Aus dem Archiv des Porträtisten

Fotografien von Benjamin Katz in Herford

Benjamin Katz fotografierte 1977 in Dinard alte Dinge
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Benjamin Katz fotografierte 1977 in Dinard alte Dinge (und zwei Jungs). Zu sehen in der Ausstellung im Marta Herford.

Seine Künstlerporträt sind bekannt. Was den Fotografen Benjamin Katz noch bewegte, zeigt eine unterhaltsame Schau im Marta Herford: „Entdeckungen“.

Herford – „Entdeckungen“ werden häufig gefeiert, wenn ein künstlerisches Werk öffentlich gemacht wird. In Herford aber stecken hinter dem Titel zu Benjamin Katz’ Fotoausstellung gleich mehrfache Einsichten. Der Fotograf ist mit seinen Künstlerporträts bekannt geworden. Maler Jörg Immendorff sitzt da nachdenklich im Sessel und trägt einen beklecksten Overall (1984). Jannis Kounellis grinst gelassen in die Kamera (1977). Und Joseph Beuys steht mit dem Gründungsdirektor des Museum Marta, Jan Hoet, zusammen (1980). Diese unspektakulären Aufnahmen, die Katz so selbstverständlich wie privat aussehen lässt, sind im Foyer des Museums ausgestellt. Sie zählen zur Sammlung des Hauses. Insgesamt sind 18 Porträts zu sehen – als Entré. Denn die Ausstellung „Benjamin Katz. Entdeckungen“ unternimmt einen Blick ins Archiv des Künstlerporträtisten. Rund 200 Fotografien zeigen die andere Seite Benjamin Katz’. Sein Archiv umfasst 500 000 Negative.

Neue Sujets im Werk von Benjamin Katz rücken in den Blick und lassen einen fragen, was beschäftigte Katz neben Ateliers, Museen und Kunstausstellungen? Was war ihm wichtig, fern der Künstlerzirkel, zu denen Katz ab 1956 in Berlin und ab 1972 in Köln, dem Rheinland und Ruhrgebiet gehört hat?

Wichtig war Benjamin Katz, der 1939 als Sohn deutscher Juden in Antwerpen geboren wurde und in Brüssel aufwuchs, das Alltägliche. Etwas, das nicht im Mittelpunkt steht, das nicht glänzt und sich erhebt. Was findet sich auf dem Weg, den er eingeschlagen hat?

In Herford sind die Entdeckungen zu sehen, die der Fotograf erstmal ganz für sich gemacht hat, ohne einer Publikationsstrategie zu folgen. Zu erleben ist Katz’ Interesse, das Menschliche in der Welt festzuhalten und die vielen Facetten, die es dazu gibt, zu zeigen. Auch sein Interesse am Erzählerischen, sein Humor und sein Blick für klassische Motive sind offensichtlich. In Herford ist eine Fotoausstellung zu sehen, die auch unterhält.

Oder haben Sie schon die beiden Jungen auf der Fotografie „Dinard 1977“ gesehen. Es ist ein Suchbild, denn anfangs muss das Auge die Speichenräder, Zinkwannen, Metallleisten, Kisten, Schubladen, Rohre und anderen Utensilien sortieren. Das Bild ist neben all den anderen Fotografien, die sich Dingen und Objekten widmen, eine programmatische Aufnahme. Es geht um das Vergangene, wie sich Zeit messen lässt. Zum Beispiel auf diesem Schrottplatz in Dinard, wo Monsieur Firmin mit Kittel und Kladde den Eindruck hinterlässt, er hat zu all den Dingen Buch geführt. Er war ein Freund von Benjamin Katz.

Immer wieder fuhr der Fotograf in die französische Gemeinde an der Kanalküste. In Dinard entdeckte er einen Wasserhahn, dem zwei Drehgriffe fehlen, sodass sich ein Gesicht assoziieren lässt. Seine Fantasie spürt Bilder auf und erkennt das Besondere. Auch die beiden Männer in „Lesneven, Bretagne, 2008“ zählen dazu. Vor ihrem Lieferwagen steht ein meterhoher Flaschentrockner, wie ihn Marcel Duchamp zum „Readymade“ erklärte und der in die Kunstgeschichte einging – neben dem Urinal 1917.

In Herford werden die Fotografien in Gruppen präsentiert: Türen, Fenster, Treppenhäuser, Fassaden, Stadtszenen, Natur, Küste. Das Leben am Strand fesselt Benjamin Katz. Die Buden in „Oostduinkerke, 2003“ sind eine menschengemachte Spur im Sand, die Landschaft und Himmel voneinander trennen. Das Schwarz-Weiß-Foto zeichnet sich durch seine feinen Grautöne aus. Katz ist Traditionalist. Seine Fotografien sind Silbergelantineabzüge auf Barytpapier. Das Verfahren liefert feinste Duoton-Abstufungen.

Benjamin Katz ist ein Fotograf der Dinge. Auf der Île de Ré hat er 1991 zwei Garagentore fotografiert, die mehrteilig, abgewetzt, rau, alt, aber funktionsfähig aussehen. Hier gewinnt seine Fotografie auch abstrakte Qualität. Zeitlosigkeit strahlen einzelne Aufnahmen aus, wie der Standaschenbecher („Weimar, 1990“). Das Objekt ist im Stil der Neuen Sachlichkeit fotografiert – nüchtern, aber erhaben. Ganz anders das Fahrrad („Dinard, 1980“) mit Korb und Werbetafel im Gestellrahmen („Boucherie Guitton, Tel. 46 11 49“), das in jede dekorative Postkartenserie passt.

Mit dem Foto „Weimar (Atelier Held), 1990“ lichtet er eine Garderobe ab, die mit ihrer schlichten Funktionalität und Gitterform an Bauhaus-Vorbilder erinnert. Weitere Strukturbilder zeigen zahllose Straßenlaternen an einer Autobahn („Belgien, 1980“) oder die geschwungenen Oberlichter einer Passage in Brüssel von 2001. Die Präsentation in Herford belegt, dass für Katz Fotoreihen relevant waren, keine Serien, wie bei jüngeren Fotografen. Bilder von Kellnerin und Kellnern in Paris, Brüssel und Berlin (1977 bis 1980) sind der Situation geschuldet – nicht dem Konzept. Dagegen dokumentiert Katz den Zerfall von zwei Türen über die Jahre 1977, 1986, 1994 und 2006. Struktur und Farben lassen nach, eine Klinke fehlt irgendwann.

Auf der Reise haben es Katz Speisewagen, Warte- und Wetterhäuschen angetan. Sogar eine schlichte Kastenbauform auf einem Bahnsteig war ihm ein Foto wert: „Hamm (Bahnhof), 1993“.

Großformatig sind die Naturbilder „Normandie“ (2003) und „Bochum“(2017). Das eine ist ein wild bewachsener Hohlweg, das andere zeigt gigantische Äste eines Baumstammes. Katz ist von der Natur begeistert. Und vom Menschen. Wie er ein älteres Paar aufnimmt („Dinard, 1980“), das sorgfältig Stühle und Sonnenschirm am Strand aufstellt, um sich genau ins Schattenfeld zu setzen, ist nett beobachtet.

Ein Pförtner im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (1982) wirkt so aus der Welt gefallen, wie einige Figuren aus den Filmen von „Monsieur Hulot“. In seinem Katalogbeitrag sieht der Kunsthistoriker Eric Darragon in Katz’ Nachtansicht „Paris, 2011“ den Anfang einer Geschichte, wie es das Sujet der Stadtfotografie entwickelt hat – seit Brassaïs Parisbilder. Citynächte sind voller Hoffnung.

Als Fotograf wurde Katz erst 1976 bekannt, als er den Künstler Blinky Palermo in einer Kölner Galerie porträtierte. 1985 stellte Katz erstmals aus – in der Kölner Galerie Tanja Grunert. Derzeit realisiert der 82-Jährige eine Fotoserie mit den Blumensträußen, die seine Frau jede Woche vom Markt mitbringt. In Herford sind die 36 Aufnahmen in ihrer Schönheit streng geordnet. Vor weißen Fliesen sind nüchterne Stillleben entstanden: Pfingstrosen, Tulpen, Margeriten, Amaryllis und wieder Tulpen – etwas Zeitloses schwingt mit.

Bis 3.10.; di-so 11 – 18 Uhr, Tel. 05221 / 99 44 300; Katalog im Snoek-Verlag 24 Euro (nur im Museum), www.marta-herford.de

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