Berthold Socha fotografiert Westfälische Industriemuseen

Blick ins Maschinenhaus der Zeche Hannover in Bochum: Berthold Socha fotografierte die Überreste der Fördermaschine 1984. Die Ausstellung „Fabrik. Denkmal. Forum“ macht die Geschichte der Industriemuseen sichtbar. Foto: socha

Dortmund – Am Anfang wird gesichtet. Wie sieht die Maschinenhalle der Zeche Hannover in Bochum aus? Was findet sich auf dem Dachboden der Korbflechterei der Glashütte Gernheim in Petershagen? Der Fotograf Berthold Socha war in den 80er Jahren dabei, als das Westfälische Industriemuseum Gestalt annahm – an insgesamt acht Orten und vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) entwickelt. 1979 entschied das Parlament des LWL, ein Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur einzurichten. Berthold Socha war damals Referent in der Kulturabteilung des LWL und entdeckte die Industriebauten mit seiner Kamera. Die Fördermaschine der Bochumer Zeche liegt wie ein archaisches Monster aus einer versunkenen Zeit zwischen rissigen Mauern 1984. Und auf dem Dachboden in Petershagen findet Socha Reste von Flechtkörben, mit denen Glas transportiert wurde, riesige Flaschen, Fenster, Produktionsabfall 1988. Socha ist angefixt von diesen vergessenen Orten. Aber er tritt nicht als Dokumentarist auf, sondern spürt dem Verfall nach, den rauen und schrundigen Oberflächen und Objekten. Socha weiß, dass sich hier etwas ändern wird. Beim Aufbau ist er wieder dabei, findet fotografische Perspektiven auf die Industriekultur, die neue museale Form bürgerlichen Erinnerns.

Die Ausstellung „Fabrik. Denkmal. Forum“ zeigt Sochas Fotografien zu allen acht Standorten. Es sind Zeitreisen in Duoton, die der Autodidakt mit Gespür für Komposition und mit Entdeckersinn festhält. Über die Jahre fügen sich dann einfach die Motive. Das Schiffshebewerk in Henrichenburg bietet bei der Bestandsaufnahme 1985 ein ödes Bild: Das Wasser an der Oberseite ist versiegt, die Hebevorrichtung stehen ruinös im Landschaftsbild. 2018 – längst funktioniert das Industriemuseum – ist der Bauschmuck am Oberhaupt des Schiffshebewerks angebracht. Vollständiger geht es nicht, ist die Botschaft von Sochas Fotografie.

Und das Ziel, Industrieanlagen mit ihren Gebrauchsspuren zu erhalten und museal zu nutzen, geht in Sochas Bildern auf. Als 1995 eine Tanzformation auf der Zeche Zollern in Dortmund auftritt, und Max Schautzer „Immer wieder sonntags“ moderiert, wird die populäre Seite der neuen Museen abgelichtet. Industriemuseen bieten einen Ort für Veranstaltungen, die über die tradierte Aufgabe des Bewahrens hinausgehen. Es sind Treffpunkte für Menschen entstanden, die hier ein bisschen regionale Identität spüren können. Und das ist nicht nur der Freundeskreis der Zeche Nachtigall in Witten, der sich zu einer Grubenfahrt 2014 getroffen hat. Oder „Die Ehemaligen“, die Berthold Socha 2016 vor der Henrichshütte in Hattingen fotografiert hat. Der Hochofen „HO3“ ist zum Wahrzeichen der Stadt geworden und das größte Exponat der Industriemuseen.

Socha fotografierte weiterhin in Duoton-Technik. Der Zeitsprung zwischen den Aufnahmen fällt weniger auf. Die Fotos atmen mehr Ewigkeit als digitale Farbigkeit, die heute Standard geworden ist. Herrlich sind Detailaufnahmen 1985 vom Mauerwerk des Malakow-Turms der Zeche Hannover. Der 1857 errichtete Bau wurde neoromanisch gestaltet mit Lisenen, Rundbögen und Gesimsen. Den Glasturm in Gernheim hatte Socha 1988 aus der Froschperspektive aufgenommen, so dass die Gräser im Fugenwerk des Schornsteins hervorstehen. 1996 startete das Glas-Museum.

Zum 40. Geburtsjahr der Industriemuseen sind Sochas Aufnahmen auf Schautafeln aufgezogen und über das Jahr an allen Standorten präsentiert worden. „Fabrik. Denkmal. Forum“ hat nun in Dortmund einen Standortvorteil, weil die Schau unter der Maschinenhalle präsentiert wird. Die Architektur von 1903/04 mit der Jugendstilfassade war 1969 vor dem Abbruch gerettet worden. Ein Höhepunkt dieser neuen Wertschätzung war die Sanierung der Halle auf Zeche Zollern. 2016 wurde sie wiedereröffnet und gilt seitdem als Vorzeigeobjekt für Industrie-Denkmalpflege europaweit. Wer Objekt und Ausstellung besuchen will, sollte sich allerdings warm anziehen und festes Schuhwerk tragen. Die Kellerräume haben ihren eigenen Charme.

Künftig werden sich die Industriemuseen noch mehr als Forum verstehen. Zumal auch die Generationen angesprochen werden sollen, die industrielle Produktion so nicht mehr erlebt haben. Dies ist ein Ziel von Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums seit 2005.

Dortmund Zeche Zollern bis 8. 3. 2020; Tel. 0231/6961 111; Petershagen Glashütte bis 23. 12., Tel. 05707/93110; Lage Ziegeleimuseum bis 29. 3., Tel. 05232/94900; jeweils di-so 10 – 18 Uhr; Katalog 14,95 Euro; www.lwl.org

Rettung der Maschinenhalle Zeche Zollern

Die Geschichte der Westfälischen Industriemuseen begann mit der Rettung der Maschinenhalle der Zeche Zollern II/IV in Dortmund 1969. Nur durch das Engagement eines kleinen Personenkreises konnte das Industriegebäude vor dem Abbruch bewahrt werden. Der Hochschullehrer und Architekt Hans Paul Koellmann (Dortmund) und die Fotokünstler Bernd und Hilla Becher (Düsseldorf) votierten gegenüber politischen Vertretern für den Erhalt. Entscheidend war dann ein Brandbrief von Karl Ruhrberg und Jürgen Harten von der Kunsthalle Düsseldorf an Ministerpräsident Heinz Kühn (SPD). Am 30.12.1969 teilte der westfälische Landeskonservator Hermann Busen der Eigentümergesellschaft von Zollern II/IV amtlich mit, der Ministerpräsident habe ihn gebeten, die Maschinenhalle sowie die Fördermaschine von 1902 unter Denkmalschutz zu stellen. Mit dieser Maßnahme startete auch der neue Zweig der „Industriedenkmalpflege“.

Die Maschinenhalle (1902/03) aus Stahlfachwerk von Architekt Bruno Möhring war mit einer Jugendstilfassade versehen worden. Die Fördermaschine (1902) galt als erste elektrische im Ruhrgebiet, die die Hauptförderanlage einer Zeche mit Energie versorgte. Die Zeche Zollern II/IV wurde von der Gelsenkirchener Bergwerkgesellschaft als Musterzeche gebaut (1898–1904): „Schloss der Arbeit“. Die Montangesellschaft stellte seinerzeit ihre Wirtschaftskraft aus.

Quelle: wa.de

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