Bobby McFerrin bittet zum Mitsingen: „Vocabularies“

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Die Jazzsängerin Daniela Rothenburg ist die erste aus dem Publikum, die mit Bobby McFerrin singt ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Die Magie des Chorgesangs haben viele beschrieben, wenige auf so populäre Art wie Kay Pollack. Er machte den schwedischen Film „Wie im Himmel” (2005) und kündete darin von der frohen Botschaft: Die Macht der Töne verbindet.

Ein Erfolgsrezept, dass der Multivokalist Bobby McFerrin und sein Adlatus Roger Treece seit langem nutzen, und nun auch für eine CD-Veröffentlichung mit angeschlossener Tournee. Die Scheibe „Vocabularies” kam 2010 heraus, im selben Jahr, in dem McFerrin zur Kulturhauptstadt eines der einprägendsten Events mitgestaltete: den unvergessenen Day of Song, an dem tausende Menschen im Gelsenkirchener Fußballstadion gemeinsam mit ihm sangen. „Vocabularies” stellte McFerrin am Freitag in der Philharmonie Essen vor. Mitgebracht hatte er den Chamber Choir of Europe, der mit ihm Stücke von der CD sang und ihm in Chor-Improvisationen folgte.

Das Haus war ausverkauft. Es war so etwas wie ein Heimspiel für den 60-jährigen Amerikaner: Jeder Witz, jedes Lächeln von McFerrin erzeugte wie ein Echo glückliches Lachen im Saal. Und als dann die Einladung ans Publikum kam, dass jeder, der wolle, auf die Bühne kommen könne, da sprangen die Glücklichen, die es geschafft hatten, selig wie Kinder umher. Die Sängerinnen aus der Menge waren offensichtlich Profis, sie bescherten dem Publikum ein erstaunliches „Amazing Grace”. Bobby McFerrin beschränkte sich auf eine zurückhaltende, aber wirkungsvolle Begleitung.

„Vocabularies” ist eine Kompilation von Liedern in fünfzehn Sprachen, Kompositionen von fünf bis zehn Minuten Länge, Mischungen aus Weltmusik, Pop, Jazz und Klassik, die mit ätherischen Harmonien und kalkulierten Dissonanzen spielen. „Say Ladeo” beginnt mit wassertropfenartig in die Stille fallenden Akzenten der vier Chorstimmen, die sich zu einem zarten Dahineilen verdichten. „The Garden” bietet choralen Breitwandsound in Hülle, bis zu einem Höhepunkt, der klingt, wie die Sonne über einer afrikanischen Steppe aufgeht. Das können die Komponisten vom „Cirque du Soleil” oder von Enya auch nicht viel besser. Flauschige Wohlfühlklangteppiche mit geschickt nachgeahmten Synthesizerklängen. Männer klingen wie Didgeridoos, Frauenstimmen lassen sich mit afrikanischen Rufen hören.

In den Chorimprovisationen zeigte sich eher, was für ein Musiker sui generis McFerrin ist. Er hielt die musikalischen Gebäude zusammen, sein müheloses Swingen ließ selbst die gut geschulten, hochmotivierten Aktiven des Chors manchmal bemüht wirken.

McFerrin sang, swingte und trommelte auch solo, und das waren immer noch die spannendsten Momente des Abends. Wie er sich in „Sweet home Chicago” in eine Ein-Mann-Blueskapelle verwandelte und selbst das berühmte rhythmische Klatschen auf seine Brust passend zum Stück abtönte. Wie er einen seiner Dauerbrenner, Charlie Chaplins „Smile”, mit dem wohl bezauberndsten Fade-out der Popgeschichte ausklingen ließ. Alles oft gehört, jedes Mal wieder schön.

Ein Musiker seines Formats lebt auch von Bewährtem. Seine Publikumsspiele sind bekannt und immer wieder beliebt und werden ungeduldig erwartet, etwa, wenn er auf und ab hüpft und das Publikum dazu Töne singt. Seine Kunst ist es, dass das nie, nicht für eine Sekunde, routiniert wirkt.

Quelle: wa.de

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