Die Berliner Philharmoniker spielen Lutoslawski in Essen

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Sir Simon Rattle beim Konzert der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie Essen. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ ESSEN–Eine einzelne Stimme gegen die Machthaber und die Gleichgültigen: So wollte Witold Lutoslawskis sein Cello-Konzert verstanden wissen, das er 1969/70 für Mstislaw Rostropowitsch schrieb. Eine Niederlage in vier Sätzen. Beide hatten Erfahrungen mit real existierenden Diktaturen, der Komponist war im stalinistischen Polen als „Formalist“ angeeckt, der Cellist emigrierte später aus der Sowjetunion.

Sir Simon Rattle vergegenwärtigt mit seinen Berliner Philharmonikern und dem sensiblen Solisten Miklós Perényi den Konflikt so kraftvoll, dass er regelrecht pulsiert. Lutoslawskis Konzert für Violoncello und Orchester erklang am Sonntag in der Philharmonie Essen. Zwar ist der politische Kontext des Werks längst Geschichte, doch die Tragfähigkeit von Lutoslawskis Musik ist damit keineswegs erschöpft. Ihr Erzählvermögen und ihre Schlüssigkeit gelten fort; verändert hat sich allerdings ihre Wahrnehmung.

Dem Scheitern des Cellos, das am Ende nur noch hell und dünn wimmert, sind in Rattles grandioser Interpretation auch tragikomische Momente abzulauschen: Wenn es etwa auf die schneidigen Grätschen der Hörner und Posaunen unverdrossen antwortet, seine Motive stur wiederholt. Und Rattle setzt am Pult eine böse Miene auf, mimt den feindseligen Beobachter, der den Bläsern das Signal zum Niedermachen gibt.

Lutoslawski setzte Cello und Orchesterkollektiv vorwiegend gegeneinander. Dann und wann nehmen Schlagwerk und Klavier Themen und Rhythmen auf; in der Kantilene wird die Solo-Melodie von den Kontrabässen, dann den Celli, Bratschen und am Ende auch den Violinen absorbiert. Hier entfacht Rattle ein seidiges Summen und Brausen, das bei aller bedrohlicher Wucht absolut durchhörbar bleibt. Ein phänomenales Klangerlebnis.

Prächtigkeiten hat das Orchester zuvor in einem anderen Werk der gemäßigten Moderne ausgebreitet, in Henri Dutilleux‘ „Metaboles“ für großes Orchester. Nacheinander glänzen die Instrumentengruppen: Die Holzbläser heben an mit trockenem Flirren, fließende Sanglichkeit bei den Streichern, bratzend und hoch beweglich die Blechbläser, und die synkopierenden Akzente der Schlagwerker lassen auch das Finale grooven.

Dieser impulsive, belebende Zugriff macht nach der Pause Robert Schumanns Sinfonie Nr. 2 C-Dur (op.61) zu einem Ereignis. Den Dirigentenstab klappt Rattle immer wieder in der linken Hand nach hinten weg, fordert und formt quasi mit bloßen Händen seine Vorstellung der Musik. Im ersten Schumann-Satz hebt er so immer wieder die dunklen und mittleren Lagen heraus, gestaltet ein beunruhigtes Drängen. Im Adagio drosselt er die famose Fülle des Klangkörpers zu einem schattenhaften Piano, das sich allmählich wieder mit Innigkeit füllt: Das ist ein Glücksmoment.

Quelle: wa.de

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