Bernd Schindowskis „Gedanken eines Zweiflers“

Von Ursula Pfennig ▪ GELSENKIRCHEN Endspurt für Bernd Schindowski. Seit 33 Jahren ist er Ballettdirektor am Musiktheater in Gelsenkirchen und schuf mit dem „Ballett Schindowski“ eine Institution des Reviers.

Nach seiner vorzeitigen Kündigung wird er im Juni in den Ruhestand gehen. Das Ballett soll weiterbestehen, wie das genau aussehen soll, steht jedoch immer noch nicht fest. Zurzeit werden Verhandlungen mit einem Nachfolger geführt, doch auch von Übergangslösungen mit Gastchoreographen ist die Rede. In dieser Spielzeit stehen noch vier Premieren von Schindowski auf dem Programm, einschließlich der Inszenierungen für Kinder und Jugendliche. „Gedanken eines Zweiflers“ ist seine letzte Inszenierung für das Große Haus.

Dafür hat er einen schweren Stoff ausgewählt. „Gedanken eines Zweiflers“ bringt den gleichnamigen Text von Gustave Flaubert mit der 14. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch für Kammerorchester und zwei Singstimmen zusammen. Flaubert schrieb seinen Text im Alter von 17 Jahren, brennend vor Wut über die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der Welt, Schostakowitsch am Ende seines von stalinistischer Unterdrückung gezeichneten Lebens. Beide Werke thematisieren kompromisslos die Ohnmacht des Menschen angesichts des Todes, verbinden Weltgeschichte mit tragischen Einzelschicksalen. Und beide stellen hohe Anforderungen an die Künstler.

Das Bühnenbild von Johann Jörg ist völlig kahl, gibt sogar den Blick auf die Installationen der Hinterbühne frei. Für die Rezitation der Flaubert-Erzählung konnte als Gastschauspielerin Jule Gartzke gewonnen werden. Sie meistert die Herausforderung grandios. Ohne jeden Pathos bringt sie ganz unaufgeregt die gewaltigen Bilder Flauberts zur Wirkung. Das Ensemble tanzt dazu ohne Musik. Jugendlicher Feiereifer spricht aus Schindowkis Choreographie, unterstrichen durch die Jeans und kurze Röcke der Tänzerinnen und Tänzer (Kostüme: Andreas Meyer). Ständig sind sie in Bewegung, verausgaben sich in Kraft zehrenden Hebungen, fallen, raffen sich wieder auf, zerren aneinander bis zur Atemlosigkeit. Jule Gartzke steht am Rand, umrundet vielleicht einmal das Ensemble, nimmt minimalen Kontakt mit den Tänzern auf und zeigt doch eine Bühnenpräsenz, die es locker mit dem rasenden, vierzehnköpfigen Ensemble aufnehmen kann.

Der zweite Teil mit der Musik von Schostakowitsch schließt nahtlos an. Das Streichorchester mit Schlagwerken wird im hinteren Teil der Bühne von oben herabgefahren. Unter der Leitung von Johannes Klumpp gelingt den Musikern der Philharmonie Westfalen eine filigrane Interpretation der anspruchsvollen Sinfonie. Schostakowitsch integrierte in die Sinfonie elf Gedichte über Tod und Tyrannei, unter anderem von García Lorca, Apollinaire und Rilke, vorgetragen von einem hohen Sopran und einem tiefen Bass. Majken Bjerno vom Musiktheater stellt mit einem kraftvollen, fast schneidenden Sopran die Verzweiflung in den Vordergrund. Der Bass von Andreas Macco kommt dagegen irdisch verwurzelt daher. Die Sänger sind in den Tanz einbezogen. Teilweise spiegeln Solisten den Gesang, teilweise nehmen die Sänger direkten Körperkontakt auf, verschwinden sogar unter den Schindowski-typischen Menschenknoten.

Schindowski versuchte mit den „Gedanken eines Zweiflers“ ein spartenübergreifendes Gesamtkunstwerk mit höchsten Ansprüchen. Zwischen Tanz, Sprechtheater, Musik und Literatur gelingen einige eindringliche Szenen mit glanzvollen Einzelleistungen. Doch die ununterbrochene Dynamik der Inszenierung wirkt teilweise angestrengt und macht es schwer, den Spannungsbogen über fast eineinhalb Stunden ohne Pause halten.

Das Stück

Ein Gesamtkunstwerk aus Tanz, Literatur, Sprechtheater und Musik mit Klasse und Format, das nur Schwächen in der Dramaturgie aufweist

Gedanken eines Zweiflers im Musiktheater Gelsenkirchen

5., 11., 27. März, 7., 10. April, http://www.musiktheater-im-revier.de, Tel. 0209/4097-200

Quelle: wa.de

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