Beklemmendes Dokudrama „Eine mörderische Entscheidung“

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Oberst Klein (Matthias Brandt) auf dem Weg zum Gouverneur von Kundus. Szene aus „Eine mörderische Entscheidung“.

Dass es sein Befehl war, der am 4. September 2009 bis zu 140 Afghanen den Tod brachte, darauf besteht Oberst Georg Klein vor dem Kundus-Untersuchungsausschuss des Bundestags ausdrücklich. In dem beklemmenden Dokudrama „Eine mörderische Entscheidung“ macht Matthias Brandt daraus keine große Geste.

Klein schultert nicht breitbeinig die Verantwortung, sondern sortiert sein Verhalten neu: Als habe er in dieser Nacht kühl, angemessen und folgerichtig entschieden. Möglicherweise glaubt er sich das selbst – das lässt Brandts faszinierendes Spiel in der Schwebe.

Der Befehl, zwei von Taliban gekaperte Tanklaster bombardieren zu lassen und damit auch die Dutzende Menschen, die die Lkws seit Stunden umschwärmten, ist für den Offizier das einzig Greifbare in der Unsicherheit jener Nacht. Seit fünf Monaten war er damals Kommandant des Bundeswehr-Feldlagers in Kundus.

Buch (Hanne und Raymond Ley) und Regie (Raymond Ley) verdichten ein komplexes und angespanntes Lagebild. Der bedrohliche Patrouillen-Alltag der Soldaten. Die heikle Kooperation mit oft korrupten afghanischen Verantwortlichen wie dem Gouverneur, der den Oberst anbrüllt: „Ihr seid Bauern! Ihr schießt nicht! Die Taliban verstehen nur den Tod!“ Der Terror der Taliban, die in den Dörfern Kinder als Attentäter rekrutieren. Die Spitzel, deren Informationen nicht zu überprüfen sind. Der Druck aus Berlin, bloß keine Schlagzeilen zu produzieren. Die Überlegenheitsposen der BND- und KSK-Leute (Kommando Spezialkräfte), die ihren eigenen Bereich im Feldlager haben und dort über bessere Informationen und besseres Material verfügen als Klein. Und die über den neuen Kommandeur spotten: „Wer schickt uns eigentlich immer diese Gutmenschen?“

Da hat Klein gerade untersagt, einen defekten Lkw bombardieren zu lassen, damit er den Taliban nicht in die Hände fiele. Er will keine zivilen Opfer riskieren. Später, als es um die beiden Tanklaster geht, die im Fluss feststecken, fragt er wieder nach Zivilisten und lässt sich beruhigen: „Da gibt es keine Unschuldigen.“ Der ansonsten penibel recherchierte Film spekuliert hier, dass die Deutschen einer Intrige ihrer afghanischen Verbündeten auf den Leim gingen – wofür es jedoch keine Belege gibt.

Matthias Brandt macht aus Klein keinen Mörder, wie es der Filmtitel nahelegt, sondern eine tragische Figur. Dabei verharmlost das TV-Stück seine Schuld keineswegs. Klein hat keine Fronterfahrung, und wie fremd ihm der Krieg in Afghanistan ist, illustriert eine kurze Szene in seinem Büro: Er schließt die Fenster, um den Feldlager-Lärm auszusperren, und versenkt sich in Brahms-Musik.

Die einzigen, die in den entscheidenden Minuten zögern, sind die beiden US-Bomberpiloten, die Klein mit der wahrheitswidrigen Behauptung eines „Feindkontakts“ anfordert. Sie bezweifeln, dass es sich bei all den Menschen im Fluss um „Aufständische“ handelt, und wollen mit einem Tiefflugmanöver die Leute vertreiben, bevor sie die Laster bombardieren. Klein lehnt ab. Dass nachts um halb zwei im Talibangebiet Kinder herumlaufen könnten, habe er für „abwegig“ gehalten, sagt er vorm Untersuchungsausschuss.

Egon Ramms, damals Nato-Kommandeur, wirkt noch Jahre später verärgert über so viel Ahnungslosigkeit: „Wir waren am Ende des Ramadans. Das heißt, die Leute sind erst nachts aufgewacht und haben tagsüber nichts gemacht. Das erklärt auch, warum dort Kinder an dieser Stelle gewesen sind. Es war eigentlich die Regel, wenn wir Gruppierungen haben, die größer als 30 sind, dann ist davon auszugehen, dass Zivilisten dabei sind.“

Zeitzeugenaussagen wie die von Ramms erden die Filmhandlung und zeigen eine humane Ebene neben den bürokratischen Abläufen moderner Kriegsführung, denen sich Klein überließ. Eltern trauern um ihre Söhne, die verbrannten oder als Bundeswehrsoldat fielen. Ex-Generalinspekteur Wolfgang Scheiderhan überrascht mit dem ruppigen Eingeständnis, den Druck aus Berlin gleich an Klein weitergereicht zu haben. Klein selbst sprach nicht mit den Filmemachern, die Bundeswehr verbot ihren Soldaten Interviews. - Von Elisabeth Elling

Arte, 20.15 Uhr

ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr, danach Diskussion bei „Anne Will“

Quelle: wa.de

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