„Beckmann & Amerika“ im Städel in Frankfurt

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Sex und Gewalt: Max Beckmanns „The Town (City Night)“ kommt aus dem Saint Louis Art Museum nach Frankfurt.

Von Ralf Stiftel ▪ FRANKFURT–Eine grausame Welt zeigt Max Beckmann: Links schindet ein Scherge eine gefesselte Frau am Boden, einen an eine Säule gebundenen Mann mit abgeschlagenen Händen.

Rechts tastet sich eine Frau voran, der ein Mann kopfunter auf den Rücken gebunden ist, ihr folgt ein Geblendeter mit Augenbinde, vorn schlägt ein Pauker den Takt. In der Mitte herrscht Ruhe auf einem Boot, wo ein Gekrönter auf den Meereshorizont blickt, bei ihm eine Frau mit Kind und ein Krieger. „Departure“, Aufbruch, heißt das Triptychon, das 1942 vom New Yorker Museum of Modern Art erworben wurde. Die Amerikaner deuteten es als Sinnbild für die Situation des Künstlers, den die Nazis 1933 aus dem Lehramt entließen. Er emigrierte nach Amsterdam.

Gemeint hatte Beckmann sein Werk so nicht. Schließlich hatte er schon 1932 mit der Arbeit begonnen. Aber es ließ sich der Tagesaktualität anpassen. Nun ist es wieder in Europa zu sehen, in der Ausstellung „Beckmann & Amerika“ im Frankfurter Städel Museum. Die Kraft dieser unausdeutbaren Privatmythologie berührt noch immer. Die Schau prunkt mit 110 Werken vor allem aus den letzten Lebensjahren des Künstlers. Drei seiner neun vollendeten Triptychen kamen aus New York (Museum of Modern Art, Metropolitan Museum) und Washington (National Gallery) an den Main, schon das ist eine Sensation.

Als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, stand der 1884 in Leipzig geborene Maler auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Die Mannheimer Kunsthalle hatte ihm 1928 eine Retrospektive gewidmet. Er hatte den „Reichsehrenpreis deutscher Kunst“ erhalten. 1932 richtete die Berliner Nationalgalerie einen Saal für sein Werk ein. Er bekleidete eine Professur an der Städel-Kunstschule. Mit den Ehren war 1933 Schluss, nun wurde seine Kunst als „entartet“ geschmäht. 1937 emigrierte er nach Amsterdam. Sein Ruhm hatte sich bis in die USA verbreitet. Schon 1935 hatte das MoMA das „Familienbildnis“ erworben. Man bot ihm Lehraufträge an, die er nicht annehmen konnte, weil er in den besetzten Niederlanden kein Visum erhielt. Erst 1947 übernahm Beckmann in Saint Louis einen befristeten Lehrauftrag an der Washington University. Mit Unterbrechungen lebte er in den USA bis zu seinem Tod 1950. Er wurde wie ein Star gefeiert, zu Partys eingeladen, seine Bilder ausgezeichnet. Beckmann, das war der „Ex-German“, ein exotischer Außenseiter, und durchaus erfolgreich.

Die Schau beginnt mit der expressionistischen „Kreuzabnahme“, die Beckmann 1917 gemalt hatte, und die zwei Jahre später vom Städel angekauft wurde. Das Bild fiel dem NS-Kunstraub zum Opfer, wurde ins Ausland verkauft, an Beckmanns New Yorker Galeristen und Freund Curt Valentin, der es dem MoMA vererbte. Nun ist es wieder in Frankfurt.

Obwohl er in den USA Erfolge feierte, war seine Position alles andere als sicher. Zum einen wurde die französische Avantgarde gefeiert: Picassos „Guernica“ war in New York zu sehen, Matisse, Léger, Braque wurden geschätzt. Zum anderen kam die junge Generation der US-Kunst in Fahrt, Rothko, Newman, Reinhardt, die abstrakten Expressionisten. Beide Positionen waren Beckmann fremd. Er malte noch roher, kantiger als zuvor. Die Eindrücke der weiten Landschaften und der Millionenmetropolen hinterließen Spuren. In einem Panorama zeigt er 1950 die Skyline von San Francisco. Der „Abstürzende“ (1950) fällt zwischen Hochhäusern, und beim linken Bau schlagen Flammen aus den Fenstern. Seine Porträts wirken nüchtern, eine „junge Frau mit Glas“ zeichnet er um 1947/49 mit glamourös-kühler Erotik. In seinem Porträt der Familie Hope von 1950, einer ungeliebten Auftragsarbeit, zeigt er Eltern und Kinder gefällig, ohne seinen Stil zu verraten.

Meistens aber malt er mythologische Erzählungen, Bilderrätsel voller Anspielungen von Erotik und Gewalt, mit jener Wucht, die seine Epigonen nie annähernd erreichen. Wie die surreale Barszene „The Town“ (1950), in der eine Nackte umgeben ist von einem orientalischen Schwertkämpfer und einem Gitarristen. Oder das „große Frauenbild. Fischerinnen“ (1948): An den barbusigen, kräftigen Damen, die mit Fischen libidinös hantieren, hätte Freud viel erklären können.

Am 27. Dezember 1950 bricht Beckmann mitten auf der Straße in New York zusammen. Er war sofort tot. Er war, so heißt es, auf dem Weg zum Metropolitan Museum, das in der Ausstellung „American Painting Today“ auch sein letztes Selbstbildnis zeigte. Am Ende war er doch angekommen, eingemeindet in die Kultur der Neuen Welt.

Beckmann & Amerika im Städel, Frankfurt. Bis 8.1.2012, di – so 10 – 18, mi, do bis 21 Uhr, Tel. 069/60 50 980, http://www.staedelmuseum.de,

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 34,90 Euro

Quelle: wa.de

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