Blinky Palermo und seine Grafik im DKM Duisburg

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Blinky Palermos Doppelkunstwerk „Flipper“ (1970), zu sehen in Duisburg. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DUISBURG–Blinky Palermo – Berichten zufolge wurde Peter Heisterkamp aufgrund seiner Ähnlichkeit mit einem amerikanischen Mafioso und Boxmanager so genannt. Als „deutschen James Dean“ beschrieben Zeitungen den exzessiv lebenden Star der Kunstszene. Seine lässige Erscheinung mit Lederjacke, Sonnenbrille und zerdrücktem Hut soll zu diesem Ruf beigetragen haben. Auch im Duisburger Museum DKM hängt ein Schwarzweißfoto des Malers und Bildhauers, das ihn im Atelier in cooler Pose abbildet.

Sein grafisches Werk, das das Museum DKM nun in einer Ausstellung komplett präsentiert, zeigt Palermo (1943-1977) von einer ganz anderen Seite und weit entfernt von den Legenden. Die Arbeiten seiner nur kurzen Schaffensperiode zeugen von einer hohen Präzision und Reflexion und wirken im Umfeld der Sammlung ostasiatischer Kunst im Haus ganz intensiv.

Palermos „Miniaturen“-Serie (1972) hängt in dem umgebauten Bürogebäude etwas abseits der eigentlichen Ausstellungsräume. Im Hintergrund sind Buddha-Skulpturen aus dem siamesischen Königreich Ayutthaya des 17. und 18. Jahrhunderts zu sehen und durch ein großes Fenster blickt man auf Schilf und schmetterlingsförmige Steine. Es entfaltet sich eine stille, meditative Atmosphäre, die die Aufmerksamkeit für die kleinformatigen Grafiken schärft.

Wirken die im Folienprägedruck hergestellten „Miniaturen“ mit ihren treppenförmig angeordneten Farbflächen zunächst ganz klar und eindeutig strukturiert, so entwickeln sie beim näheren Hinsehen eine Spannung: Der Riss des Büttenpapiers, auf dem der Druck angeordnet ist, durchbricht die Strenge und setzt dem kräftigen Farbeindruck eine Zerbrechlichkeit entgegen. Die „Dreiteilige Miniatur“ (1975) irritiert mit minimalen Abweichungen und winzigen Überlappungen die Wahrnehmung und erzeugt durch die Abstufung der Farben eine Anmutung von Transparenz.

In den lichten Ausstellungsräumen im Erdgeschoss des Hauses entdeckt man Palermo als einen Künstler, der sich intensiv mit der Grafik auseinandersetzte und sie weiterentwickelte. Fasziniert von der abstrakten Kunst des russischen Avantgarde-Malers Kasimir Malewitsch änderte der Beuys-Schüler Mitte der 1960er Jahre seine Kunst radikal. Statt expressiv und figürlich zu malen, konzentrierte er sich auf reduzierte und klar begrenzte Objekte und Linien in leuchtenden Farben. In den Bildobjekten sollte der Betrachter die Formen vor dem weißen Hintergrund bereits mit einem Blick vollkommen erfassen. Der Siebdruck ermöglichte es ihm, durch einen satten Farbauftrag ohne sichtbare Pinselstriche diese Wirkung zu erreichen.

Zugleich attackierte Palermo mit seiner Kunst den ersten Eindruck eines Bildes: Die zunächst geometrisch erscheinenden Formen in der Serie „4 Prototypen“ (1970) stehen leicht instabil auf dem Papier. So sind das grüne und das blaue Dreieck etwas verschoben, die graue Scheibe ist in ihrer Regelmäßigkeit gestört und die Umrisse des schwarzen Quadrats sind leicht ausgefranst. Palermo nahm sich die Freiheit, von den Gesetzen der Geometrie abzuweichen.

In diesen Momenten bleibt das Auge in der Ausstellung hängen und es ist spürbar, wie der Künstler mit dem Betrachter seiner Kunst kommuniziert. Über Kontraste führt er die Wirkung der Farbsättigung und der Form ganz unmittelbar vor Augen. So springt der Blick beim Doppelkunstwerk „Flipper“ von 1970 zwischen den zwei Bildern ständig hin und her: Beide Arbeiten zeigen ein Schachbrettmuster von roten Quadraten, die beim rechten Bild von blauen Linien eingefasst sind. Die Blätter entwickeln in dieser Gegenüberstellung eine Art Eigenleben: Die leuchtenden Farben flackern, Linien fügen sich scheinbar zusammen, das linke Blatt scheint sich bauchig zum Betrachter hin zu wölben. Wie eine Skulptur – lebendig.

Die Schau

Feiner Blick auf den Künstlerstar der 70er Jahre.

Blinky Palermo: Die gesamte Grafik. Im Museum DKM in Duisburg. Bis 28. Januar 2013. Geöffnet Freitag bis Montag, 12-18 Uhr, Telefon: 0203 / 9355547,

http://www.museum-dkm.de

Quelle: wa.de

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