„Beaufort04“ bringt Kunst an die belgische Küste

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Hörrohre zur See errichtete der Litauer Ivars Drulle für „I Can Hear It“ in Westende. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OSTENDE–Man fühlt sich in eine andere Welt versetzt, wenn man Marco Casagrandes „Sandworm“ betritt. Gerade noch stand man im Sonnenlicht, blickte aus den Dünen von Wenduine auf die Nordsee. Nun betritt man einen archaischen Bau, aus Zweigen geflochten. Fast 50 Meter lang schmiegt sich das Bauwerk in den Sand, fast versteckt es sich. Der finnische Architekt und Künstler hat etwas zwischen Bau und Skulptur erschaffen, speziell für diese Stelle, wo die Strandpromenade endet und eine der raren freien Partien der belgischen Küste beginnt. Der Sandwurm ist einer der stärksten Beiträge zu „Beaufort04“.

Zum vierten Mal bringt die Triennale Beiträge der Gegenwartskunst an die belgische Küste. Einerseits ist das Kunstprogramm ein Publikumsmagnet. Die letzte Ausgabe 2009 lockte rund 450 000 Besucher an. Andererseits stellen die Kulturpolitiker das Projekt, das diesmal einen Etat von 4,3 Millionen Euro hat, immer wieder zur Disposition, wie die Zeitung „De Standaard“ berichtet. Und erstmals ist nicht die ganze Küste bespielt: Knokke-Heist hat sich ausgeklinkt, man war mit der Künstlerauswahl der letzten Ausgabe nicht zufrieden.

Vielleicht werden sie das noch bedauern. Die Arbeiten der rund 30 Künstler zwischen De Panne und Zeebrugge bieten wieder sinnliche Momente in einer schwierigen Umgebung, und oft führen sie den Besucher an Orte abseits der üblichen Touristenrouten. Nieuwpoort zum Beispiel hat den größten Yachthafen Nordeuropas mit einem wunderbaren Uferweg, aber auch eine der scheußlichsten und verbautesten Strandpromenaden der Küste. Hier zeigt sich ein weiterer praktischer Nutzen von Beaufort: Viele Kunstwerke werden angekauft und bleiben dauerhaft. Nach Jan Fabres Schildkrötenreiter hat Nieuwpoort nun im Hafen Daniel Burens zauberhaft leichte Windfahneninstallation „Le vent souffle où il veut“ stehen. Wenige Besucher verirren sich in den alten Ortskern, wo sie einen ruhigen, typisch flämischen Ort mit Kirche, Marktplatz und Backsteinhäusern finden. In einer Nebenstraße ist ein holländisches Munitionsdepot aus dem 19. Jahrhundert, in das Hans op de Beeck einen Raum inszenierte. „Location“ führt durch Dunkel auf Planken über eine Wasseroberfläche zu einem Meditationsort um einen Tisch mit brennenden Kerzen, dazu spielt leise Musik. Wieder entrückt man der Welt.

Direkt hinter dem Strand steht die Jugendstilvilla „Hurlebrise“, die seit einigen Jahren vor sich hinrottet. Der bulgarische Künstler Nedko Solakov bringt das Haus zum Sprechen, indem er an die Wände kleine freche Kommentare schreibt, verschimmelte Tapeten frech als politische Landkarte Europas ausgibt und vor der muffigen Toilette warnt. Und nebenbei kommentiert er einen Umgang mit dem Bauerbe, das ein solches Haus verkommen lässt neben gesichtslosen Profitmaschinen aus Beton und Glas.

Nicht alles ist gleichermaßen gelungen bei Beaufort. Die Arbeit des griechischen Arte-Povera-Meisters Jannis Kounellis am Denkmal für Leopold II. in Oostende, leere Flaschen und ein Holzkohlesack in einer Toröffnung, kommt allzu beiläufig daher. Die monumentalen Kunstfelsen im Hafenbereich von Arne Quinze werden wohl erst im Juni stehen, zur Zeit ist dort eine Baustelle, die ersten Steine werden platziert. Das Kunstmuseum Mu.Zee bietet keine ergänzende Schau an wie bei früheren Ausgaben. Nur die Fassade wurde wie ein Modekaufhaus gestaltet, eine Anspielung auf die Geschichte des Museums.

Viele Skulpturen reagieren auf die Strandsituation. Nick Ervinck stellt in die Dünen von Bredene die knallgelbe Gischtwoge „Olnetop“. Ivars Drulle stellt in Westende zwei riesige Hörrohre mit einer bronzenen Lauscherin auf, „I Can Hear It“. Martine Feipel und Jean Bechameil lassen im Sand von Blankenberge einen weiß gegipsten Kleinbus stranden, „Many Dreams“. Und man sieht, wie die Menschen diese Kunst annehmen, einsteigen, staunen, sich freuen.

Im Hafen von Zeebrugge hat der Schwede Michael Johansson Container gestapelt, wobei er den Raum dazwischen mit Alltagsobjekten füllt. Kühlschrank, Schreibmaschine, Computer, Koffer bilden ein Volumen, einen fiktiven dritten Container, und man staunt über die Stapelkunst ebenso wie über den Witz der Inszenierung.

Meditativ und wunderbar poetisch bespielt Jaume Plensa die Ruinen des Klosters Ten Duinen in Koksijde. Seine Skulptur „Yorkshire Soul“ zeigt einen sitzenden Mann. Die Silhouette aber besteht aus Buchstaben, und das silbrige Metall umreißt den Körper, lässt aber den Blick durch. Ein entmaterialisierter Geist scheint auf dem Stein zu ruhen, ein Echo eines der Mönche, die einst hier beteten.

bis 30.9.; die meisten Kunstwerke sind frei zugänglich, Öffnungszeiten einiger inhäusiger Arbeiten im deutschsprachigen Gratisfaltblatt. Kurzführer 7 Euro, Katalog 30 Euro,

Tel.: 0032/50/444 646

http://www.beaufort04.be

Allg. Info: Tourismus Flandern, Köln, 0221 / 270 97 70

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

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