Benno Fürmann im ARD-Film „Der Mauerschütze“

+
Belastende Geschichte: Stefan (Benno Fürmann) trifft auf Silke (Annika Kuhl) in dem TV-Film „Der Mauerschütze“. ▪

Von Rainer Bessling ▪ Paul hat nicht mehr lange zu leben. Sein Arzt tut seine Pflicht und bereitet die nächste Chemo-Therapie vor. Doch der krebskranke Junge glaubt nicht mehr an die medizinische Kunst. Er will noch was erleben, bevor er stirbt. Was genau, weiß er nicht. Er fragt den Arzt: „Was würden Sie denn machen, wenn Sie nur noch ein paar Wochen hätten?“

Die Frage reißt die tiefste Wunde in Stefan Kortmanns Leben auf. Sie konfrontiert den erfolgreichen Mediziner einmal mehr mit der Schuld, die fern vom Karriereglanz auf ihm lastet. Bislang musste er alleine mit ihr leben. Doch nun hält er dem Druck offenbar nicht mehr Stand. Kortmann beschließt, an die Ostsee zu fahren, um Silke Strelow zu besuchen, deren Leben er 20 Jahre zuvor eine grausame Wende gab. Um sein Medizinstudium in der DDR aufnehmen zu können, hatte sich Kortmann für den Grenzschutz gemeldet. Der Schießbefehl erschien ihm abstrakt, niemals würde er auf einen Menschen schießen, glaubte er. Doch dann tötete er Silke Strelows Mann beim Fluchtversuch des jungen Paares.

„Der Mauerschütze“ heißt die NDR-Produktion, die versucht, mit einer erfundenen Geschichte eine deutsche Realität zu beleuchten, die immer noch lange Schatten wirft. Jan Ruzicka inszeniert das herausragende Fernsehstück im Format eines klassischen Dramas. Schuld und Schicksal ketten Menschen aneinander und reißen sie auseinander. Entschuldigung gibt es für das Verhalten in buchstäblichen Grenzsituationen nicht, höchstens Erklärungen, und die versucht Ruzicka, indem er die Figuren in einer Tiefenschärfe erkundet, die im Fernsehen Seltenheitswert hat.

Was verspricht sich Kortmann davon, die Witwe des von ihm Getöteten aufzusuchen? Vergebung, wie Maria (Sandra Borgmann), die bis zur Selbstaufgabe verständnisvolle Freundin des Arztes, fragt? Warum lässt er zu, dass sich Silke und er sogar näher kommen? „Ist das deine Art der Wiedergutmachung?“, höhnt Maria. Benno Fürmann in der Rolle des Mauerschützen und Annika Kuhl als Witwe bewältigen diese Konstellation mit darstellerischer Meisterschaft. In diesem Kammerspiel auf Usedom verdichtet sich deutsche Geschichte in dem Versuch einer Handvoll Menschen, ihrem Leben eine Richtung zu geben und auf Wahrhaftigkeit aufzubauen. Dabei spielt die Parallelhandlung – der krebskranke Paul (Max Hegewal verliebt sich in Silke Strelows Tochter Sunny (Lotte Flack) – die Rolle eines Spiegels. Die junge, unkonventionelle Liebe zerrt alle Lebenslügen auf die Anklagebank. Mit einem versöhnlichen Schluss darf der Zuschauer nicht rechnen. Aber der wäre der historischen Wirklichkeit wohl auch kaum angemessen.

Die Verantwortlichen für den Schießbefehl kamen nach der Maueröffnung glimpflich davon. Die Akten der Mauerschützen waren gesäubert. Eine Selbstanklage, wie sie Kortmann in dem Film vornimmt, dürfte Seltenheitswert haben. Besonderen Zorn hinterlässt eine Szene, die Silke Strelows Versuch dokumentiert, ein deutsches Gericht mit der Sühne des Mordes an ihrem Mann zu befassen. „Sie wussten, dass die Staatsgrenze der DDR mit Waffengewalt geschützt wurde?“, fragt sie der Verteidiger der angeklagten greisen SED-Staatsgewalt. „Und sie waren im fünften Monat schwanger? Sie haben nicht nur Ihres, sondern auch das Leben eines ungeborenen Kindes gefährdet? Und das wegen eines Urlaubs auf Mallorca, eines VW, einer Maggi-Suppe aus der Tüte?“

Arte, 20.15 Uhr

ARD, 3. August, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare