Berlin feiert Nofretete mit „Im Licht von Amarna“

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Zeitlos schön: Die Büste der Nofretete in Berlin ▪

Von Klaus Grimberg ▪ BERLIN–„Lebensgroße bemalte Büste der Königin, 47 cm hoch. Mit der oben gerade abgeschnittenen blauen Perücke, die auf halber Höhe noch ein umgelegtes Band hat. Farben wie eben aufgelegt.“ So notierte Ludwig Borchardt (1863–1938), Grabungsleiter in der altägyptischen Stadt Achet-Aton, am 6. Dezember 1913 in Tagebuch. Dann aber verlor der erfahrene Ägyptologe für einige Momente die sachlich-wissenschaftliche Kontenance: „Arbeit ganz hervorragend. Beschreiben nützt nichts, ansehen.“

Was den Forscher so in Entzücken versetzte, ist seit vielen Jahrzehnten das Prachtstück des Ägyptischen Museums in Berlin: Die Büste der Königin Nofretete aus dem 14. Jahrhundert vor Christus begeistert wegen ihrer anmutig-zeitlosen Schönheit Besucher aus aller Welt. Dass sie vom Nil an die Spree verfrachtet wurde, hatte mit den bis zum Ersten Weltkrieg üblichen Fundteilungen nach Grabungskampagnen zu tun. Die federführende Deutsche Orient-Gesellschaft und der „Service des Antiquités“ in Kairo einigten sich, wie die 14 000 Fundstücke aufzuteilen waren. Unter den 5500 Objekten, die nach Deutschland gingen, war eben auch die Büste der Nofretete.

Wie alle anderen Objekte gelangte sie in den Besitz des Unternehmers James Simon (1851–1932), der die Grabungen im einstigen Achet-Aton, dem heutigen Tell el-Amarna, vollständig aus seinem Vermögen finanziert hatte. Als Mäzen der Berliner Museen hat sich Simon bis heute in einzigartiger Weise verdient gemacht: Neben anderen Schenkungen übergab er 1920 den gesamten Fund aus Achet-Aton in den Besitz des Ägyptischen Museums. Auch wenn von ägyptischer Seite immer wieder die Rückgabe der Büste gefordert wurde, besteht unter Experten kein Zweifel daran, dass sie rechtmäßig in Berlin ist und auch dort bleiben wird.

Die Ausstellung „Im Licht von Amarna“, die den Fund der Büste feiert, ist jedoch im engeren Sinn keine Nofretete-Schau. Auch wenn die Ereignisse und die handelnden Personen der Grabung in einem Exkurs beleuchtet werden, geht es vor allem darum, den kulturellen Hintergrund jener Stadt Achet-Aton zu erläutern, in der Borchardt das Abbild der Königin fand. Erstmals wird dazu ein beträchtlicher Teil jener 5500 Objekte gezeigt, die mit Nofretete nach Berlin kamen.

Anhand herausragender Exponate erzählen die Kuratoren von einer kurzen, aber außergewöhnlichen Epoche der altägyptischen Geschichte. Pharao Echnaton (eigentlich Amenophis IV., 1351–1334 v. Chr.) versuchte in seiner Regierungszeit, einen Monotheismus durchzusetzen. Im einzigen Gott Aton wurde das „Licht, das in der Sonne ist“ angebetet, die physische Kraft des Lichtes als Schöpfer allen Lebens anerkannt. Der Pharao und seine Frau Nofretete galten als die Mittler des Göttlichen auf der Erde. Als Zentrum dieser neuen „Licht-Theologie“ ließ Echnaton in kurzer Bauzeit die Stadt Achet-Aton errichten, um 1346 v. Chr. verlegte er seinen Regierungssitz hierhin, etwa 400 Kilometer nördlich von der alten Königsstadt Theben.

Die Ausstellung veranschaulicht das religiöse und das alltägliche Leben in dieser Stadt. Sie führt die verblüffenden handwerklichen und künstlerischen Fertigkeiten der Menschen vor Augen, belegt durch Keramiken und Fayencen, Leder- und Metallarbeiten, Schmuck und Glas. Ein eigenes Kapitel gebührt dabei der Werkstatt des Thutmosis. In den Gebäudekomplexen dieses Bildhauers, der zahlreiche Schüler und Gehilfen hatte, fanden sich zahlreiche Modelle, Bildhauerstudien und Handwerksutensilien. In einem der Räume, vermutlich einem Lager, stießen die Forscher am Nikolaustag 1913 auf die Büste der Nofretete. Gefunden wurde auch eine in viele Einzelteile zerstörte Büste des Königs Echnaton, die 1912/13 zusammengesetzt wurde. Mit Aufnahmen aus der Computertomographie gelangt nun eine Replik, die erstmals einen Eindruck von der handwerklich ebenfalls exquisiten Arbeit vermittelt.

Höhepunkt der Ausstellung aber bleibt die Begegnung mit Nofretete – an ihrem angestammten Platz im Nordkuppelsaal des Neuen Museums. Ihr Glanz überstrahlt bis heute das unglückliche Ende der religiösen Revolution, die ihr Gatte angestrebt hatte. Schon bald nach seinem Tod kehrten seine Nachfolger zu den alten Göttern zurück und verließen die Stadt Achet-Aton wieder. Echnaton und seine Residenz gerieten rasch in Vergessenheit. Dass sein Name heute dennoch bekannter ist als der vieler anderer Pharaonen, hat allein mit der Büste seiner Frau zu tun, die vor 100 Jahren aus der ägyptischen Wüste geborgen wurde.

Im Licht von Amarna im Neuen Museum Berlin, bis 13.4.2013, mo – so 10 – 18, do bis 20 Uhr;

Tel. 030/ 266 42 42 42

http://www.imlichtvonamarna.de

Katalog, Imhof Verlag, Petersberg, 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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