Boris Charmatz zeigt die Choreografie „manger“ bei der Ruhrtriennale

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Auch eine Form von Multitasking: Die essenden, singenden und tanzenden Darsteller in Boris Charmatz’ „manger“.

Von Edda Breski BOCHUM - Salat ohne Dressing: Mehr isst ein Tänzer nicht, zumindest sehen viele danach aus. Natürlich ist das in den meisten Fällen nicht so einfach, dennoch ist Essen, nicht nur für Tänzer, ein heikles Thema. Der französische Tanz-Schaffende Boris Charmatz hat das Essen zum Thema einer Performance gemacht, die bei der Ruhrtriennale zu sehen ist: „manger“.

Eine schwierige Aufgabe für 14 Tänzer in der Jahrhunderthalle Bochum. Sie müssen sich nicht nur bewegen und dazu ihre eigene Begleitmusik singen, möglichst im Chorsatz: Sie stopfen dabei Mengen an Esspapier in sich hinein. Sie beißen von Din-A-4-Bögen ab, die sie in den Händen halten wie Sekretäre vor dem Diktat, sie reißen und nehmen Schnipsel vom Boden auf, sie kauen und tasten die Papierknäuel im Mund ab.

Da ein Salatblatt Forschern zufolge nicht mehr Nährwert hat als ein Taschentuch, öffnet schon Charmatz‘ Materialwahl mehrere Bedeutungsebenen. Papier nährt nicht. Das Verspeisen weißer Papierbögen ist ein absurder Akt. Essen ist alles: Hineinstopfen, Erkunden, Mittel zur Kommunikation. Die 14 Männer und Frauen zucken auf dem Boden, erst allein, später bilden sie Knäuel wie Fußballer nach dem Tor oder hüpfen aufeinander wie Äffchen. Dabei singen sie eine eklektische Musikmischung: den zweiten Satz von Beethovens siebter Sinfonie, eine Desprez-Motette, Rocksongs unter anderem von The Kill, Themen von Morton Feldman und György Ligeti. Charmatz hat unterschiedliche Typen ausgewählt: groß, klein, schmal, kräftig. Ein Mann trägt Jeansshorts und Sneaker, eine etwas kräftigere Frau eine pinke Bluse, die hochrutscht und ihren Bauch freigibt.

Der Erkundung sind keine Grenzen gesetzt: Eine Tänzerin beißt einer anderen in den behosten Hintern wie in eine Frucht. Die kräftigere Frau stopft sich ihre Haare in den Mund und versucht, ihre Brüste zu essen. Einmal spuckt sie einen Klumpen Papier aus, zerdrückt ihn unter ihrem Schuh und steckt ihn wieder in den Mund. Diese Aktion ist ekelig, allerdings bindet Charmatz solche Provokationen in das Gesamttableau seines kauenden, mampfenden Ensembles ein. Jede Handlung erklärt er für so natürlich wie die anderen.

Charmatz bricht zwei wesentliche Tabus des Tanzes. Erstens: Er thematisiert das Essen und damit den Körper mit seinen biologischen Funktionen. Das schockiert, weil vor allem im klassischen Tanz der Körper zugunsten der reinen Idee zurückzutreten hat. Der Körper ist Mittel zum Zweck und wird jahrelangem Drill unterzogen, damit er die perfekte Form erreicht. Zweitens: Körper haben besonders im Leistungstanz moderner Prägung einer bestimmten Ästhetik zu entsprechen. Diese ist genau definiert nach Körperform und Gewicht. Wer aus dem Raster fällt, ist draußen.

Dem setzt Charmatz individuelle Körper entgegen, jeder mit eigener Bewegungsdynamik. Hochleistung wird auch hier erbracht: Man versuche nur, zehn oder zwanzig Mal hochzuspringen und mit vollem Mund, der die Atmung behindert, ein Lied zu singen.

In „manger“ geht es nicht um die reine Lust am Tabubruch. Indem er ihm ein Ensemble aus normalen Menschen präsentiert, macht Charmatz sein Publikum zum Teil der Performance. Der Zuschauer findet sich wieder, während er vertraute Abläufe des Essens betrachtet. Tanz ist überdies, auch daran erinnert „manger“, eine Kunstform, in die sich fast jeder einbeziehen lässt – daher kam in den vergangenen Jahren der Erfolg von Choreografen wie Royston Maldoom, die Projekte mit Laien machen. Die Ehrfurcht vor den dünnen Hochleistungs-Körpern lässt sich so, und wenn nur zeitweise, überwinden.

26., 27.9., Tel. 0221/ 280 210, www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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