FC Bergman mit „300 el x 50 el x 30 el“ bei der Ruhrtriennale

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Was schwimmt im Dorfteich? Szene aus der Produktion von FC Bergman.

Von Ralf Stiftel ESSEN -  Das Dorf liegt ruhig vor den Zuschauern. Für die Kamera aber liegen die Geheimnisse offen, die in den schrankkleinen Hütten lauern. Da frisst eine gierige Frau sich durch, während ihre Familie zuschaut. Da telefoniert ein Kerl und bearbeitet seinen Penis, und seine Frau stöhnt auf der Toilette. Ein Knabe holt eine Taube aus dem Käfig und knallt sie auf einen Schreibtisch. Drei Dartspieler mobben einen vierten. Ein Kameramann wird auf einem Karren um das Geschehen geschoben und filmt, was sich textlos in den Verschlägen abspielt.

Die Antwerpener Theatercompany FC Bergman stellte bei der Ruhrtriennale im Salzlager der Kokerei Zollverein in Essen ihre Produktion „300 el x 50 el x 30 el“ vor. Sie sehen es als „kinematographische Live-Performance“, eine Synthese aus Kino, Kunst und Theater. Langsam fügt sich aus szenischen Mosaiksteinchen eine bittersüße Liebesgeschichte zusammen, voller Anspielungen und Zitate, und doch erfrischend neu.

In dieser Gemeinschaft, die so eigenbrötlerisch in ihren Häuschen vor sich hin vegetiert, gibt es ein Paar, das anders ist. Ein Mädchen sitzt am Klavier, beaufsichtigt von einer Matrone, die allerdings über den sturen Etüden wegdämmert. Die Schülerin schleicht sich über den Dorfplatz zu einem jungen Mann mit Stahlhelm, der in seiner Hütte gern Knallfrösche auf einem Modellschlachtfeld zündet. Kontakt von Hütte zu Hütte, noch dazu Liebe – das wird im Dorf nicht gern gesehen. Das versteht der Zuschauer, auch wenn kein Wort gesprochen wird. Denn als die Lehrerin bemerkt, dass das Mädchen ausgebüxt ist, schreit sie es mit durchdringendem Sirenenklang zurück. Man ahnt da schon: Das wird nicht gut enden. Tut es auch nicht, es fließt Blut auf der Bühne, es gibt Tote und viel Wehklagen.

Auf den ersten Blick wirkt das Stück drastisch, speziell die Szenen einer Ehe mit dem Onanierer und seiner verstopften Gattin. Aber die 2008 gegründete Truppe bezieht sich im Titel nicht umsonst auf Ingmar Bergman. Ihr so zufällig daherkommendes Spektakel ist präzise komponiert, aufgeladen mit Verweisen. Wenn der Knabe den Taubenkäfig öffnet, nach dem flatternden Vogel greift, damit an den Schreibtisch tritt, das Tier mit einer Attrappe vertauscht, die dann auf die Platte knallt und mit einer Schere einen Fuß abschneidet, dann blitzen Bilder von Magritte und Filme von Buñuel im Kopf des Betrachters auf. Und das Kind spielt da mit einer Präzision, mit einer Reife, die einfach nur staunen lässt.

Nicht weniger surreal wirkt die Prasserin, die am Ende sogar das spärliche Mobiliar in der Hütte verzehrt. Später zieht der stoische Angler an der Dorfpfütze ein triefendes Lamm aus dem Wasser, das zentrale Symbol für Christus, das dann über der Szene schwebt.

Solche Momente präsentieren die Theatermacher mit spielerischer Leichtigkeit. Hinzu kommt ein Ensemble, das mit Hingabe, ja Freude Szenen mit zum Teil exhibitionistischer Freizügigkeit ausführt. Peinlich wirkt das gleichwohl nie, weil es in eine strenge Form eingebunden ist, weil FC Bergman großartige Bilder findet. Und weil der Blick ständig zwischen den realen Bruchbuden und den drei Großbildschirmen wechselt, die die Kamerabilder zeigen, behält der Zuschauer eine emotionale Distanz. Am Anfang dreht der Kamerawagen seine Runden, als markiere er den Tageslauf. Das Leben im flämischen Dorf erscheint absurd komisch. Es gibt Einiges zu lachen in dieser Produktion.

Gleichzeitig aber ist dies auch ein weltliches Passionsspiel: Das Paar unternimmt einen Fluchtversuch, und das so geregelte Dorfleben gerät aus den Fugen. Am Ende ist der Soldat tot – und die Dorfbewohner treten auf den platz zu einem Buß- und Reinigungsritus. Das rhythmische Abwaschen zu Nina Simones Song „Sinnerman“ eskaliert in einen ekstatischen Hüpftanz, zu dem noch eine große Schar Statisten auf die Bühne kommt. Das mitreißende Ende einer starken Performance, die zu Recht bejubelt wurde.

Quelle: wa.de

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