Bielefeld: „Westfälischer Expressionismus“

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Wilhelm Morgner malte „Mann und Frau setzen Bohnenstangen“ (1911), zu sehen in Bielefeld. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BIELEFELD–Farben strahlen und glänzen in der Bielefelder Kunsthalle, wie schon lange nicht mehr. Peter August Böckstiegel malte das Bild „Meine Eltern“ (1919) mit Rot, Braun, Grün und Blau. Dieser Wille zur Farbe, diese Entschlossenheit die Welt in farbigen Kontrasten zu sehen, erzeugt eine Energie, die vom Motiv gar nicht mehr gehalten wird. Böckstiegels Eltern sind alt, sie sitzen gebeugt da, abgearbeitet, erschöpft vom Leben, mit geschlossenen Augen. Und dann diese Farben!

In der Bielefelder Kunsthalle wird „Der Westfälische Expressionismus“ gefeiert. Insgesamt 180 Bilder hat Kuratorin Jutta Hülsewig-Johnen für diese Übersichtsschau ausgewählt. Und noch nie ist dieser Malstil so regional verortet und umfassend präsentiert worden. Zu Peter August Böckstiegel (1889-1951), geboren in Werther, und dem Bielefelder Hermann Stenner (1891-1914) gab es bereits Einzelausstellungen in der Kunsthalle, aber wie die Moderne in Westfalen verankert wurde, das ist Thema der Ausstellung. Am Sonntag wird eröffnet.

„Der Westfälische Expressionismus ist kein Gemeinschaftsstil wie der Brücke-Stil“, sagt Hülsewig-Johnen und spricht den Unterschied zu den Begründern des deutschen Expressionismus in Dresden, München und Berlin an. In den Städten malten Kirchner, Pechstein und Co. die typischen Sujets: die Großstadt, das Nackte und die Prostitution. Der Westfälische Expressionismus spiegelt vor allem die Liebe der einzelnen Künstler zur Landschaft wider und kulminiert dabei in Farbe.

In Bielefeld wird auch August Macke (1887-1914) einsortiert. Dabei hatten die Eltern kurz nach seiner Geburt Meschede verlassen und waren ins Rheinland gezogen. Aber Macke habe sehr zurückgezogen gearbeitet und vor allem das Ländliche geschätzt, sagt Hülsewig-Johnen, zwei Eigenschaften, die auch die Expressionisten Westfalens auszeichne. Macke arbeitete am Tegernsee, später im Garten seiner Eltern in Bonn – ein Refugium für seine Kunst. Fast liebevoll ist der Blick auf „Landschaft mit Kirche und Weg“ (1911).

1902 hatte Karl Ernst Osthaus in Hagen das erste Museum für Moderne Kunst eröffnet. Etwas Vergleichbares gab es weder in Berlin noch in München. Osthaus holte Christian Rohlfs ins Westfälische, als eine Art Vorzeigekünstler der Moderne. Rohlfs (1849-1938) reiste 1904 nach Soest und fand eine neue Liebe – die Bördestadt, ihre Kirchen, ihre Fachwerkhäuser. Bereits im Sommer 1905 malte er hier und inspirierte Künstler wie Wilhelm Morgner, Eberhard Viegener und Heinrich Schlief. Das Gemälde „Petri- und Patrokliturm in Soest“ (um 1917) vermittelte, wie Rohlfs seine neoimpressionistische Phase überwand. Aus mehrschichtig aufgetragenen Farben ragen die Kirchtürme heraus, stilisiert vor flächig abstrahiertem Nachthimmel. Rohlfs wird immer expressiver, wie im „Soester Haus“ (1917), dem vom leuchtenden Beige und Rot die Fachwerkkonturen verschwimmen. Er hatte Bilder van Goghs gesehen, der für die westfälischen Expressionisten eine Art Übervater war.

1907 wurde in Bielefeld die Handwerker- und Kunstgewerbeschule gegründet. Der Lehrer Ludwig Godewols unterstützte Künstler, die modern arbeiten wollten. Sie fuhren 1909 ins Osthaus-Museum und 1912 nach Köln, wo die Sonderbund-Schau viel von van Gogh präsentierte. Zur „Bielefelder Moderne“ (1907-26) werden Victor Tuxhorn, Ernst Sagewka, Heinz Lewerenz und Hermann Freudenau gezählt. Außerdem August Wilhelm Böckstiegel, der bereits als expressiver Maler sein Akademiestudium 1913 in Dresden aufnahm, aber sich zeitlebens als „Bauernmaler“ bezeichnete. Godewols selbst versuchte einen milden Expressionismus, in dem er die kräftigen Farben präzise an die Formen band. Sein Gemälde „Weites Land“ (1920) wirkt geordnet, farbgesättigt und ein bisschen naiv.

Einfach und schrill glühen dagegen die Bilder von Wilhelm Morgner (1891-1917). „Mann und Frau setzen Bohnenstangen“ (1911) scheint die Moderne van Goghs mit einer Vorform der Pop Art zu verschmelzen. Der Soester, der 1910 kurz in Berlin gelebt hatte, aber ohne die westfälische Scholle nicht konnte, rieb sich am fehlenden Kunstverständnis seiner Heimatstadt. Er starb wie Macke und Stenner im 1. Weltkrieg. Seine Bilder blieben.

Die Schau

Eine farbenprächtige Spielart des Expressionismus. Großartig.

Der Westfälische Expressionismus in der Kunsthalle Bielefeld. Eröffnung Sonntag, 31. Oktober, 11.30 Uhr; 1. November geöffnet, bis 20. Februar, di-so 11 bis 18 Uhr, mi bis 21 Uhr, sa 10 bis 18 Uhr; Katalog im Hirmer-Verlag erschienen 24,95 Euro;

Tel. 0521 / 329 99500 oder 10; http://www.kunsthalle-bielefeld.de

Quelle: wa.de

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