Bonn zeigt die Sammlung Oppenheim und Tell Halaf

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Der 184 cm hohen Raubvogelskulptur aus Tell Halaf (frühes 9. Jh. v. Chr.) gab Oppenheim den Spitznamen „Hans Huckebein“. Jetzt ist sie in Bonn zu sehen.

Von Ralf Stiftel -  BONN Fremd und wuchtig steht er wieder da, der Adler auf einem Blattkranzkapitell, mannshoch, mit mächtigem Schnabel. Einst, vor fast 3000 Jahren, zierte die Skulptur mit den feinen Oberflächenlinien den Palast eines aramäischen Fürsten. Im Zweiten Weltkrieg verging auch „Hans Huckebein“, wie er respektlos genannt wurde, im Feuersturm über Berlin.

Aber nach einer beispiellosen Restaurierung, einem Puzzle für Archäologen, kann er wieder bewundert werden. Zur Zeit in der Bonner Bundeskunsthalle.

Vor drei Jahren wurden die „geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf“ in Berlin zum Publikumsmagneten: 700 000 Besucher kamen, als im Pergamon-Museum die aus dem Bombenschutt zusammengesetzten Basaltskulpturen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Nun sind sie am Rhein zu sehen, in einer Ausstellung, die nicht nur die Funde in spektakuläres Licht rückt, sondern auch den Entdecker würdigt. Max von Oppenheim (1860-1946), geboren in Köln als Spross einer Bankiersfamilie, hatte als interessierter Laie erst die versunkenen Schätze ans Licht gebracht. Und weil sein Leben geradezu einem Roman von Karl May entnommen sein könnte, heißt die Bonner Ausstellung: „Abenteuer Orient – Max von Oppenheim und seine Entdeckung von Tell Halaf“.

Oppenheim war Jurist und trat 1883 in den Staatsdienst ein. Schon früh führten ihn Reisen ins damalige osmanische Reich. Er studierte in Kairo den Islam, lernte Arabisch und sprach es fließend. Ab 1896 arbeitete er an der deutschen Botschaft in Kairo. Da sein eher spärliches Diplomatengehalt durch eine väterliche Apanage aufgestockt wurde, konnte er in der ägyptischen Metropole geradezu Hof halten und seiner Sammelleidenschaft nachgehen. Orientalische Kleider, Schmuck, Kunsthandwerk gehörten zu seiner Kollektion.

Weil er aber nicht nur Diners und lebende Bilder („Sultan mit Gefolge“) veranstaltete, sondern auch Kontakt mit arabischen Aktivisten der panislamischen Bewegung hatte, einer antikolonialen Bewegung, geriet er in Spionageverdacht. Eigentlich hatte er 1899 im Auftrag der deutschen Bank eine Trasse für die Bagdadbahn erkunden sollen. Aber das hätte diplomatische Verwicklungen mit den Franzosen und Briten gegeben. So reiste er als Privatmann. Und entdeckte am 19. November am Tell Halaf in Syrien den verschütteten Palast, an dem er ohne Genehmigung erste Grabungen vornahm, die später in einer systematischen Freilegung fortgesetzt wurden. Oppenheim war offenbar ein deutscher Dandy. Er betrieb die Grabungen als Luxusunternehmen, mit einem „Wüstenschloss“ genannten Haus, in dem weder Unterhaltung durch ein Grammophon fehlte noch importierter Champagner.

Bei seinen Grabungen wurden monumentale Skulpturen freigelegt. Aber dann kam der Weltkrieg, und als Kenner von Land und Leuten wurde Oppenheim in militärische Dienste genommen. Erst 1927 kam er wieder nach Tell Halaf und fand einen Teil seiner Funde zerstört – auch hier hatte der Krieg getobt. Er einigte sich mit der französischen Kolonialverwaltung auf eine Fundteilung und konnte einen großen Teil der Funde nach Berlin bringen. Inzwischen war er zwar verarmt, eine Folge der Inflation, aber er schaffte es dennoch, die Skulpturen und anderen Objekte in einem eigenen Tell-Halaf-Museum zu präsentieren, das 1930 eröffnet wurde. Bis 1943 eine Brandbombe direkt ins Museum traf. Die Basaltskulpturen überstanden sogar das – aber die plötzliche Abkühlung durch das Löschwasser ließ sie zerspringen. Die Bruchstücke wurden geborgen – und schon Oppenheim hatte die Hoffnung geäußert, dass seine Lieblingsstücke wie die „Große Sitzende“ einmal wieder zusammengesetzt werden könnten. Nach der Wiedervereinigung wurde das umgesetzt.

Die Bonner Ausstellung zeigt nun diese Figuren: Schreitende Löwen, Sphingen, grandiose Reliefs. Mehr als 500 Objekte werden präsentiert, darunter auch Leihgaben aus internationalen Museen. Dabei wurde die Eingangsfassade des West-Palastes rekonstruiert, das heißt, die restaurierten Monumentalfiguren in originaler Anordnung aufgestellt. Natürlich sind viele der schon in der Antike zerschlagenen, Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals restaurierten und dann wieder vernichteten Steinfiguren Ruinen, und man sieht ihnen den Charakter als Stückwerk durchaus an. Trotzdem wirken sie imposant, kann man die ästhetische Wirkung noch in dem beschädigten Zustand spüren.

Aber man sieht eben nicht nur die archäologischen Schätze, sondern bekommt in originalen Objekten aus der oppenheimschen Sammlung auch einen Eindruck der Sammellust des Barons. Der liebte alte Steinschlossgewehre ebenso wie reich bestickte Frauengewänder, Parfümflakons und Armreife, den Messingleuchter aus dem 13. Jahrhundert wie den Rosenwassersprenkler aus chinesischem Porzellan. Mehrere persische Gemälde zelebrieren eine orientalische Erotik und zeugen von einer romantischen Lust an der Fremde, zum Beispiel im Bild einer Prinzessin mit Weinflasche. Und man sieht natürlich in vielen Fotos Momente aus dem abenteuerlichen Leben Max von Oppenheims.

Die Schau

Die Skulpturen aus Tell Halaf werden mit der Biografie ihres Entdeckers präsentiert: Abenteuer Orient – Max von Oppenheim und seine Entdeckung des Tell Halaf in der Bundeskunsthalle Bonn. Bis 10.8., di, mi 10 – 21, do – so bis 19 Uhr, Tel. 0228/ 91 71 243, www.bundeskunsthalle.de

Katalog, Buchhandlung Walther König, Köln, 29 Euro

Quelle: wa.de

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