu den großen Drei der spanischen Barockmalerei, aber neben Velázquez und Murillo ist er der vergleichsweise Unbekannteste. Umso glücklicher die Gelegenheit, sich mit den Besonderheiten seiner Kunst vertraut zu machen. Die Schau wurde in Kooperation mit dem Prado in Madrid und dem Museo de Bellas Artes Sevilla konzipiert, Kurator Ignacio Cano Rivero arbeitet am Museum in Sevilla. Die Bilder der Schau kommen aus aller Welt, London, Paris, Moskau, Molwaukee, Seattle.

Zurbarán stammte aus der Provinz, wurde 1598 in Fuente de Cantos geboren, einem Kaff in der Extremadura, einer Region im Landesinneren, aus der viele der Konquistadoren stammten. Die Gegend war so öde, dass man fort musste, um es zu etwas zu bringen. Zurbarán zog nach Sevilla, wo er in die Lehre ging bei Pedro de Villanueva. Er ließ die Abschlussprüfung aus. Er machte sich einen Namen, vor allem Klöster gaben ihm bedeutsame Aufträge. Ab 1626 lebte er wieder in Sevilla, 1634 wurde er Hofmaler und arbeitete neben Velázquez an der Ausschmückung des königlichen Palacio del Buen Retiro. Er erlitt private Rückschläge, seine ersten zwei Frauen starben, sein Sohn Juan, ebenfalls ein Maler, fiel 1649 der Pest zum Opfer. Der Meister lebte in Krisenzeiten: Selbst der Westfälische Frieden beendete 1648 nicht den Krieg zwischen Frankreich und Spanien. Erfolgreich war er gleichwohl. Seine Produktion, mehr als 600 Werke sind heute bekannt, darunter monumentale Altarstücke, hätte er ohne eine große Werkstatt nicht ausführen können. 1664 starb er in Madrid.

Die Brüsseler Schau folgt dem Werk grob chronologisch, mit thematischen Kapiteln, um die Besonderheiten in Zurbaráns herauszuarbeiten. Im Katalog ist von „gemalter Mystik“ die Rede, und das beschreibt sehr gut einige der intensivsten Arbeiten des Künstlers. Sakrale Motive stehen im Zentrum seines Schaffens, was im erzkatholischen Spanien jener Jahre kaum wundert. Seine Malerei, von Caravaggio beeinflusst, ist oft konzentriert auf das zentrale Motiv. Der Franciscus zum Beispiel steht in keinem realen Raum, tritt dem Betrachter aus einem ungefähren Dunkel entgegen. Seine Darstellung des sterbenden Christus (ca. 1635–1640) deutet Landschaft am unteren Bildrand nur an. Wie ein Blitz leuchtet der Körper des Erlösers wiederum aus dem Dunkel. Anders als in vielen anderen Darstellungen hängt Christus nicht an den Nägeln, sondern steht auf einem kleinen Podest am Kruzifix. Das ermöglicht es Zurbarán, dem Körper eine Spannung nach oben zu verleihen. Der Gekreuzigte blickt zum Himmel, überwindet bereits ekstatisch den Schmerz.

Wunderbar verstand der Künstler es, den Betrachter in intime Nähe zu heiligem Geschehen zu rücken. Er malt „Das Haus von Nazareth“ als familiäre Szene mit Maria und dem jugendlichen Jesus (ca 1644/45). Der Sohn Gottes flicht einen Dornenkranz und sticht sich in den Finger – was natürlich auf die Passion vorausdeutet. Maria, der ein Kissen wie ein Baby auf dem Schoß liegt, blickt tieftraurig auf ihn, ganz sacht, aber unübersehbar hat Zurbarán Tränen in ihr Gesicht gemalt. Auch hier konzentriert der Maler sein Können auf die beiden Figuren und wenige Objekte. Und doch lädt er das Bild mit frommen Anspielungen auf, vom himmlischen Lichtstreifen voller Engelsköpfe über dem Haupt Christi bis zu den Tauben im Vordergrund, die auf eine Bibelstelle verweisen, und selbst die schneeweißen Tücher stehen für die Jungfräulichkeit Mariens.

Die Bilder waren begehrt, das zeigt die Schau zum Beispiel mit mehreren Variationen der unbefleckten Maria als Kind. Die wahrscheinlich früheste Fassung (um 1635) aus Guadalajara zeigt das Mädchen auf einer transparenten Mondsichel und einer Wolke aus Engelsköpfchen schwebend über einer Landschaft, die links das damalige Sevilla, rechts einen Paradiesgarten andeutet. Den wehenden blauen Mantel und die Putti, die fast wie Straßenpflaster unter ihren Füßen liegen, scheinen wohl gut bei der Kundschaft angekommen zu sein, sie findet man auch beim monumentalen Altarstück für das Kartäuserkloster von Jerez de la Frontera (ca 1638/39), für heutige Betrachter bietet er fast zuviel.

Aber dann kommt man wieder vor das phänomenale Porträt des Mercedariers Bruder Jerónimo Pérez (1630/32), den Zurbarán in eine weiße Wolke hüllt, so ausladend gibt er die weiße Kutte wieder. Oder man sieht das grandiose Lamm mit den gefesselten Läufen, dessen flauschiges Fell er so plastisch schildert und das er unter dem hauchdünnen Heiligenschein so schicksalsergeben gucken lässt, dass man sofort weiß, dies ist das Agnus dei, das Lamm Gottes (ca 1635-40).

Und erst seine Stillleben. Bei dem fein in einer Reihe aufgestellten Geschirr (ca 1658–64) denkt man schon an die magischen Bilder Giorgio Morandis. Völlig verzaubert Zurbarán den Betrachter mit der schlichten Tasse Wasser und der Rose auf einem Silbertablett – wieder eine fromme Anspielung auf Passion und Unschuld, aber auch mit all den Spiegelungen und der grandios eingefangenen Wasseroberfläche ein Meisterstück des Realismus.

Bis 25.5., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0032/2/507 82 00, www.bozar.be, Katalog (nl./frz) 49 Euro

Allg. Info: Belgien-Tourismus, Köln, Tel. 0221/ 277 590, www.belgien-tourismus.de

Quelle: wa.de

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