Im ZDF beleuchten Stefan Aust und Claus Richter West-Berlin: „Die Insel“

+
Im Oktober 1961 drohte aus dem Kalten ein heißer Krieg zu werden: Russische (Bild) und US-Panzer standen sich am Sektorenübergang „Checkpoint Charlie“ in der Berliner Friedrichstraße gegenüber.

Von Elisabeth Elling Nirgendwo sonst standen sich Soldaten der USA und der Sowjetunion direkt gegenüber – außer in Berlin. Die Amerikaner unterhielten in ihrem Sektor (ihrem Viertel der Stadt, die sie sich seit 1945 mit Russen, Briten und Franzosen teilten) eine Panzerbrigade mit 6000 Mann. In einem Krieg hätten die die zwei Millionen West-Berliner zwar bestimmt nicht verteidigen können. Sie sollten aber der „Stolperdraht“ sein, in dem sich die Truppen aus dem Osten verfingen, bis der Westen reagieren würde. Was das auch immer heißen mochte.

Eine Frontlinie bringen Stefan Aust und Claus Richter im ZDF-Zweiteiler „Die Insel“ in Stellung: der Kalte Krieg hautnah, jederzeit droht die Eskalation. Und wie reagieren die Westberliner? Sie schaffen die Polizeistunde ab.

Auf solche Pointen hin erzählen die Journalisten – der eine ehemaliger „Spiegel“-Chef, der andere Korrespondent in aller Welt für ARD und ZDF – die Geschichte Westberlins „zwischen Mauerbau und Mauerfall“.

Sie montieren einen unterhaltsamen Bilderbogen, bieten teils entlegene Zeitzeugen auf (neben diversen ehemaligen Regierenden Bürgermeistern auch die Schlager-Barden Gunter Gabriel und Bernhard Brink) und beschreiben das eigentümliche Klima, das sich nach dem Mauerbau 1961 ausbildete. „Ein bisschen Disneyland, ein bisschen Horrorkabinett, ein bisschen Museum, ein bisschen Weltstadt, ein bisschen Gartenlaube und ein bisschen Truppenübungsplatz. Ein vielfältiger Anziehungspunkt für die schrägen Vögel dieser Welt“, raunt Aust.

Mit solchen mokanten Schlagworten wird immer wieder das interessante Material verlabert, das Aust und Richter zusammengetragen haben. So stellt ausgerechnet der frühere US-Botschafter Richard Burt (der während seiner Amtszeit 1985 bis 1989 allerdings noch in Bonn residierte) fest, dass die vielen Wehrdienstverweigerer die Stadt „bunt gemacht“ hätten. Das Milieu, das Burt antippt, hat Sven Regener in dem Roman „Herr Lehmann“ beschrieben. In Berlin galt die Wehrpflicht nicht, weshalb viele Westdeutsche rübermachten, um der Einberufung zu entgehen. Ebenfalls nicht angewendet wurde hier seit 1949 die polizeiliche Sperrstunde. Das sei „die schärfste Waffe zur Sicherung Berlins“ gewesen, so die Autoren. Die „Resthauptstadt“ konnte an die glitzernden Zeiten der Goldenen 20er Jahre anknüpfen; gern bestätigt Nachtclub-Besitzer Rolf Eden das Weltniveau seiner Vergnügungsstätten.

Ansonsten florierte in Berlin nicht viel.

Firmen und Konzerne hatten Zentralen und Produktion nach Westdeutschland verlegt. Zu prekär erschien die Insellage der Stadt, die allein über die Transitstrecken durchs DDR-Gebiet zu erreichen war. Subventionen sollten den deindustrialisierten Standort beleben, 180 Milliarden D-Mark im Laufe der Jahre. Gepäppelt wurde mit dem Geld aus Bonn vor allem die Bauindustrie. Abriss-Pläne und Subventionsneubauten riefen Ende der 1970er Jahre die ersten Hausbesetzer auf den Plan. Außerdem wucherte der Filz zwischen Baulöwen wie Dieter Garski und den Regierenden. Über eine Millionenbürgschaft für Garskis windige Projekte stürzte 1981 sogar ein Regierender Bürgermeister – was Aust und Richter allerdings gar nicht erst erwähnen.

Wie bei Garski, so vernachlässigen sie auch bei anderen Zeitzeugen den Informationswert zugunsten der bloßen Präsentation etwa eines Horst Mahler als Ex-RAF-Verteidiger und praktizierenden Neonazi. Musicalsängerin Ute Lemper und Richard von Weizsäcker (Regierender Bürgermeister 1981–1984) sind eher schmückendes Beiwerk, und Ex-Innenminister Otto Schily zeigt sich im Rückblick auf seine Berliner Anwaltsjahre indigniert, wenn er an die „scheußliche und spießige“ DDR denkt.

Das Verhältnis zwischen den USA und Berlin mit dem Jubel über den Kennedy-Besuch 1963 („Ich bin ein Berliner“) bis zu den Farbbeutel-Würfen gegen das Amerikahaus bei einer Studentendemo 1966 ist ein Leitmotiv der Dokumentation. Damit rückt Aust im zweiten Teil dann sein Lebensthema in den Mittelpunkt: den Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF), der seine Wurzeln auch in West-Berlin hatte.

ZDF, 20.15 Uhr

Teil 2 in einer Woche

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare