Berlinale: „Victoria“ ist ein deutscher Wettbewerbsbeitrag

+
Wer ist „Victoria“? Sehnsuchtsobjekt und Teil eines Roadmovies von Sebastian Schipper. Laia Costa, Frederick Lau und Franz Rogowski (von links) sind in Hauptrollen zu sehen.

Von Achim Lettmann

Berlin - Da soll nochmal jemand sagen, der Wettbewerb um den Goldenen Bären biete nicht innovatives Kino. Überraschend, dass ein deutscher Regisseur im Premium-Segment der Berlinale etwas wagt. Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) schickt in „Victoria“ fünf Schauspieler und einen Kameramann durch Berlin – ohne Pause.

Das heißt, der 140 Minuten lange Party-Liebes-Banküberfall-Film ist in einem Zug gedreht worden. Kein Schnitt, keine Regieanweisung, keine Korrektur, keine Visagistin. Schippers atemloser „Take“, der bei den 65. Internationalen Filmfestspielen zu den drei deutschen Bären-Beiträgen zählt, begleitet die Spanierin Victoria, die gerade zwei Monate in Berlin ist und noch niemanden kennt. Laia Costa zeigt sie als mädchenhafte Frau, die in einem Techno-Club als flaue Kontur im Nebellicht erscheint. Wer sie wirklich ist, bleibt rätselhaft. Warum steigt sie zu vier Berliner Rabauken ins Auto? Die Personenprofile sind unscharf, auch weil die eine unaufhaltsame Kamerafahrt keine auktoriale Reflexion zulässt. Der Zuschauer ist Teil des Geschehens, weil Sturla Brandth Grøvlen diese Nähe mit der Handkamera bestimmt. Eine erstaunliche Kraftanstrengung. Victoria lernt Sonne, Boxer, Blinker und Fuß kennen, die Geburtstag im Club, auf der Straße und über der Stadt feiern. Das ist recht beliebig, bollerig und ziellos, bis Boxer (Franz Rogowski) ein Versprechen einlösen muss, dass er einem Gangster gegeben hat. In einer Tiefgarage wird’s düster, André M. Hennicke verlangt als schroffer Szeneboss „zehn Riesen”. Es muss ein Banküberfall sein, sofort, und nur Victoria kann den Wagen lenken, weil Fuss zu besoffen ist.

Bei dieser Konstellation wird aus Spaß Ernst, Regisseur Schipper kriminalisiert seine Figuren, das es einem ans Herz geht. Eine Tour de Force beginnt, die radikal ist, aber das Kunststück fertig bringt, das Gefühl für Victoria, Sonne und Co. nicht zu verlieren, so durchgeknallt sie auch im Strudel der Gewalt erscheinen. Frederick Lau als Sonne steuert auf eine Liebelei mit Victoria zu, die im Tempo der Nacht kaum tiefe Momente hat, aber die Hoffnung hochhält. Hier setzt Schipper auf eine Grundregel des Roadmovies: Solange die Story Fahrt hat, bleibt die Sehnsucht Spannungsmerkmal. Was leicht begann, wird zu einer Tragödie im fahlen Morgenlicht Berlins. Schipper ist zwar kein großer Regisseur, aber er hat Mut und das zählt. Auch bei der Bären-Vergabe.

Mit hohen Erwartungen wird Terrence Malick bei den Filmfestspielen empfangen. Sein Werk „The Tree of Life” brachte ihm die Goldene Palme 2011 in Cannes. Gern würde man ihn für sein Kopfkino ehren. Der Regie-Eremit aus den USA, der mit dem Kriegsepos „Der schmale Grat” 1999 den Goldenen Bären gewann, zeigt sein aktuelles Bilderessay in Berlin. Reflektierte Malick in „The Tree of Life” noch das ganze Leben, fokussiert er „Knight of Cups” auf einen Filmstar, Hollywood, die Kinobranche.

Malick enttäuscht mit Hochglanzbildern aus Strandhäusern und Luxusvillen der Schönen und Reichen, die die Ästhetik der Modewelt imitieren. Es sind kommerzielle Schauwerte, die den visuellen Kern dieses Werks ausmachen. Christian Bale spielt den „Schlafwandler”, der an Swimming Pools, Couchlandschaften und Party-Ochsen wie Antonio Banderas vorbeilatscht und von den langbeinigen Gespielinnen nicht lassen kann. Wer hier die wahre Liebe sucht, muss ein Idiot oder ein Illusionist sein. Leider hinterfragt Malick eben Liebe, Ehe und Familie angesichts dieser Scheinwelt. Das ist unglaubwürdig. Cate Blanchett erscheint und sagt Sätze, wie „Ich wollte einen Partner” und „Was ist mit dir los?” Später kommt Natalie Portman als neue Verführung hinzu. Die wenigen Szenen mit Obdachlosen in Los Angeles muten wie Alibi-Bilder an. Echte Dialoge gibt es nicht.

Wieder lässt Malick einen inneren Monolog rauschen. „Ich weiß nicht, welcher Mann ich sein wollte”, sagt Christian Bale. Ein Studioboss will ihn reich machen, aber das ist längst bekannt. Hier wird selbstgefällig bedauert, was Erfolgskonzept geworden ist. Auch Armin Müller-Stahl als Priester wirkt deplatziert, wenn er von Gott spricht. Terrence Malick ist der elegische Flaneur unter den US-Regisseuren, der uns bittet „fangt an”, ändert euch. Sein Film allerdings ergibt sich einer Ästhetik, die vielleicht belegt, dass das alte Erzählkino Hollywoods von Mode- und Automarken korrumpiert ist. Eine Hoffnung, dass in der Filmindustrie mehr lebensnahe Themen den Mainstream erden, gibt er nicht.

Ein Stück Weltkino bietet der Regisseur Jayro Bustamante mit „Ixcanul“. Eine Maya-Frau ist Mittelpunkt der Geschichte, die in Guatemala mit ruhiger Kameraführung ganz ausbalanciert erzählt wird. Die 17-Jährige möchte ihr Dorf verlassen. Sie lässt sich auf einen Kaffeepflücker ein, der in die USA will. „Ixcanul“ ist mehr als eine Provinz-Geschichte, weil die Identität der Indios unprätentiös bebildert wird. Die Lage in Mittelamerika wird mit Abhängigkeiten, Zwangslagen und dünnen Glücksversprechen angetippt, ohne ein bebendes Sozialdrama zu bemühen. Das wirkt teilnahmsvoll und aufrichtig. Maria Mercedes Coroy als Titelfigur spielt mit Maria Telón (Mutter) ein Schicksalspaar. Sie sind verschiedener Meinung, aber untrennbar in der Not. Ein berührender Film.

Dagegen lässt einen das „Tagebuch einer Kammerzofe“ kalt. Der Regisseur Benoit Jacques hat eine ordentlich in Szene gesetzte Literaturverfilmung abgeliefert, die bereits Jean Renoir (1946) und Luis Bunuel (1964) vorgemacht haben. Der Roman von Octave Mirebeau ist französisches Kulturgut. Léa Seydoux spielt die Titelheldin mit kühlem Selbstbehalt. Sie stemmt sich im Frankreich vor dem 1. Weltkrieg gegen aufdringliche Schwerenöter, geht am Ende aber mit einem Mann, der sie für seine Hafenkneipe als Hure brauchen kann. Wieder wird Frankreichs Bürgertum für voyeuristische Unterhaltungsstandards zurechtgelegt. Léa Seydoux gab der Berlinale einen Korb. Statt über den roten Teppich zu schreiten, dreht sie mit Daniel Craig am neuen Bond „Spectre”. Auch nicht schlecht.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare