Becketts „Das letzte Band“ bei der Ruhrtriennale

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Ein Mann und seine Erinnerungen: André Jung in Becketts „Das letzte Band“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN–Weniger Stoff geht kaum: Ein älterer Mann mit Dreitagebart und Sturmfrisur sitzt an einem Tisch und hört einem altmodischen Spulen-Tonband zu. Die Aufnahme besteht aus Erinnerungen Krapps, als der noch deutlich jünger war. Zwischendurch wechselt er das Band, spricht einige Sätze ins Mikrophon. Dann legt er das erste Band wieder ein, hört noch einmal die Stelle mit der Erinnerung an eine Liebesszene. Das Band läuft leer, klackt, Dunkel, aus.

Samuel Becketts Stück „Das letzte Band“ mit dem großartigen André Jung lief am Wochenende im Maschinenhaus der Essener Zeche Carl. Jossi Wielers hatte das Werk für die Salzburger Festspiele inszeniert als Teil eines Abends, der Beckett und ein neues Werk von Peter Handke koppelt. Intendant Willy Decker hatte nur den Beckett-Teil ins Programm der Ruhrtriennale aufgenommen, ergänzt um einen 1977 entstandenen Fernsehkurzfilm, in dem der irische Autor selbst Regie geführt hatte: „... nur noch Gewölk...“ Mag sein, dass Decker das Verstummen in Becketts Stück, die Auflösung von Erinnerung ins Nichts als Resonanz zum Buddhismus empfand, der dieser Spielzeit als Leitthema dient.

Der Abend blieb unbelastet von solchen Interpretationen ein leises, konzentriertes Vergnügen. Was sicher an der feinen Auslegung der Rolle durch Jung lag. Wenn so wenig geschieht, gewinnen kleinste Gesten Bedeutung. Am Anfang saß Jung auf einem Stuhl am Bühnenrand, erhob sich, und sein erster Schritt war storchenbeinig, geziert setzte er das rechte Bein, das linke, und ging dann normal weiter. Immer wieder blickte er auf die Uhr. Die Banane, die er verspeiste, hielt er zunächst phallisch im Schoß, strich lasziv mit den Fingern über das ausgepellte Fruchtfleisch, ehe er mit einer entmannenden Geste die Spitze abbrach und in den Mund stopfte. Und obwohl er die Schale vor seine Füße fallen ließ, rutschte er nicht auf ihr aus, sondern entsorgte sie hinter die Bühne. Erst im nächsten Anlauf, bei freiem Weg, glitt er aus. Dieser minimalistische Slapstick, mit äußerster Präzision ausgeführt, fing das Publikum schnell ein.

Bei aller Clownerie wurde doch klar, dass hier ein Enttäuschter auf sein Leben zurücklauscht. Die Tonbänder sollten das Leben fixieren. Aber es entgleitet eben doch. Was er einst als spontane Momentaufnahmen festhielt, das entlockt dem gealterten Krapp distanzierten Hohn. Was bei Beckett so kühl, so reduziert daherkommt, das lud Jung mit Gefühlen auf, mit Leben. Wie unterschiedlich Beckett ausgelegt werden kann, das vermittelte der Vergleich mit dem Fernsehfilm, bei dem sich der unsichtbare Sprecher jede emotionale Regung versagte. Am Ende legte Jung den Arm ans Tonband, wie bei einer angedeuteten Umarmung. Für seinen Krapp gibt es vielleicht noch Hoffnung.

Quelle: wa.de

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