Bochumer Fotoausstellung von Stefan Hunstein im Wartezustand

Eine surreale Traumlandschaft vom Wohnen im Wiederaufbau: Stefan Hunsteins Bild aus dem Zyklus „Utopia“ ist nach dem Lockdown im Kunstmuseum Bochum zu sehen.

Bochum – In diesem Bild kann der Blick sich verlaufen. Stefan Hunstein überlagert in der Tafel aus der Serie „Utopia“ Aufnahmen aus der Frühzeit der Bundessrepublik, die vom Aufbruch und vom Optimismus des Wirtschaftswunders zeugen. Damals baute man Betonkomplexe, um viele Menschen unterzubringen. Dagegen stand der Traum vom Eigenheim, in dem man für sich leben konnte. Vielleicht gar mit dem Luxus eines Swimming Pools im Garten. All das packt der Künstler in ein Bild.

Die punktgenaue Collage gewinnt im Kunstmuseum Bochum eine einzigartige Räumlichkeit. Das liegt an der Machart: Hunstein realisiert seine Fotos auf einem Spezialglas als Bildträger. So kann er eine Mehrfachbelichtung dadurch simulieren, dass er die einzelnen Motive auf verschiedenen Platten übereinanderlegt. So behält jede Bildebene ihre Integrität. Und wie ein altes Vexierbild ändert sich das, was man sieht, je nach dem Blickwinkel. Auch der Titel der Serie „Utopia“ schillert mehrdeutig. Hunstein arbeitet darin die urbanen Visionen aus der Gründerzeit der Republik auf. Bilder, die einst Hoffnungen festhielten, werden heute ganz anders bewertet. Die surreale Betonlandschaft in den grellkünstlichen Bonbonfarbtönen der 1960er Jahre wirkt auf heutige Betrachter eher erschreckend.

Diese Mischung aus Vertrautheit und Ferne macht die Fotos so irritierend. Eine Tafel überlagert historische Aufnahmen der Bahnhöfe aus München und Frankfurt sowie vom Kurfürstendamm in Berlin. Es ist eine Apotheose der Mobilität, eine Feier des Automobils mit einem geisterhaften Schwarm von VW-Käfern. Kein Motiv kann man richtig fixieren, dafür sorgt die raffinierte Schichtung. Auch hier verliert sich der Blick in einer frappierenden Räumlichkeit.

Eigentlich kennen die Menschen des Ruhrgebiets Stefan Hunstein vom Schauspielhaus Bochum. In der Intendanz von Frank Patrick Steckel brillierte Hunstein in den Inszenierungen von Andrea Breth. Dann spielte er viel in München. Inzwischen steht er wieder in Bochum auf der Bühne, zum Beispiel als royaler Killer Oswald in Johan Simons‘ Inszenierung „King Lear“. Aber, betont der 63-Jährige im Gespräch, mit Fotografie beschäftigt er sich schon viel länger als mit Schauspielen, seit 40 Jahren. Und das auf professionellem Niveau, mit Einzelausstellungen. Und 1991 erhielt er den Deutschen Photopreis.

Museumsdirektor Hans Günter Golinski hat die Ausstellung „Abbild und Wirklichkeit“ lange geplant. Sie sollte im November eröffnet werden, der Lockdown verhindert das vorerst. Aber eingerichtet und gehängt wurden die Fotos schon. Wenn das Kunstmuseum wieder öffnet, möchte Golinski sofort wieder am Start sein können. Bei allem Verständnis für die schwierige Lage in der Pandemie: Die Zwangspause trifft ihn und sein Team schwer. Man biete schließlich nicht irgendein Freizeitvergnügen, eine Lustbarkeit, betont er, sondern man erfülle einen Bildungsauftrag. Kunstwerke wie Hunsteins Fotoarbeiten spiegelten das Selbstverständnis der Gesellschaft. Insoweit möchte Golinski wenigstens schon mal in den Medien Präsenz zeigen. Auch damit das Kunstpublikum sich schon mal etwas vormerken kann für die Zeit, wenn hoffentlich bald die Museen wieder öffnen dürfen.

Die drei Werkgruppen, die alle seit 2019 eigens für die Ausstellung geschaffen wurden, sind extrem unterschiedlich. Hunstein selbst stellt fest: „Die Bilder könnten von drei verschiedenen Künstlern stammen.“ Er verstehe sich auch nicht unbedingt als traditioneller Fotograf, sondern eher als Konzeptkünstler. Seine Werke spielen hochreflektiert mit den Möglichkeiten des Mediums. Wie verhält sich ein Foto zur Realität. Oder schafft es eine eigene, neue? Bei den aufwendigen Bildmontagen der „Utopia“-Serie mit ihrer malerischen Qualität, ihrer visuellen Präsenz, erschließt sich das direkt. Diese Arbeiten brauchen den zweiten und dritten Blick. Ein Bild zeigt ein Wohnzimmer als kleines Feld in einem tiefdunklen Bildraum. Wenn man aber den richtigen Winkel wählt, öffnen sich plötzlich Felder der Helligkeit.

Bei den großen, stillen Tafeln der Serie „Übers Meer“ (2020) hat Hunstein nicht manipulierend eingegriffen. Und hier verarbeitet er auch nicht fremdes Material, sondern eigene Aufnahmen mit maritimen Motiven, wobei ein Bild eine Schneelandschaft zeigt. Die großen Fotos wirken im Spiel mit dem Licht, in der Reduktion des Motivs, im Verzicht auf starke Farben oft fast schon abstrakt. Eine Ansicht des leicht bewegten Meers in der Ägäis wirkt wie eine gezeichnete Schraffur, wenn man es von Nahem betrachtet. Auf einer weiteren Tafel teilt der Horizont die Fläche, man meint, vor einer geometrischen Komposition zu stehen. Er wolle das Wasser „so sachlich wie nur möglich“ zeigen, sagt Hunstein dazu.

Schließlich gibt es den Zyklus „Fairy Tales“, bei dem Hunstein zu eigenen Fotos und Fotomontagen passende Zeilen aus alten Texten suchte. Manchmal wirken diese erzählerischen Kombinationen, als illustriere jemand ein altes Märchen. Da sieht man ein großes Fenster, durch das die Sonne scheint, und im Schatten stehen schemenhafte Figuren in weißen Kleidern. „Wandelt dieweil ihr das Licht habt“, heißt es, und der Bibelvers klingt, als richte ein Zauberer das Wort an unvorsichtige Mädchen. „Da gießt unendlicher Regen hinab“ steht unter der Aufnahme einer Wasseroberfläche mit den Tropfringen, und hier malt Hunstein mit Schillers Vers eine Atmosphäre von Rätsel und Geheimnis. Die kurzen Zeilen sind ins Papier geprägt. Für seine Märchen-Bildgeschichten nahm der Künstler gern Zitate von Dichtern wie Else Lasker-Schüler und Rainer Maria Rilke. Es geht ihm um Verunklarung, um eine produktive Reibung, so wie beim Surrealisten René Magritte, der sein Bild einer Pfeife unterschrieb: „Ceci n‘est pas une pipe“.

vorerst geschlossen, bis 21.2.2021,

Tel. 0234/ 910 4230, www. kunstmuseumbochum.de

Quelle: wa.de

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