Beckett-Abend bei den Ruhrfestspielen

Lauscht vielen Vorwürfen: Michael Gambon in Samuel Becketts Stück „Eh Joe“ - Foto: © Anthony Woods

Von Edda Breski MARL - So schnell muss man sprechen können: Wie MG-Salven feuert Barry McGovern Silben ab, Vokale wie hingespien, harte Konsonanten, die den Sinn hinter sich lassen, beinahe nur Laut sind, das Lebenszeichen des „Namenlosen“.

McGovern ist ein profilierter irischer Theaterschauspieler, im Film hat man ihn hierzulande in „Braveheart“ gesehen. Auf der Bühne gelingt ihm das Kunststück, Samuel Becketts Romantrilogie „Molloy“, „Malone stirbt“ und „Der Namenlose“ auf den kaum 90-minütigen Monolog „I’ll go on“ zu kondensieren. Zu erleben war die Produktion des Gate Theatre Dublin bei den Ruhrfestspielen. Vorher gab es „Eh Joe“, ein Kurzstück, das Beckett 1965 für das Fernsehen schrieb. In der Hauptrolle im Theater in Marl: Sir Michael Gambon, ebenfalls Ire, der „Albus Dumbledore“ aus den späten Harry-Potter-Filmen.

Die Organisatoren lockten mit einem „Irland“-Abend mit Guinness und Whisky in der Pause, doch nur das halbe Theater war voll. Dabei war feine Bühnenkunst zu erleben. McGovern richtete sich mit gemütlichem irischem Akzent auf der Szene ein und erzählte Anekdoten. Wie Molloy seine Lutsch-Steine nach Taschen sortiert, damit er jeden einmal in den Mund bekommt. Das sind absurde Luststücke, und lustvoll spinnt McGovern Becketts Wortspiele aus, seine Drehleiern von Sätzen, die aus Wiederholung Komik generieren. McGovern zeigt Beckett als Wortverliebten, als Spieler mit Syntax und Silbe, auch als derben Humoristen, wenn Molloy Fürze zählt und seine Leistung als Furzer beurteilt. Die Literaturbeilage der „Times“ halte die Furzerei im Übrigen am besten aus. McGovern lupft seinen Mantel und zeigt das Futter, das als Sammlung von Zeitungsausschnitten gestaltet ist.

Molloy weiß über sich nicht viel, selbst sein Name fällt ihm nur mit Anstrengung wieder ein. Malone (der Name ist ein Wortspiel; „I am alone“/ Ich bin allein) weiß schon weniger. Sein Umfeld ist geschrumpft, er liegt im Zimmer seiner Mutter. McGovern trägt offenbar das letzte Hemd, doch wie ein Stehaufmännchen richtet er sich auf und spricht, banal und pathetisch zugleich. Den folkloristischen Kumpelton Molloys behält McGovern noch bei, doch schon klingt er verlassener, spricht ins Leere hinein. Als „Namenloser“ redet er in höchster Hast gegen das Vergehen an. Ein tiefes Bekenntnis zur Kraft von Sprache, eine große Leistung.

„Eh Joe“ ist ein Stück für einen Mann und eine Stimme. Er sitzt im Nirgendwo, in einem Zimmer mit brauner Tapete; ihre Stimme weist ihn aus dem Off unerbittlich auf seine Fehler und Heucheleien hin. Beckett hat detaillierte Angaben zur Umsetzung gemacht. Während sie spricht, soll eine Kamera bis auf einen festgelegten Abstand auf sein Gesicht zufahren.

In Marl wird ein Transparentvorhang benutzt. Hinten sieht man ihn auf dem Bett sitzen, vorne schwebt die Projektion seines Gesichts in Nahaufnahme: die lange Wangenpartie, die Furchen, die Tränensäcke. Michael Gambons Gesicht ist der Kontrapunkt zu dem Monolog, den Penelope Wilton („Downton Abbey“) eingesprochen hat. Wiltons Stimme klingt mütterlich-melancholisch, senkt sich oft verständnisvoll am Satzende, im Gegensatz zu Becketts Anweisungen, der eine harte Anklage hören wollte.

Wiltons besänftigter Sarkasmus und Gambons müdes, lauerndes Gesicht reagieren aufeinander in einem geübten Duett der Vorwürfe, der Abwehr und der Tränen. Es gibt einen kurzen Moment, in dem Gambon darauf hinweist: Während sie ihm den Selbstmord einer einstigen Geliebten vorwirft, zuckt Gambons Blick einmal schräg nach oben, als suche er Einverständnis mit jemandem.

Quelle: wa.de

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