Bellinis „Norma“ an der Oper Dortmund

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Pollione (Mikhail Vekura) schaut auf die konkurrierenden Adalgisa (Katharina Peetz, links) und Norma (Miriam Clark) in Dortmunds „Norma“-Inszenierung. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Bellinis „Norma” ist die Show der starken Frauen: Der Mann ist der Preis. Norma, die Hohepriesterin, und Adalgisa, ihre Schülerin, liefern sich um den Römer und Todfeind, Pollione, einen Wettstreit in zarten Gefühlen und edlen Taten. In Dortmund lebt die „Norma” von zwei starken Sängerinnen: der 31-jährigen Sopranistin Miriam Clark und Katharina Peetz, Ensemblemitglied des Opernhauses Zürich. Clarks leuchtende Norma und die vor Hingabe bebende Adalgisa Peetz' sind die Stars eines musikalisch sehr lohnenswerten Abends. Die beiden Sängerinnen erteilen Lehrstunden in Phrasierung und Koloraturkunst.

Enrico Lübbe hat den Publikumsschlager für die Oper Dortmund inszeniert, doch bleibt er wenig wahrnehmbar. Der Operndebütant fällt hauptsächlich durch Nichtregie auf – dafür erntet er heftige Buhrufe. Tendenziell sieht der Schauspiel-Regisseur die „Norma” als Kammerstück, seine Heldin als gequälte Person, die sich von ihrer Umwelt abschottet. Sie zieht sich hinter eine dicke Wand zurück (für die teils sichtstörende Konstruktion ist Henrik Ahr verantwortlich); dort lebt sie mit ihren Kindern, die sie ängstlich verbirgt, weil sie sie wider die Regeln der Priestergemeinschaft von dem römischen Feind bekommen hat. Wenn sie der Außenwelt begegnen muss, zieht sie einen grauen Mantel zum Schutz über, sonst bewegt sie sich in einem apricotfarbenen Miedertrikot und grünem Bademantel, eine intime, verletzbare Erscheinung. Darüber hin-aus ist die Kostümwahl (verantwortlich: Bianca Deigner) wenig aussagekräftig: mädchenhaftes rosa Kleid für Adalgisa, Wasserwellen, graue Kostüme und Anzüge für die Druiden. Lübbe deutet ein Psychospiel an, lässt die Sänger indirekt beleuchten und lange Schatten werfen. Als Norma ihre berühmte Arie „Casta diva” singt und die Sakralobjekte Sichel und Mistel – einzige Überbleibsel der keltischen Originalhandlung – präsentiert, sitzen die Druiden da wie Teilnehmer einer Betriebsversammlung. Auch eine Machtstudie wird diese „Norma” im dunklen Geschäftsraumambiente nicht. Erst zum Schluss gestattet sich Lübbe eine dramatische Geste: Norma und Pollione werden von den aufgebrachten Druiden mit Benzin übergossen.

Zumindest bleibt viel Raum, die wunderbaren Sängerinnen zu genießen. Miriam Clark besticht mit leuchtender Höhe und eleganter Phrasierung: eine leichte, belkanteske Norma, die an klassischem und barockem Repertoire geschult ist, weniger eine dramatische. Die Arie an den Mond ist ein duftiger, intimer Moment: Norma träumt von ihrer verflossenen Liebe mit Pollione (Mikhail Vekua), schreckt aus ihrer privaten Reverie auf, hat aber den Kontakt zu den Druiden längst verloren. Clark ist auch eine beachtliche Sängerdarstellerin, die in eine Phrase Stahl und Schmelz zu legen weiß. Katharina Peetz‘ Adalgisa bebt vor Hoffen, Bangen und Hingabe. Beider Duette sind Augenblicke zum Innehalten: zartfühlend gestaltet, technisch praktisch makellos.

Neben dem starken Frauenduo kann Vekua nicht immer überzeugen: ein Pollione mit schönem Ton, viel Kraft und gelegentlich zu viel Metall in der Stimme. In den Szenen mit Norma gewinnt er an Intensität.

Als Oroveso lässt Wen Wei Zhang aufhorchen: ein geschmeidiger, mächtiger Druidenführer. Das Dortmunder Ensemblemitglied Julia Amos, im letzten Jahr als „Lucia di Lammermoor” zu erleben, hat als Clotilde wenig Gelegenheit, ihre makellose, flexible Stimme zur Geltung zu bringen.

Lancelot Fuhry führt die Dortmunder Philharmoniker stringent, ohne viel Schnörkel, mit starkem Puls, eine Spur zu gleichmäßig. Im zweiten Akt gestaltet er effektvoll die Wechsel zwischen den zarten, nostalgischen Tönen zwischen Norma und Pollione und den Massenszenen, ohne dass der Klang dick wird.

Die Oper

Großartig singende Rivalinnen, schnörkellose Philharmoniker, ein schwaches Regiedebüt, das nicht so sehr ins Gewicht fällt.

Norma an der Dortmunder Oper. 11., 14., 26. Dezember, 8., 14., 27. Januar, 4., 25. Februar; Tel. 0231 / 5027 222 http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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