Bille Augusts Film „Nachtzug nach Lissabon“

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Jeremy Irons und Martina Gedeck auf einer Tejo-Fähre im Film „Nachtzug nach Lissabon“. 

Von Achim Lettmann

Zum Frühstück findet der Lehrer für alte Sprachen nur noch einen trockenen Teebeutel im Müll. Er taucht ihn ins heiße Wasser und wird bald darauf zur Schule gehen. So kleinteilig startet der Film „Nachtzug nach Lissabon“ in die unglaubliche Geschichte des Raimund Gregorius. Regisseur Bille August („Die besten Absichten“) führt den Mann, der einer jungen Frau in Bern das Leben rettet, nach Portugal. Reiseführer ist ein Buch, das er im Mantel der Frau gefunden hatte und das mit Lebensweisheiten tief berührt.

Den Weltbestseller (2004) von Pascal Mercier haben die Drehbuchautoren Greg Latter und Ulrich Herrmann zu einer stringenten Personenstory verknüpft. Einerseits wird das Schicksal einer Gruppe von Widerständlern der Nelkenrevolution nachgezeichnet, und zum anderen verändert sich ein einsamer Altphilologe. In Lissabon taucht Kameramann Filip Zumbrun die Erzählung in dieses weiche wie strahlende Licht, das jede Handlung, jede Figur einrahmt und würdigt. Selbst die Geheimpolizei des Diktators Salazar.

Regisseur Bille August ist für Literaturverfilmungen („Das Geisterhaus“) bekannt. Den schmerzhaften Blick auf unmenschliche Verbrechen hat er bereits mit dem Südafrika-Drama „Goodbye Bafana“ (2007) geprobt und dosiert. Auch sein „Nachtzug nach Lissabon“ fährt die historischen Schandmale ab, um mit der filmischen Arbeit auf eine lebenswerte Gegenwart zu verweisen. Es ist ein aufklärerisches Motiv, dass der Erzählstoff jene Zuversicht stärkt, die man mit in seinen Alltag nimmt. Diese Erweckung versucht auch „Nachtzug nach Lissabon“. Dabei hilft die Vorlage. Der Roman ist zwar nicht deckungsgleich umgesetzt. Aber Autor Mercier meint, dass die seelischen Konturen der Figuren, ihre Tiefe und die Natur des Dramas bewahrt wurden. Die existenziellen Fragen („Wenn wir zu uns selbst reisen, müssen wir uns unserer Einsamkeit stellen“) berühren doch jeden. Und kann man im Leben nochmal neu starten?

Amadeu de Prado (Jack Huston) als schreibender Arzt und Revolutionär ist die Figur, der Raimund Gregorius in Lissabon nachläuft. Er trifft die Schwester (Charlotte Rampling), die Geliebte (Lena Olin), den Freund (Bruno Ganz), den Lehrer (Christopher Lee) und den Revoluzzer (Thomas Courtenay). Ein Defilée der Stars. Und bei den Rückblenden in die Nelkenrevolution 1974 sind ebenso gute junge Schauspieler zu sehen, zum Beispiel August Diehl. Martina Gedeck kümmert sich als Augenärztin um Gregorius, den Jeremy Irons aufmerksam und integer gibt, selbst bei zuviel Wein und Zigaretten.

Neben blutigen Details aus Amadeus Geschichte ist die Stimme im Off, die Sinnsprüche rezitiert, ein wichtiger Gradmesser für Bewusstsein und Selbsterkenntnis. Es ist selten im Kino, dass über den spannenden Plot hinaus so treffend philosophiert wird.

Im „Nachtzug nach Lissabon“ denkt man irgendwann über sich selbst nach. („Wir lassen etwas von uns zurück, wenn wir einen Ort verlassen.“) Gregorius muss entscheiden, ob er in sein altes Leben nach Bern zurückfährt oder in Lissabon bleibt. Im Kino fällt so eine Antwort leichter.

Quelle: wa.de

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