Luc Bondy inszeniert „Die Stühle“ bei der Ruhrtriennale

+
Dominique Reymond und Micha Lescot als Semiramis und Poppet in Ionescos Stück „Die Stühle“ in Duisburg. ▪

Von Edda Breski ▪ DUISBURG–Einer hängt schon; da hat das Spiel noch nicht einmal begonnen. Zwei Galgenstricke pendeln von der Decke, einer der Stühle, die dem Stück Eugène Ionescos ihren Namen geben, baumelt in der Schlinge. Die Ruhrtriennale zeigt im Landschaftspark Duisburg-Nord „Les Chaises – Die Stühle“ in der Regie von Luc Bondy als Ersatz für die eigentlich geplante Inszenierung des Horvath-Stücks „Don Juan kommt aus dem Krieg“, die der erkrankte Bondy nicht realisieren konnte.

Bereits vor der Premiere waren die meisten Karten auch für die Folgevorstellungen weg. Dabei wird der Einakter französisch gespielt und deutsch übertitelt; das ist auch besser, weil die beiden Schauspieler – als uraltes Paar – rollengetreu schrecklich nuscheln.

Ionesco entwirft in seinem Einakter eine Welt, die als solche untergegangen ist. Das Paar Semiramis und Poppet sitzt inmitten der Verwüstung in einem Turm. Paris gibt es nicht mehr, „nicht einmal mehr die Pyrenäen“. Poppet will der Welt trotzdem sein Vermächtnis hinterlassen, eine Botschaft, die sein Leben summieren und, am Ende, erhöhen und rechtfertigen wird. Das Paar stellt Stühle für die Gäste auf. Ein Redner (Roch Leibovici) soll das Werk vollbringen – aber er kann nicht sprechen.

Die beiden Darsteller Micha Lescot und Dominique Reymond tragen diese Inszenierung. Sie geben ihren Figuren Kraft und Witz, Ernst und anrührende Überzeugung, Verzweiflung und einen Hauch müder, schelmischer Weisheit, die sich selbst nicht für voll nimmt. Wie sie sich als alte Menschen geben, ist großartig. Noch bewegender sind sie, wenn sie die Gegenwart nichtexistenter Gäste suggerieren. Sie bewegen sich in einem schwarzen Kubus (Bühne und Licht: Karl-Ernst Herrmann), in den nichts dringt. Nur eine Pfütze breitet sich in der Mitte aus. Die Klingel wird durch aufleuchtendes Licht ersetzt, wie im Haus von Gehörlosen. Das Paar ist in seiner Zweierwelt gefangen wie Menschen, die in einem Container zur Sinndeprivation stecken. Die Requisiten – ein Radiator, ein Radio – sind Treibgut aus vergessenen Tagen. Er erzählt seit 80 Jahren die gleichen Anekdoten und sie fordert ihn zärtlich dazu auf: „Mon chou, mon ange!“ Sie tanzen zu einem Schlager im Rosenlicht, und für einen Moment richten sie sich aneinander auf. Ein Jahrhundert Zweisamkeit: Fluch oder doch noch Segen? In diese Frage inszeniert Bondy hinein.

Das absurde Theater wendet sich vom Lehrtheater Brecht'scher Prägung ab, thematisiert ein Hineingeworfensein ins Leben, das unerklärlich, unauflösbar und unerträglich scheint. Zur Überbrückung dient die Farce. Bei Bondy ist die Farce psychologisches Mittel im umgekehrten Sinn. Sie distanziert nicht, sie schafft Nähe. Bondy verschafft seinem Publikum im besten Sinne komische Erleichterung, wenn Poppet hinter Semiramis herschlurft und ihr mit einem schlaffen Baguette in den Rücken piekt.

Dort, wo die zwei ihre gelebte Geschichte befragen, berührt das Stück. Wenn da nicht noch so viel Text übrig wäre! Auch die Hingabe Reymonds und Lescots trägt nicht den Mittelteil. Die argumentativen Schleifen, das ewige Karussell, auf dem sich das Paar dreht, ermüdet; die Fallhöhe wird flacher, das Prisma trübt sich ein. Nur selten noch greift Bondy in die Trickkiste und schafft einen berührenden Moment wie diesen: die Stühle stehen, besetzt mit imaginären Gästen, die sich wohl sehr feierlich benehmen, da fährt aus der Kulisse ein kleines ferngesteuertes Auto mit blinkenden Scheinwerfern. Dominique, die gern einen Sohn gehabt hätte, flirtet das kleine Auto an, und Poppet schimpft: Man bringt doch keine Kinder mit auf einen wissenschaftlichen Vortrag!

„Les Chaises – die Stühle“ ist ein Stück des Théâtre Vidy-Lausanne, das die Ruhrtriennale in Kooperation mit den Wiener Festwochen zeigt, deren Intendant Luc Bondy ist. Zu sehen noch heute und Sa, 3.9., in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg.

Tel. 02 09/1 67 17 75,

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare