Beherrschte Gewalt: Mariinsky in Dortmund

DORTMUND ▪ Jeder künstlerische Leiter einer Philharmonie kennt das Dilemma: Wie gestalte ich neue Konzerte, welche Werke stelle ich einander gegenüber? Neugier, aber auch der Wunsch nach Vertrautem wollen bedient werden. Das jüngste, zweitägige Mariinsky-Gastspiel im Konzerthaus Dortmund bot vor diesem Hintergrund eine äußerst ansprechende Kombination: eine wenig gewöhnliche Werkpaarung, dazu den Glanz großer Namen. Von Edda Breski

Stardirigent Valery Gergiev ist für ein paar Tage auf Europatournee mit Chor, Orchester und Solisten aus St. Petersburg. Einzige Deutschland-Station war Dortmund. Hinzugekommen war die „junge Wilde“ Yuja Wang.

Es hat wohl auch am Programm gelegen, dass am zweiten Abend im Saal einige Plätze frei blieben. Gergiev hatte das Opern-Oratorium „Oedipus Rex“ von Strawinsky angesetzt. Am ersten Abend gab es Tschaikowkys sechste Sinfonie und „Petruschka“.

Strawinskys Weiterentwicklung des Operngenres erschließt sich seiner formalen Komplexität halber nicht leicht. Sie kann jedenfalls nicht als dramatische Nacherzählung verstanden werden, wie es Dominique Horwitz als Sprecher vermittelte. Der Stoff des 45-Minüters ist aus dem Sophokles-Drama kondensiert. Oedipus ist Herr über die Stadt Theben, die er von der Sphinx befreite. Die Götter haben sie mit der Pest geschlagen, weil der Mord an ihrem alten König Laios noch immer nicht gesühnt ist.

Der Seher Teiresias kündet die Wahrheit, und Oedipus muss erkennen: Er selbst erschlug Laios, der sein Vater war, und heiratete Iokaste, seine Mutter. Die musikalische Erzählform hat liturgisch wirkende Elemente wie die Anrufung des Oedipus durch den Chor (in der das Mariinsky-Ensemble überwältigende Wucht entfaltet), der teils in antiker Tradition erzählt, teils selbst am Geschehen teilnimmt.

Hinzu kommen opernhafte Szenen – wie der Auftritt der Königin Iokaste – und Erzählstrukturen, die teils archaisch wirken, teils modern zurückgenommen. Der lateinische Text wirkt rituell über ihren Klang. Strawinskys Rhythmik entfesselt ihre gemessene, furchtbare Gewalt. Gergiev lädt die Musik kultisch auf. Seine Klangrede ist erschütternd in ihrer beherrschten Gewalt.

Sergei Semishkur ist mit seinem lyrischen, nicht sehr farbenreichen Tenor halb leidender Mensch, halb Evangelist: er berichtet, er leidet und kann sein eigenes Schicksal nicht begreifen. Ekaterina Semenchuk singt die Iokaste; sie verfügt über eine beeindruckende Bandbreite von glühender Tiefe bis zu den Ausbrüchen. Alexei Markov ist ein großartiger Sänger: Sein Kreon ist Vorbote des Schicksals, sein Bote ist überwältigt von dessen Erfüllung.

Die erst 24-jährige Chinesin Yuja Wang hatte zuvor das zweite Prokofjew-Klavierkonzert gespielt, mit unglaublicher Virtuosität, Sicherheit und Farbenreichtum. Der erste Satz beginnt beinahe bildlich-beschreibend. Die Streicher spielen die Einleitung, als schwebten die Töne in einem Hitzeschleier. Yuja Wang spielt ihre ersten Noten fast harmlos, als sei die Musik, für ein paar Takte nur, beherrschbar. Und dann: eine Zuspitzung, die in die Raserei führt. Yuja Wangs Tempo macht staunen. Die große Kadenz des ersten Satzes schillert vor Farben. Wie sie ihrem Part im Mittelteil des Finalsatzes bei aller Düsterkeit Grazie abgewinnt, das ist große Kunst.

Als Zugaben bietet sie die Horowitz-Version der Carmen-Fantasie und eine Gluck-Variation von Giovanni Sgambati.

Quelle: wa.de

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