Medien-Thriller über Fox News

„Bombshell“ im Kino: Charlize Theron und Margot Robbie spielen Opfer sexueller Gewalt

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Die „Bombshells“: Charlize Theron als Megyn Kelly, Nicole Kidman als Gretchen Carlson und Margot Robbie als Kayla Pospisil.

Fox News ist für die Verbreitung Trump-freundlicher Fake News berüchtigt. Der Kino-Film „Bombshell“ zeigt als rasanter Medien-Thriller ein anderes dunkles Kapitel.

  • Der Medien-Thriller „Bombshell“ rekonstruiert sexuellen Missbrauch beim TV-Sender Fox News
  • Die Hauptrollen spielen Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie
  • „Bombshell“ gewann einen Oscar für das beste Make-up

Sexueller Missbrauch in der Medienbranche ist nicht erst seit der MeToo-Debatte ein Thema. Im Gegenteil; verkleidet in Euphemismen, prägt er das öffentliche Bild der sogenannten Traumfabriken seit fast hundert Jahren. Man nehme nur ein Wort wie „Besetzungscouch“. Der aktuelle Duden erklärt es auf Seite 303: „Couch im Büro eines Filmproduzenten o. Ä., auf der angeblich die Entscheidung über die Besetzung einer Rolle allein aufgrund sexueller Kontakte erfolgt.“

Abgeleitet vom englischen „casting couch“, gehört der verniedlichende Begriff zu einer Film-Folklore, an deren Fabrikation Hollywood selbst nicht unbeteiligt war. Wenn das Publikum bereit war, selbst den größten weiblichen Stars zuzutrauen, für den Erfolg diese vermeintlich obligatorische Hürde passiert zu haben, hielt das nicht nur ein zweifelhaftes Frauenbild lebendig. Auch das möglicherweise kriminelle Verhalten der Studiobosse erschien, da doch allgemein bekannt und scheinbar alltäglich, als legitim.

Kino-Film „Bombshell“: Margot Robbie und Charlize Theron spielen Moderatorinnen bei Fox News

Der Film „Bombshell“ über einen Missbrauchsskandal im Boulevard-Sender Fox News zitiert schon im Titel die Zeit, in der Hollywood sich diesen zweifelhaften Ruhm erwarb. Wörtlich übersetzt mit „Knalleffekt“, ist das Wort eng verbunden mit dem gleichnamigen Film von 1933, in Deutschland bekannt als „Sexbombe“. So nannte die Presse damals auch Hauptdarstellerin Jean Harlow, die in der Komödie eine Karikatur ihrer Medienpersona verkörpert – einen Star, der vergeblich alles daran setzt, sein verruchtes Image loszuwerden.

Das ist eine lange Vorrede für eine Filmkritik, aber Drehbuchautor Charles Randolph und Regisseur Jay Roach ziehen nun einmal einen weiten Bogen. Ähnlichkeiten zum Studiosystem Hollywoods sind kaum zufällig. John Lithgow spielt Fox-News-Chef Roger Ailes wie einen patriarchalischen Studiochef im alten Hollywood. Bei der Wahl seiner „anchor women“ steht das Äußere an erster Stelle: Blond sollen sie sein, und ihre Beine hinter durchsichtigen Tischen präsentieren.

„Bombshell“ im Kino: Film zeigt Missbrauchsskandal im US-Sender Fox News

Das weckt ein vertrautes Bild von der Medienindustrie und erklärt vielleicht auch, wie selbstverständlich noch immer der alltägliche Sexismus bei einem solchen Sender durchgeht. Wenigstens bei einem erzkonservativen Boulevard-Nachrichtenkanal, der bis heute für die Verbreitung Trump-freundlicher Fake News berüchtigt ist.

Mehr oder minder konservativ eingestellt sind auch die drei Moderatorinnen, von denen der Film erzählt: Megyn Kelly (Charlize Theron), Gretchen Carlson (Nicole Kidman) und eine fiktive, wie es heißt nach den Aussagen mehrerer Opfer gestaltete Figur namens Kayla Pospisil (Margot Robbie).

Als Starmoderatorin Kelly Donald Trump in einem Live-Interview eine kritische Frage zu einem seiner frauenfeindlichen Zitate stellt, überzieht sie dieser kurz danach mit Hass-Tweets. Hier erscheint Senderchef Ailes noch als guter Geist, der ihre Position nicht antastet und sogar Sicherheitsvorkehrungen für ihr Haus veranlasst. Tatsächlich aber ist die öffentliche Debatte über den Vorfall für den Sender vor allem ein Quotenmagnet.

Film „Bombshell“ im Kino: Medien-Thriller über Fox News

Ailes’ wahres Gesicht zeigt uns der Film im Zusammentreffen mit der jungen Produktionsassistentin Kayla: Überraschend schnell erhält die attraktive Mitarbeiterin vom Vorzimmer eine Audienz beim Chef, der ihr beste Karriereaussichten eröffnet – und sie dafür wie für einen Porno posieren lässt: Immer höher soll sie das Kleid ziehen, während sich der Mittsiebziger laut schnaufend am Anblick ergötzt.

Es ist nicht leicht, eine solche Szene zu inszenieren, ohne dabei eigene Anzüglichkeiten zu generieren. Margot Robbie spielt sie bewundernswert mit zurückgehaltenen Tränen und verzweifeltem Lächeln. Später wird sie sich für ihre Unfähigkeit zur Verweigerung schämen. Tatsächlich beschreiben viele Opfer von sexueller Gewalt genau diesen Zustand des Gelähmtseins in ähnlichen Situationen. Es ist die zentrale, unvergessliche und wohl auch bleibende Szene des Films.

„Bombshell“ im Kino mit Charlize Theron, Margot Robbie und Nicole Kidman

Als Kayla sich einer Kollegin offenbart, winkt diese augenblicklich ab: Niemand wagt es offensichtlich, die Mauer des Schweigens einzureißen. Auch als ein weiteres Missbrauchsopfer, die wegen einer politischen Aussage gefeuerte Moderatorin Gretchen Carlson, für eine Klage nach Opfern sucht, scheint Ailes zunächst nichts zu befürchten zu haben.

Es ist bewundernswert, wie differenziert der Film die verschiedenen Opferpositionen beschreibt. Der schlechte Ruf des Senders in der Branche spielt dem Chef in die Hände: Wer für Fox arbeite, erklärt eine Angestellte, könne keine Kündigung riskieren – kein anderer Sender würde sie noch nehmen.

„Bombshell“ im Kino: Fake News und Wahrheit

Bessere Dialoge hat man selten in einem rasant erzählten Medienthriller gehört, denn ein Genrefilm ist dies natürlich auch: Immer wieder hat sich Hollywood mit Innenansichten des Fernsehens beschäftigt, und hier steht der Film in der Tradition von Sidney Lumets „Network“. Auch wenn es im Kern weniger um die Funktionsweise des populistischen Privatfernsehens geht als um sexuellen Missbrauch, ist die Glaubwürdigkeit des Milieus das A und O. Dennoch ist es irritierend, dass eine aufwendige Studioproduktion eines solchen Films an einen männlichen Regisseur vergeben wird, auch wenn dieser seine Sache sehr gut macht. Hätte man nicht eine zusätzliche Perspektive durch eine Regisseurin erhoffen können?

Doch das, was sich die Filmemacher vornehmen, erreichen sie mit Bravour. Wofür sie leider keinen Platz gefunden haben, ist eine Analyse der politischen „Bombshell“, der Brandbombe, die dieser Fernsehsender noch immer ist.

Von Daniel Kothenschulte

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