Der Bozar Brüssel zeigt die erste Werkschau zum Maler Bernard van Orley

Der Stadtphysicus: Bernard van Orleys Porträt von Georges de Zelle, zu sehen in Brüssel. Foto: Bozar

Brüssel – Der Brüsseler Physicus Georges de Zelle zeigt sich in all seiner Würde: Gekleidet in kostbaren Pelz, blickt der Mediziner gerade auf vom schweren Folianten mit dem Kanon des Avicenna. 28 Jahre alt, erfolgreich, ein Intellektueller, der etwas galt. So porträtierte ihn 1519 Bernard van Orley, ein überzeugendes Bild.

Zu sehen ist es im Bozar in Brüssel, dem Kunstpalast, der dem Künstler die erste Werkschau überhaupt mit rund 100 Exponaten widmet. Bernard van Orley (1488-1541) gehörte zu den bedeutendsten Malern der Niederlande vor Bruegel, ungeachtet einiger Karriereknicke. Er war Hofkünstler der Statthalterinnen Margareta von Österreich und Maria von Ungarn. Er porträtierte die Reichen und Schönen des weltumspannenden Habsburgerreichs unter Karl V., einschließlich des noch jungen Kaisers. Diese relativ kleine Tafel kann man in der Ausstellung mit einer alten Kopie vergleichen. Im Vergleich kommt seine souveräne Meisterschaft zum Beispiel bei der Ausarbeitung der Frisur und der Spitzenborte besonders zur Geltung. Als 1520 Albrecht Dürer Brüssel besuchte, bewirtete ihn van Orley so großzügig, dass der deutsche Meister notierte, das „köstlich Mal“ müsse mindestens zehn Florin gekostet haben.

Van Orley, Sohn eines aus Luxemburg stammenden Malers, hat die Renaissancekunst in Brüssel geprägt. In der Ausstellung sind Flügel eines Altars von 1510 zu sehen, in ihrem statischen Aufbau noch nah an der mittelalterlichen Tradition. Schon bald bekam er prestigeträchtige Aufträge zum Beispiel für die Heiligkreuz-Bruderschaft in Veurne. Seine Werke findet man noch immer in den Gotteshäusern der belgischen Hauptstadt, denn er malte nicht nur, sondern entwarf auch Glasmalerei und Teppiche. Flandern feiert gerade das Bruegel-Jahr. Van Orley gehört insofern dazu, als er das Milieu mitschuf, dem der große Bauernmaler entwuchs.

Er hat die moderne Bildsprache von Raffael und Bellini aufgegriffen. Lange vermuteten Kunsthistoriker, dass van Orley Italien bereist haben müsse. Inzwischen geht man eher davon aus, dass er zum Beispiel Raffaels Werk in Brüssel begegnet ist. Dort nämlich wurden Teppiche gewebt, die der italienische Maler entworfen hatte. Vermutlich hat van Orley die Kartons von Raffael im Atelier des Teppichwebers Pieter van Aelst gesehen. In der Ausstellung sieht man zum Beispiel das Polyptychon mit Szenen zu Hiob und Lazarus (1521). Auf der Mitteltafel sieht man die dramatische Szene, bei der die Kinder Hiobs im einstürzenden Haus sterben. Van Orley verlegt das Geschehen zwischen antikisierende Säulen, verleiht ihm räumliche Tiefe, er betont den Schrecken dadurch, dass er die Leiber durcheinander wirbelt, alles unter einer düsteren Wolke, als hätten sich die Pforten der Hölle direkt über dem gedeckten Tisch geöffnet.

So etabliert van Orley auch war, es schützte ihn nicht vor dem Zugriff der Inquisition. 1527 gab es einen spektakulären Prozess gegen einige der prominentesten Brüsseler Künstler wegen Sympathien mit der Reformation. Es ging einigermaßen glimpflich aus für van Orley, die Betroffenen kamen mit Bußgeldzahlungen und dem Gelöbnis, sich zu bessern, davon. Allerdings verlor er für einige Jahre die Gunst der Statthalterin. Ab 1532 allerdings arbeitete er wieder für den Hof.

In der Ausstellung sind die imposanten Gemälde van Orleys zu sehen wie das Haneton-Triptychon, das von der Familie des Staatssekretärs Philip Haneton gestiftet wurde (Anfang der 1520er Jahre). Die Mitteltafel zeigt nahsichtig eine Beweinung Christi, und besonders im tränenüberströmten Gesicht der Gottesmutter findet man Motive der italienischen Renaissance überzeugend umgesetzt.

Das höfische Schaffen van Orleys ist aber auch mit großformatigen Tapisserien dokumentiert. Aus dem Museo Capodimonte in Neapel wurde ein acht Meter breiter Teppich aus der sechsteiligen Serie „Die Schlacht bei Pavia“ (1525-31) entliehen. Detailreich schildert van Orley einzelne Kampfszenen von Landsknechten, höfische Damen auf der Flucht, eine Explosion. Frisch leuchten die Farben, als wäre das Werk nicht 500 Jahre alt. Dazu sind die Entwurfskartons ausgestellt, Leihgaben aus dem Pariser Louvre, und man kann bestaunen, wie präzise die filigranen Entwürfe von den Webern ins große Format und ins andere Material umgesetzt wurden. Weniger kriegerisch, aber ebenso prachtvoll sind die Tapisserien mit Jagdszenen. Hier setzte van Orley nicht nur Ansichten von Brüsseler Palästen um, er zeigte auch naturgetreu Tiere wie eine Eule und einen Raben. Und von Dürer übernahm er einen Dudelsackspieler unter Bäumen. Diese Meisterwerke aus Wolle, Seide und Goldfäden waren größte Kostbarkeiten.

Bis 26.5., di – so 10 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 0032 / 2/ 507 82 00, www.bozar.be,

Katalog (nl./frz.) 49,90 Euro

Parallel zeigt der Bozar noch die opulente Ausstellung „Drucke der Bruegel-Zeit“, bis 23.6.

Quelle: wa.de

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