Birgit Minichmayr ist „Der Weibsteufel“

+
Spiel der Versuchungen: Birgit Minichmayr und Tobias Moretti in dem Stück „Der Weibsteufel“, zu sehen im Festspielhaus Recklinghausen.

Von Achim Lettmann RECKLINGHAUSEN - Sie hatte ihn gewarnt. Aber der Ehemann fordert seine junge Frau auf, dem Grenzjäger schöne Augen zu machen, damit er Schmuggelware im Rücken des Aufpassers absetzen kann. So instrumentalisiert, lässt der Dramatiker Karl Schönherr, das „Weib“ auf den jungen Grenzjäger treffen, der sie ebenfalls anstiften will.

Sie soll ihm vom Geschäft ihres Mannes erzählen und verraten, was in der verschlossenen Truhe steckt, die seit Jahren im Hause steht. Dafür wirft sich der Jäger ins Zeug, und das Drama „Der Weibsteufel“ (von 1914) nimmt seinen Lauf, weil die Frau die Niedertracht der Männer begreift und dann merkt, was in ihr steckt.

Regisseur Martin Kusej hat seine Inszenierung bereits am Wiener Burgtheater (2008) entwickelt und am Residenztheater München (ab 2011) wieder neu aufgenommen. Mit Birgit Minichmayr in der Titelrolle, Tobias Moretti als Jäger und Werner Wölbern als Mann ist diese großartige Produktion nun bei den Ruhrfestspielen zu sehen. Es ist deutschsprachiges Star-Theater am Grünen Hügel, und es macht die Festspiele in Recklinghausen zum Anziehungspunkt: erstklassiges Sprechtheater.

Die Bühne von Martin Zehetgruber ist eine Wucht aus totem Holz. Über quer gesteckte Stämme scheinen Leuchtstoffröhren so fahl und gleichgültig, wie die grauen Platten im Hintergrund eine Bergillusion überblenden. Hier passiert das Spiel im Kopf, nichts wird von Waldesruh begrünt und Weidmanns-Heil verklärt.

Im Mittelpunkt steht eine Bewusstwerdung. Karl Schönherr gibt seiner Frau Tugenden mit. Sie hatte ihren Mann geheiratet, weil er Hilfe brauchte und in der Gemeinschaft als schwach galt. Er rührte ihre Fürsorge. Aber mit dem ersten Bild in Martin Kusejs Inszenierung wird spürbar, dass diese Ehe nur einem hilft: dem Mann, der mit seinen Schmuggelgeschäften ein Haus am Marktplatz erwerben will.

Birgit Minichmayr spielt eine brave Frau, die unmoralisch werden soll, um den Profit ihres Mannes zu fördern. Dass sie die eigene Kinderlosigkeit drückt, enttarnt der Jäger. Tobias Moretti steht steif wie entschlossen vor ihr („Mich hat noch keine warm gemacht“). Nach plumpen Avancen zertrümmert er einfach die kleine Truhe. Statt Hehlerware bringt er Kindersachen ans Licht. Beide werden noch aufrichtig zu einander sein. Aber das Liebe zu persönlichem Glück führt, davon ist der österreichische Dramatiker Schönherr (1867-1943), ein Zeitgenosse Arthur Schnitzlers, weit entfernt.

Martin Kusej fädelt die Dialoge mit kalter Dramatik auf, bis die Ereignisfolge schwer genug wiegt, dass es die Männer hinabzieht und zum Messer greifen lässt. Die Minichmayr, der weibliche Film- und Theaterstar der letzten Jahre, propagiert nach ihrer Selbsterkenntnis ein aufklärerisches Spiel. Sie umkreist die Einfall, Gewalt und Ignoranz der Männer, die so deppert sind, dass sie jede Volte mitmachen. Eine Schau voll böser Hellsicht. Brillant!

Birgit Minichmayr macht sichtbar, wie die enttäuschte Frau eine Lebensglut entwickelt, die sich über den Tod erhebt, um am Ende kühl und nervenstark zuzuschlagen („Ihr habt mich aufzwirbelt“). Tobias Moretti gibt dabei das Werkzeug, den Jäger als naiven Karrieristen, dem die Liebe alle Kontrolle nimmt, bedauernswert. Moretti agiert zum Schluss geisterhaft wie aus dem Nichts. Werner Wölbern komplettiert das Dreieck als blutarmer Stratege, der im Haus am Markt ein Herr werden will.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare