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„Berlin Skandalös“ an der Oper Dortmund

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Von: Achim Lettmann

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In der Dortmunder Oper gib es Musik aus den 20/30er Jahren.
Ein Hingucker in der Dortmunder Revue „Berlin Skandalös“ ist immer wieder Bettina Mönch. © Björn Hickmann/ stage picture

Temporeiche wird die Musik der Weimarer Republik in einer Revue der Oper Dortmund präsentiert: „Berlin Skandalös“ von Gil Mehmert.

Dortmund – „Wissen Sie nicht mal was Neues für mich?“ empört sich die „Zeitfurie“. Bettina Mönch verkörpert diesen Geist der Weimarer Republik, den Max Colpet in seinem schmissigen Lied als gierige Erscheinung personifizierte – „Die Zeitfurie“ eben. Unbändig drängt Bettina Mönch über die Bühne der Oper Dortmund („Fürsten und Grafen wollen mit mir schlafen“) und lässt die Hüllen fallen. Boys und Girls der temporeichen Inszenierung halten übergroße Programmheft hoch. Schnell wird ihr ein rotes Glitzerkleid angezogen, und die Zeitfurie strahlt in Siegerpose mit Zigarettenspitze. Man muss ihr folgen.

Auch Regisseur Gil Mehmert folgt dem Tempo der Goldenen Zwanziger Jahre. „Berlin Skandalös“ heißt die Revue, die in Dortmund vor allem das nächtliche Treiben als Rausch entfesselter Gefühle ausstellt. Das fällt elegant und verrucht aus: Pelzmäntel, Dessous, Netzstoffe und Fellkragen werden kess und erotisch vorgeführt. Die Choreografie von Yara Hassan ist rhythmisch auf den Punkt und akzentuiert erzählerische Bilder mit körperstarken Auftritten.

Auch die andere Seite Berlins wird in den fast 30 Liedern intoniert. „Großstadt! Großstadt! Herz aus Stein“ von Günther Neumann ist eine bitter-sarkastische Abrechnung auf die wachsende Metropole, wo man keine Zeit hat, „glücklich zu sein“. Oder „Einmal möcht’ ich keine Sorgen haben“– wieder von Colpet – schenkt der Hoffnung auf Zufriedenheit einen Moment. So ein Song wird auf der Bühne vertanzt, wenn telefonierende Damen nach Rechnungen fragen und Wolken-Schilder hereingetragen werden, die den Himmel immitieren, in dem der kleine Mann gern wäre.

Das ist ereignisreich inszeniert und instrumentalisiert gleichzeitig einige Songs für das Titel-Motto „Berlin Skandalös“. Zwar singt Anton Zetterholm „I Can’t Give You Anything But Love“ mit Gefühl, aber zu sehen ist, wie der Wert der Liebe ins Rotlichtmilieu befördert wird – Sex-Erwerb im Halbdunkel. Selbst der Hollaender-Klassiker „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ wird tiefergelegt und vom Sockel geholt, wenn Interpretin Mönch ihrer einseitigen Neigung erliegt und beim Tanzen von einem Hallodri sogar um den Halsschmuck erleichtert wird. Weinend rutscht sie über die Bühne, obwohl ihr der Conférencier das Geschmeide zurückgeholt hat. An Marlene Dietrich im Film „Der blaue Engel“ soll man wohl nicht mehr denken.

Rob Pelzer verweist als Conférencier, der nicht immer akustisch zu verstehen ist, auf den Zeitenwandel der 20/30er Jahre. Hitlers Machtergreifung störte 1933 diese Liberalisierung. Die aufwendige Bühnenshow ist ein Vorgeschmack auf das Erfolgsmusical „Cabaret“, das in der Spielzeit 2022/23 auf dem Programm steht.

Interessant auch, wer dann noch dabei ist. Dortmund bietet zahlreichen Musicalgästen. Neben der schillernden Bettina Mönch ist Angelika Milster ein Fixstern der Produktion. Die Sängerin, einst betörte sie als Grizabella im Musical „Cats“ mit „Memory“, erhält für „Raus mit den Männern aus dem Reichstag“ den ersten Szenenapplaus. Großartig auch Jörn-Felix Alt, der Hollaenders „Ich mache alles mit den Beinen“ zum Tanzsolo des Abends macht. Eine süffisante Persiflage auf sehr bewegliche Männer, die die Damen zum 5-Uhr-Tee betören.

Die Musik von Hanns Eisler, George Gershwin, Theo Mackeben und anderen stimmt Christoph JK Müller mit einer kleinen Besetzung der Philharmoniker an. Herausfordernd sind auch die neuen Themen der demokratischen Gesellschaft für Regisseur Mehmert. Der „Känguru“-Tanz animiert die Paare mit den Armen zu Boxen. Es sind Spielarten der frühen Freizeitgesellschaft. Mit „Wenn ich sonntags in mein Kino geh“ klingt der Reiz des visuellen Vergnügens an. Beim „Sechstagerennen“ bewegt sich der Chor mit Schwung sinnbildlich, um der Rennfahrt im Oval zu folgen. Und ein Radler strampelt im Bühnenhimmel vorbei – ein schöner Moment.

Nicht zu jedem Thema passt die imposante Revue-Bühne. Heike Meixner hat einen übergroßen Flügel schräggestellt und den Schriftzug Berlin mit Glühbirnen erleuchtet. Platz finden allerdings die fünf Boys, die „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ wie die Comedian Harmonists singen. Die vokale Wärme macht unfreiwillig spürbar, dass es dramaturgisch zu wenig Intimität und Harmonie gegeben hat.

Dem Premierenpublikum aber hat es gefallen. Standing Ovations.

27.10.; 6., 21.11.; 5., 15., 16., 18., 21., 28., 29., 31.12.; 7., 15., 16., 30.1., weitere Termine; Tel. 02312/5027 222; www.theaterdo.de

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