Die Skulptur als Kraftquelle

Bonn und Duisburg zeigen Beuys im Dialog mit seinem Lehrer Lehmbruck

Die Honigpumpe am Arbeitsplatz (1977) von Joseph Beuys ist in Bonn zu sehen. 	Foto: Stiftel
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Das Restmaterial einer ikonischen Aktion: Die Honigpumpe am Arbeitsplatz (1977) von Joseph Beuys ist in Bonn zu sehen. Foto: Stiftel

Bonn/Duisburg – Noch immer beeindruckt die „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ durch ihre schiere Präsenz. Die Pumpe, der Elektromotor, die Fässer, die Metallrohre und Plastikschläuche sind eine Menge Material, das sortiert in der Bundeskunsthalle Bonn liegt. Aber so hatte Joseph Beuys seine Installation für die documenta 6 in Kassel nicht gemeint. Keine statische Skulptur sollte 1977 seiner Free International University, dem eigentlichen Beitrag zur Weltkunstausstellung, stoffliche Präsenz verleihen. Eine laufende Maschine sollte das Strömen von Energie versinnbildlichen. Der Honig sollte stetig strömen wie das Blut im menschlichen Organismus, durch den Raum, in dem über die soziale Plastik diskutiert wurde.

In der Ausstellung „Lehmbruck – Beuys“ ist also nur ein Torso zu sehen, die toten Überreste eines Happenings. Allerdings ist direkt daneben in einem Film zu sehen, wie damals die Arbeit auf das Publikum wirkte.

Zum 100. Geburtstag des Aktionskünstlers feiern jede Menge Ausstellungen den Meister vom Niederrhein. Der Kooperation der Bundeskunsthalle in Bonn und des Lehmbruck-Museums in Duisburg kommt schon deshalb besondere Bedeutung zu, weil hier einige der ikonischen Hauptwerke versammelt sind. Die Honigpumpe zum Beispiel wurde vom Louisiana Museum im dänischen Humlebaek entliehen.

Vor allem aber verfolgt die von Söke Dinkla und Johnna Adam kuratierte Doppelausstellung an zwei Standorten eine Spur, die Beuys selbst gelegt hat. Als ihm 1986, elf Tage vor seinem Tod, der Wilhelm-Lehmbruck-Preis verliehen wurde, da begann er seine Rede: „Ich möchte meinem Lehrer Wilhelm Lehmbruck danken.“ An beiden Standorten läuft ein Film der Verleihung. Es klingt zunächst absurd: Beuys konnte Lehmbruck nie begegnen. Der depressive Bildhauer hatte sich 1919 das Leben genommen. Aber Beuys beschreibt eindringlich, wie sehr die Abbildung einer Skulptur des großen Expressionisten in einem Heft ihn tief erschütterte, ihn zum Gedanken führte: „Alles ist Skulptur.“

Es gibt viele Berührungspunkte zwischen den beiden Künstlern. Beide wurden durch ihre Kriegserfahrung tief erschüttert. Beide provozierten heftige Reaktionen im Publikum: Ein Schlüsselwerk Lehmbrucks, die „Kniende“, löste heftigeProteste aus, als sie 1927 zu Ehren in Duisburg aufgestellt wurde. Protestierende stürzten das Werk vom Sockel. Beide brachen mit der Tradition, gaben der Kunst eine neue Richtung. Lehmbrucks „Kopf eines Denkers“ (1918) soll nicht mehr einen Menschen abbilden, sondern den Vorgang des Denkens sichtbar machen. Diese Qualität spürte Beuys, er nannte es etwas „Innerliches“, das „eigentlich gar nicht visuell zu erfassen“ sei. Beide bezogen sich auf den Anthroposophen Rudolf Steiner.

Eine direkte Verwandtschaft zwischen großen Installationen und Lehmbrucks eindringlichen Skulpturen ist schwer zu entdecken. Aber es gibt vielfältige Linien und Beziehungen. In seinen Hauptwerken hat Lehmbruck sich mit Leiden und Niederlage befasst, wovon der monumentale „Gestürzte“ (1915-16) zeugt. Da richtet sich kein Held der Nation stolz auf, hier sind Scheitern und Niederlage schmerzlich ausgeformt. In Beuys‘ Frühwerk findet sich die Kleinskulptur „Krieger“ (1955-58) aus Gips und Mull. Versehrter kann eine menschliche Figur kaum gezeigt werden. Und wenn er 1966 ein Cello in Filz packt und in eine Vitrine legt, dann greift das die Geste des Niederlegens auf: Das Musikinstrument wird zum Stellvertreter des menschlichen Körpers, und der Glaskasten zu einer Art tramsparentem Sarg („Infiltration-homogen für Cello“, 1966/1985). Auch in den Zeichnungen finden sich Parallelen, im tastenden Umschreiben von Formen.

Vor allem aber übernahm Beuys von seinem Lehrer den Gedanken, dass Skulptur mehr ist als das Nachbilden von Naturformen. Von hier aus entfaltete der Künstler das Konzept der sozialen Plastik, des erweiterten Kunstbegriffs, bei dem es um unmittelbare Eingriffe in die Gesellschaft geht. Am konkretesten wurde das vielleicht in der Aktion „7000 Eichen“ für die documenta 1982, wo er 7000 Findlinge vor das Fridericianum ablegte. Der Haufen Steine hatte ja die Anmutung einer sehr großen minimalistischen Skulptur. Die aber existierte nur auf Zeit. Beuys zielte auf die Veränderung des Stadtraums, indem für jeden gepflanzten Baum ein Block weggenommen wurde.

So hat man gleichsam zwei sich überschneidende Retrospektiven, die allein in der Bundeskunsthalle rund 100 Arbeiten von Lehmbruck und 200 von Beuys ausbreiten. Obwohl die wenigsten Werke unmittelbar korrespondieren, führt die Präsentation doch zu einer Art Dialog, bei der man beide Künstler intensiv neu sieht.

Bei Beuys hat das den schönen Effekt, dass man erkennt, wie konsequent er sein Konzept von Plastik entwickelte. Gerade die großen Schlüsselarbeiten werden durch Filme und Dokumente sinnfällig erschlossen, man sieht in den alten, oft fürs Fernsehen entstandenen Berichten, wie fremd das auf die Besucher wirkte. Man begegnet den „Urtieren“, klumpigen Gebilden, für die Beuys Werkzeuge in Ton oder Lehm einschloss. Man darf sich am Witz von Objekten freuen wie dem „Erdtelefon“ (1968), für das Beuys neben einen Fernsprecher einen Klumpen aus Erde und Stroh pappte. Es gibt das noch ziemlich realistische „Junge Pferdchen“ aus Wachs in der Gussform (1955-1986) und die Schultafeln, vollgeschrieben mit theoretischen Formeln und manchmal skurrilen Thesen.

Es gibt tatsächlich eine „Geruchsplastik“ (1978), ein Einweckglas mit Informationsmaterial, ätherischen Ölen und Chlorophyll. So schnell wird kein Kunstfreund die Düfte dieser Arbeit wahrnehmen, die schon aus konservatorischen Gründen geschlossen bleiben muss. Aber die Idee, die hat etwas.

Bis 1.11., Bonn di, mi 10 – 21, so – so bis 19 Uhr,

Tel. 0228/ 9171 200,

www.bundeskunsthalle.de

Duisburg di – fr 12 – 17, sa, so 1 – 17 Uhr,

Tel. 0203/ 283 3294, www. lehmbruckmuseum.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Berlin, 29 Euro

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