Benjamin Steins Roman „Die Leinwand“

Von Ralf Stiftel ▪ Benjamin Steins Roman „Die Leinwand“ besteht eigentlich aus zwei Büchern, einem auf jeder Seite. Das eine Buch führt in die Lebensgeschichte von Amnon Zichroni, geboren in Yerushalayim, Sohn einer orthodox jüdischen Familie, streng erzogen, aber mit einer unerlaubten Neigung zu weltlicher Literatur. Wendet man das Buch, begegnet man einem weiteren gläubigen Juden, dem Münchner Schriftsteller Jan Wechsler, dem ausgerechnet am Sabbat ein vergessener Koffer zugestellt wird. Zwei Wege führen ins Buch, schreibt der Verlag. Der Leser ist frei, welchen er wählt.

Natürlich hängen die Geschichten zusammen. Die beiden Protagonisten und Ich-Erzähler treffen zum Höhepunkt der Geschichte aufeinander, feiern den Schabbes, besuchen eine einsame Mikwe in der Wüste. Und es geschieht ein Verbrechen, bei dem ein Mann verschwindet. Zuvor ereignet sich ein anderes Drama, in der Hälfte des Buches, die Zichroni erzählt. Schon als Knabe merkt er, dass er einen besonderen Sinn hat. Er kann die Erinnerungen anderer Menschen wahrnehmen wie seine eigenen. „Ich war fünfzehn, als eine Flut von Bildern, Tönen, Gerüchen und Gefühlen in mich einströmte wie ein rot glühendes Metall, das jede Spur Kindlichkeit und jeden Rest Kindheit in mir ausbrennen sollte.“ Er wird Psychoanalytiker – eine Karriere, die bei seinem Talent nahe liegt.

Zichroni begegnet Minsky, dem nicht observanten, nicht die Regeln befolgenden Juden, einem Geigenbauer. Minsky erzählt, wie er die Vernichtungslager der Nazis er- und überlebt hat. Zichroni rät ihm, seine Erinnerungen aufzuschreiben, zunächst als Therapie. Die Erinnerungen werden zum Buch, veröffentlicht, ein Bestseller. Bis der Journalist Jan Wechsler Mins kys Erinnerungen als Fälschung entlarvt. Der Mann war nie im Lager. Es kommt zum Skandal, mit dramatischen Folgen.

Dieser Teil von Steins Roman beruht auf einem tatsächlichen Fall: 1995 gab es Ghetto-Erinnerungen eines Binjamin Wilkomirski, die nach kurzem Erfolg als Fälschung erkannt wurden. Aber Stein arbeitet nicht einfach Geschichte auf. Er konstruiert um die Ereignisse eine komplex verzahnte Erzählung, die auf der Zichroni-Seite Züge eines romantischen Schauerromans trägt. Übernatürliche Ereignisse führen ins Verhängnis. Als Zichroni Oscar Wildes Roman „Dorian Gray“ liest, wird das zu einem Wendepunkt seines Lebens. Darin spielt ein magisches Gemälde eine zentrale Rolle, eine Leinwand, der sich die Spuren der Sünde einschreiben. Ähnlich zwangsläufig lädt der Erzähler Schuld auf sich.

Der Wechsler-Figur gab Benjamin Stein Details der eigenen Biografie. Stein wurde 1970 in Berlin (Ost) geboren. „Jüdisch zu sein, war im Kleinen Land eine Variante des ultimativen Andersseins“, heißt es im Roman. Auch Wechsler ist literatursüchtig, geht gar in die US-Botschaft, um einen Gedichtband von E. E. Cummings auszuleihen. Diese Seite des Buches ist kafkaesk gebaut: Je länger Wechsler dem Koffer nachspürt, desto mehr verliert er seine Identität. Selbst die DDR-Jugend entpuppt sich als Fiktion. Er hat Bekannte, an die er sich nicht erinnert. Um sich wiederzufinden, fährt er nach Israel, zum Ritualbad in der Wüste.

Steins Buch steht quer zum Literaturbetrieb. Einerseits stehen seine Figuren auf der Höhe der Zeit. Stein arbeitete als Unternehmensberater für Informationstechnologie, und sein Wechsler hantiert spielerisch mit Laptop und Internet. Andererseits ist das Buch ganz aus der Perspektive orthodoxer Juden erzählt. Das schenkt dem Leser eine außergewöhnliche Erfahrung zwischen einem Erzählton, der in seiner ruhigen Präzision historisch scheint, und einer Handlungskonstruktion, die in ihrer Verzahnung der Geschichten dem 21. Jahrhundert entspricht. Wie süß tönt diese Frömmigkeit, die noch dem Höchsten mit Pragmatismus begegnet. Manche Passage klingt wie eine alte Legende: „Vor einigen Jahren stand ich mit unserem Maschgiach schwatzend auf der Straße und verscheuchte eine Taube. Er wurde umgehend bleich und wies mich zurecht. Eine Taube, die sich uns nähert, sagte er, ist die Seele eines Gerechten, die uns besuchen will. Verjagst du sie, weist du den Besuch eines Zaddik zurück.“

Umso verstörender sind die Einbrüche der Gewalt in diese vermeintlich harmonische Welt. Ein grandioses Buch.

Benjamin Stein: Die Leinwand. Verlag C.H. Beck, München. 416 S., 19,95 Euro,

Benjamin Steins Blog:

http://www.turmsegler.net

Quelle: wa.de

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