Biographie zu Berthold Beitz von Joachim Käppner

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Berthold Beitz ▪

Altkanzler Helmut Schmidt nennt ihn ein moralisches Vorbild. Für Hermann-Josef Abs, den großen Bankier, war er ein „Liebling der Götter“. Und für den Star-Architekten David Chipperfield ist er einfach ein „Gentleman“. Berthold Beitz rettete Hunderte vor dem Holocaust, sanierte den Krupp-Konzern und initiierte den Neubau des Folkwang-Museums. Der Journalist Joachim Käppner hat dem 97-Jährigen eine umfangreiche Biographie gewidmet. Von Jörn Funke

Die Anfänge sind bescheiden: Beitz wächst als Sohn eines Amtmannes in Greifswald auf, interessiert sich für Jazz und Segelboote, macht ab 1938 in Hamburg Karriere in der Ölindustrie. Dem Regime stehen Beitz und seine aus sozialdemokratischem Hause stammende Frau Else distanziert gegenüber – und 1941 erleben sie in Polen den ganzen Horror des „Dritten Reichs“.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wird Beitz für die Shell-Tochter Beskiden-Öl AG in die Kleinstadt Boryslaw versetzt, um die kriegswichtige Ölproduktion anzukurbeln. Ukrainer, Wehrmacht und SS machen dort Jagd auf die jüdische Bevölkerung; Beitz wird Zeuge der Pogrome und der Razzien. Beitz dagegen versteckt Juden, stellt sie ein, holt sie auch aus den Deportationszügen heraus. Die Arbeiter und ihre Familien seien für die Kriegsproduktion unentbehrlich, sagt er den SS-Männern am Bahnhof. Die glauben ihm – scheinbar handelt der Werksdirektor im Auftrag der Heeresleitung.

Beitz kann nicht alle retten, aber es sind wohl Hunderte, die ihm und seiner Frau ihr Leben verdanken. Im entscheidenden Moment hat der Manager dann unfassbares Glück: Als er bei der Gestapo angeschwärzt wird, entpuppt sich der Vernehmungsbeamte als Schulfreund. Beitz darf gehen und macht weiter.

Die Holocaust-Gedenkstätte „Yad Vashem“ ernennt Berthold und Else Beitz Jahrzehnte später zu „Gerechten unter den Völkern“. Käppner schildert die Jahre in Boryslaw ausführlich; sie sind der Schlüssel für Beitz‘ weiteren Weg. Er wahrt stets Distanz, will sich nie vereinnahmen lassen. Diese Haltung und die „weiße Weste“ ermöglichen Beitz nach dem Zweiten Weltkrieg einen schnellen Aufstieg in der Versicherungswirtschaft. Glück ist auch dabei: Durch einen gemeinsamen Bekannten lernt er Alfried Krupp von Bohlen und Halbach kennen, und der holt ihn 1953 als Generalbevollmächtigen nach Essen.

Beitz, der Außenseiter unter den erzkonservativen Ruhrbaronen, lenkt den Konzern erfolgreich durch alliierte Auflagen, Boom- und Krisenzeiten. Die Einrichtung der Krupp-Stiftung, der Einstieg des Iran, die Stahl-Ehe mit Thyssen sind weitgehend Ideen Beitz‘; der Firma haben sie das Überleben gesichert.

Das Verhältnis zu Alfried Krupp gehört zu den Merkwürdigkeiten in Beitz‘ Leben. Beitz stellt sich ganz in den Dienst Krupps; dieser gibt ihm vorbehaltlose Rückendeckung. Die beiden erinnern in Käppners Darstellung an einen Monarchen und seinen Vasallen. Wie ein Nachlassverwalter Alfried Krupps tritt Beitz heute noch auf.

Einer Partei gehört Beitz nicht an, aber er macht Politik. Die Krupp-Interessen im Ostblock machen ihn zum Vorreiter der Entspannungspolitik; einen Botschafterposten in Moskau, den die sozialliberale Regierung ihm vorsichtig offeriert, lehnt er schnell ab – er fühle sich in so einer Rolle nicht frei.

Der Manager engagiert sich lieber für Sport und Kultur. Er hilft mit, die Olympischen Spiele 1972 nach München und Kiel zu holen; zum Kulturhauptstadtjahr beschert er – über die Krupp-Stiftung – dem Ruhrgebiet einen Erweiterungsbau des Museums Folkwang. Architekt Chipperfield ist begeistert, dass der Auftraggeber ihn ungestört arbeiten lässt.

Ehrungen hat Beitz bereits genossen: In Essen ist ein Boulevard nach ihm benannt, er ist Ehrenbürger der Stadt und Ehrendoktor der Ruhr-Universität. Jetzt kommt Käppners ausgesprochen wohlwollende Biographie dazu – er hat sie verdient.

Joachim Käppner: Berthold Beitz. Die Biographie. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt. Berlin-Verlag: Berlin 2010. 622 Seiten. 36 Euro.

Quelle: wa.de

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