Das belgische AfricaMuseum Tervuren präsentiert sich mit neuem Konzept

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Einzigartige Schätze: Eine Maske im AfrikaMuseum in Tervuren.

TERVUREN - Wer sich über Zentralafrika informieren will, der kommt um Tervuren nicht herum. Das AfricaMuseum im Dorf, 15 Kilometer vor Brüssel, besitzt eine der umfangreichsten Sammlungen zu Kultur und Natur des Kontinents. Schon die Menge lässt schwindeln: 120 000 ethnografische Objekte wie Masken und Skulpturen, 500 000 Fotos, 3000 historische Landkarten, 10 Millionen biologische Präparate, vom ausgestopften Elefanten bis zu Schmetterlingen, mehr als 200 000 Mineralien und Gesteinsproben, darunter 18 000 Fossilien.

Kein Wunder, dass das etwas abgelegene Haus bis 2013 zu den zehn bestbesuchten Museen Belgiens gehörte. Dann wurde es geschlossen für eine gründliche Restauration. Am Wochenende wurde es wieder eröffnet.

Restaurierung heißt in diesem Falle nicht nur eine Überarbeitung des Gebäudes, obwohl auch das dazugehört. Ein neues Haus mit Glasfront entstand neben dem denkmalgeschützten Museum. Jetzt hat sich die Nutzfläche auf 11 000 Quadratmeter fast verdoppelt. Man betritt das eigentliche Museum durch einen Tunnel. Vor allem aber wurde das Konzept gründlich überarbeitet. Das AfricaMuseum wurde vor 120 Jahren vom damaligen König Leopold II. initiiert als Propagandamaschine für den Kolonialismus. Schon in der einstigen Eingangshalle sah man das an den lebensgroßen Statuen zum Beispiel eines Geistlichen mit zwei nackten afrikanischen Kindern. „Belgien bringt die Zivilisation zum Kongo“, nannte Arsène Matton sein Werk von 1922. Nicht weniger als 45 Mal brachte der König seine Initialen, das Doppel-L, an dem neobarocken Gebäude an, das vor allem seinem Ruhm dienen sollte. Bis 2013 war die Ausstellung auf dem Stand der späten 1950er Jahre. Erst 1960 erlangte die Kolonie, die anfangs Privateigentum Leopolds war, die Selbstständigkeit. Die Kolonie, 80 Mal so groß wie das Mutterland, wurde brutal ausgebeutet, Millionen Menschen wurden getötet. Schon lange vor der Schließung war klar, dass das Konzept überarbeitet werden musste. Einfach war und ist das allerdings nicht, denn die Anlage steht unter Denkmalschutz.

Das Team um Generaldirektor Guido Gryseels hat afrikanischstämmige Belgier und Afrikaner einbezogen. Die Umgestaltung, die fast 75 Millionen Euro kostete, ist am Ende doch ein Kompromiss, der Fragen offen lässt. Gryseels und seine Kuratoren sehen die Umgestaltung denn auch nicht als abgeschlossen an, sondern als Prozess.

Das Museum soll weg von der rein historischen Betrachtung, kein Schauraum mehr sein für die Mitbringsel vom schwarzen Kontinent, sondern ein Spiegelbild des modernen Afrikas. Immerhin ist Tervuren auch eine aktive Forschungseinrichtung mit 85 Wissenschaftlern. Die Säle wurden thematisch neu geordnet. Eine Reihe von Skulpturen, in denen europäische Künstler die Afrikaner als „Wild“ darstellten wie der berüchtigte „Leopardenmann“, wurden aus der Sammlung genommen und in einen gesonderten Depotraum verbannt. Die Sprache änderte sich. Wo früher von Stämmen die Rede war, geht es heute um Völker, wo man früher von Hütten und Tamtam sprach, heißt es heute Haus und Zweischlitz-Trommel. Die Artefakte wurden zum Beispiel im Saal „Rituale und Zeremonien“ mit großen Bildschirmen konfrontiert, auf denen heutige Afrikaner erzählen, wie sie mit Themen wie Geburt und Tod, Macht und Herrschaft umgehen. Und ein eigener Saal arbeitet auf, dass die Europäer im 19. Jahrhundert eben keinen geschichtslosen Kontinent erschlossen. Vorgeschichtliche Funde sind dort ebenso ausgestellt wie Hinweise auf afrikanische Königreiche.

Die Kolonialgeschichte wird durchaus kritisch in einem Saal dargestellt. Allerdings haben Fotos der abgehackten Hände (für jede verschossene Kugel mussten die schwarzen Kolonialsoldaten die rechte Hand des Toten mitbringen) nicht die visuelle Kraft realer Objekte. Und die Schau konzentriert sich auf die Entkolonialisierung, auf das positive Ende, ohne auf die bis heute andauernde Traumatisierung und Destabilisierung des Kongo einzugehen.

Es gibt im Museum „Orte der Erinnerung“, wie die Liste mit den Namen der gut 1500 Belgier, die im Kongo gestorben sind. Das Gedenken der Kolonisatoren einfach auszulöschen, ging nicht, wegen des Denkmalschutzes, aber auch wegen der historischen Redlichkeit. Also setzt der in Kinshasa lebende Künstler Freddy Tsimba seine „Ombres“ dagegen: Auf die großen Fenster davor wurden die Namen von sieben Afrikanern angebracht, die 1897 nach Tervuren gebracht wurden, um „afrikanisches Dorfleben“ vorzuführen, und die einer Grippewelle erlagen. Nun erinnern Schatten daran, dass weit mehr Menschen starben.

Afrikanische Gegenwartskunst soll den Kontinent als Gesprächspartner auf Augenhöhe zeigen. Das gelingt nicht immer: Aimé Mpanes monumentaler geschnitzter Kopf ist allzu gefällig, um sich neben den zynischen Skulpturen zu behaupten. Der Verkehrsroboter von Madame Thérère Izay Kirongozi aus Kinshasa vermittelt mit den Fotos von Nelson Makengo einen Eindruck der Place Victoire. Aber ist das nicht etwas zuviel Alltag?

Das Museum war einmal ein sonderbares Relikt. Der „Krokodilraum“ dokumentiert das, indem er in ursprünglicher Gestaltung Insekten, Lurche in Gläsern und zwei Krokodile zeigt. In anderen Sälen hat man nicht mehr die Illusion von konservierter Wildnis, da werden auch Umweltfragen angesprochen. Die einzigartigen Kunstwerke werden ernsthafter vorgestellt, ein Teil sogar wie westliche Kunst, mit Notnamen für die Meister, die sie einst schufen.

Die Neupräsentation ist ein Kompromiss mit all seinen Mängeln. Der gute Wille freilich ist spürbar. Das Museum wird sich weiter wandeln – vielleicht auch, weil Objekte an den Kongo zurück gegeben werden. Direktor Gryseels zeigte sich gesprächsbereit: Es sei nicht nachzuvollziehen, dass 80 Prozent des kulturellen Erbes des Kongo in Europa seien.

geöffnet di – fr 11 – 17, sa, so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0032/ 2/ 769 52 11, www.africamuseum.be

Quelle: wa.de

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