Die Berlinische Galerie erinnert an den Pop-Art-Künstler Eduardo Paolozzi

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Eine Stadtansicht von Eduardo Paolozzi. Das Bild zählt zur Serie „As is When: Wittgenstein in New York, 1965“, das in der Berlinischen Galerie zu sehen ist.

BERLIN - Die Pop Art war keine Erfindung von Andy Warhol. Bevor Künstler wie Claes Oldenburg (Skulptur) und Roy Lichtenstein (Comic-Gemälde) halfen, die Kunstrichtung in den 1960er Jahren international bekannt zu machten, gab es bereits erste Arbeiten aus den 1950er Jahren – in Großbritannien und den USA. Dass aus Bildern der Alltagskultur eine neue Kunst entwickelt wurde, die sich gegen die intellektuelle Position der abstrakten Malerei richtete, das fand zeitgleich in New York und London statt. Eine Ausstellung in Berlin erinnert an die Anfänge.

„Eduardo Paolozzi. Lots of Pictures. Lots of Fun“ ist dem britischen Pop-Art-Künstler gewidmet, der mit Lawrence Alloway, Alison und Peter Smithson, Richard Hamilton und Reyner Banham zur „Independent Group“ zählte. Von 1952 bis 1956 interagierten Künstler, Kritiker und Architekten mit dem Ziel, Bilder aus Zeitungen/Illustrierten und Werbung dem Kunstbegriff zuzuschlagen. Von Paolozzi sind in der Berlinischen Galerie die „Bunk!-Collagen“ zu sehen, die er in einem legendären Vortrag 1952 über ein Epidiaskop projizierte und bildmächtig in London präsentierte. Es ging um Reklamebilder und Zeitungsfotos, die Paolozzi neu kombinierte. Beispielsweise werden ein US-Propeller-Flugzeug und eine Schlittschuhläuferin im Sprung gezeigt (von 1950), so dass man an eine wagemutige Luftnummer denken könnte, die mit der Euphorie der USA nach dem 2. Weltkrieg einher ging. Solche Collagen, die mit alltäglichen Bildern zu kommentierenden Aussagen fanden, sind erste Pop-Art-Werke. Dazu zählen auch Paolozzis „Time Head Collagen“, die aus den Titelbildern von Zeitschriften entstanden sind. „David Lilienthal“ (1952) zeigt den Leiter der U.S. Atomic Energy Commission, der sich für eine nichtmilitärische Kontrolle der Atomenergie aussprach.

In Berlin ist eine retrospektive Schau zu sehen, die auch Paolozzis Anfänge dokumentiert. In Edinburgh geboren, ging der Schotte 1947 nach Paris. Er kehrte dem bombenbeschädigten London der Kriegsjahre den Rücken und ließ sich von Picasso, Giacometti und Jean Dubuffet inspirieren. Es entstanden Zeichnungen, die Motive auf Kernformen reduzierten, um letztlich zu zeigen, was das Objekt ausmacht: „Bull’s Head“ ist eine sehr grafische Arbeit zu einem Stierkopf.

1949 kam Paolozzi zurück nach London. Das plastische Werk „Forms on a Bow No. 2“ (Bronze, 1949-1960) belegt, dass der Künstler immer auch skulptural arbeitete. Paolozzi hat hier fünf halbrunde Objekte auf einen Bogen gefädelt, die mit ihren atypischen Rundformen an das Grundvokabular des Surrealismus erinneren.

Paolozzi (1924–2005) interessierte sich zeitlebens für den menschlichen Kopf. In Berlin sind Beispiele seiner Bildreihe „Head“ (1953) zu sehen. Diese dichten mit Tusche, Öl und Materialien collagierten Abstrahierungen weisen zwar keine Gesichtsmerkmale auf, aber sie haben einen ungemein existenziellen Ausdruck. Sie sind ein Novum im Werk des Künstlers, auch weil sie so farbarm ausfallen.

Denn Paolozzis Schaffen ist von Farben stimuliert. Vor allem die zwölfteilige Collage-Serie „As is When“, sein erstes größeres druckgrafisches Werk, kombiniert Fotos, grelle Farben, rhythmische Raster, abgebildete Maschinenteile, Militärtechnik und Stadtsilhouetten. In einem nächsten Schritt erweiterte er seine Auflagen der Bildherstellung mithilfe des Siebdrucks. Dabei versuchte er die moderne Welt mit der modernen Technik zusammenzuführen.

Paolozzi verstand sich als „Künstler-Ingenieur“. Er hinterließ Meisterwerke des künstlerischen Siebdrucks. Und er erprobte Materialien wie in dem „Untitled Wood Relief“ (1973), in dem er mit Holz und Leim eine parkartige und strukturierte Landschaft entwarf – eine neue Form- und Materialerfahrung, die auch auf Stadtbilder abhebt.

Solche Entdeckungen charakterisieren Paolozzis Werk. Die Skulptur erweiterte er um eine additive Variante, indem er vorgefertigte Teile aus der Schiffs-, Flugzeug- und Autoherstellung nahm und mithilfe von Arbeitern zu anonymen industriellen Objekten verband. In Berlin ist der „Town Tower“ (1962) zu sehen, der aus Eisen, Messing und Bronze eine Übergangsskulptur zu dieser Werkphase darstellt. Dass Paolozzi im Widerstreit mit dem großen britischen Menschenbildner Henry Moore stand, belegt auch die figurative Bronzeskulptur „St. Sebastian“ (1967). Massiv, schwer und wüst wirkt die Torso-Collage, die so sein sollte, wie eine Stadt, nachdem ein Tornado sie zerstört hatte. Paolozzi radikalisierte die Bildhauerei.

Auch die Arbeit „His Majesty the Wheel“ (1958–1959) feiert auf ruppige und provokante Weise eine Grundform der Industriegesellschaft. Schrottige Metallreste sind hier zu einem zweibeinig deformierten Wesen verschweißt. Eine Schicksalsverbindung.

Wie formvollendet der Künstler mit Metallblechen und Chrom umgehen konnte, demonstrieren die kleinen Plastiken „Ohio“ (1965) und „Kino“ (1967). Sie wirken autonom und adeln ihre fließenden Formen mit kühlem Glanz.

Die Ausstellung in Berlin geht auf die Retrospektive der Whitechapel Gallery im letzten Jahr in London zurück. Die Berlinische Galerie reagiert außerdem auf Paolozzis Aufenthalt 1974/75, als er am Kottbusser Damm in Kreuzberg ein Atelier unterhielt.

Eduardo Paolozzis erste Ausstellung in Deutschland fand 1968 in der Düsseldorfer Kunsthalle statt. Das Institut, das mit seiner brutalistischen Architektur neue und innovative Kunst zeigen wollte, belegt unfreiwillig, wie spät hierzulande der britische Pop-Art-Künstler gewürdigt wurde. Immerhin war er auf der documenta 4 im gleichen Jahr vertreten. Die Schau in Kassel hatte einen Pop-Art-Schwerpunkt.

Bis 28. Mai; mi-mo 10 - 18 Uhr; Katalog 29,80 Euro, im Deutschen Kunstverlag erschienen; Tel. 030/789 02 600; www.berlinischegalerie.de

Quelle: wa.de

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