Joe Bausch schreibt über seine Arbeit als Gefängnisarzt: „Knast“

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Joe Bausch in einem Innenhof der JVA Werl, dem zweitgrößten Gefängnis der Republik. ▪

Von Andreas Sträter ▪ WERL–Der Knast ist sein Leben. Von seinem Schreibtisch schaut Joe Bausch auf die Außenmauern der Justizvollzugsanstalt in Werl. Dahinter befinden sich Menschen, die in der schlimmsten Tragödie ihres Lebens angekommen sind. Für den Gefängnisarzt Joe Bausch sind sie vor allem Patienten – auch, wenn er ihre Taten verurteilt. Die Fähigkeit zum Mitgefühl will er aber nicht verlieren. „Hier steckst du knöcheltief in der Scheiße, bist konfrontiert mit einer Realität, die dir alles abverlangt“, schreibt er in seinem Buch „Knast“, in dem er auf 25 Jahre hinter Gittern zurückblickt.

Bausch gelingt eine nüchterne, eindringliche und würdige Betrachtung von Kriminalität und Strafvollzug. Doch Bausch ist nicht nur hinter eisernen Gefängnistüren zu Hause, sondern auch in der Funkelwelt des Films: Ein Millionenpublikum kennt den Werler aus dem Kölner „Tatort“ als mürrischen Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth im grünen Kittel. Bausch: „Das Theater, der Film, bildet immer auch ein Stück weit die Gesellschaft ab, zeigt Ausschnitte einer inszenierten Wirklichkeit. Der Knast ist die Realität, ein Spiegel der gesamten Gesellschaft.“

Bausch schildert den Knast als Parallelwelt mit eigenen Gesetzen. Überall regiere das Misstrauen. Viele Inhaftierte litten unter Schlaflosigkeit, hätten Angst, beklaut oder drangsaliert zu werden. Es gebe viele Möglichkeiten zur Schikane – und vieles bleibe im Verborgenen. Bausch beschreibt Verbrechertypen – vom Betrüger und Bankräuber über den Zuhälter bis hin zum Mörder oder Kinderschänder. „Er steht auf der untersten Stufe der Hackordnung, tiefer geht‘s nicht. Dieser Delinquent mobilisiert bei seinen Mithäftlingen sämtliche Urinstinkte und Abwehrreflexe.“ Bausch vermutet, dass sich die in der JVA einsitzenden Väter gegen diese Täter solidarisierten. Viele Schilderungen können nur von jemandem kommen, der weiß, wie Knast funktioniert. Der die dreckigen Seiten kennt; der beschreiben kann, wie Knast riecht.

Es geht in „Knast“ auch um Bauschs eigene Rolle als „Libero“ unter den Anstaltsbediensteten. „Wie unser alter Hausarzt kenne ich die Lebensumstände von jedem einzelnen meiner Gefangenen.“ Bausch entscheidet über Haft- oder Arbeitsfähigkeit, bewilligt dickere Matratzen oder zusätzliche Socken. Er geht auch auf die Untersuchungshäftlinge ein, die besonders unter Verdrängen, Hoffen und Bangen, Panik leiden. Obwohl sie nur einen Anteil von 18 Prozent unter den Häftlingen ausmachen, entfallen auf sie 60 Prozent aller Suizide hinter Gittern.

Kontakt zu Sträflingen hatte Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff, wie der Mediziner mit vollem Namen heißt, schon als kleiner Junge. Auf dem Bauernhof seiner Familie im Westerwald packten ehemalige oder noch einsitzende Häftlinge aus nahe gelegenen Zuchthäusern als Knechte und Saisonarbeiter mit an. Die finsteren Gesellen weckten sein Interesse an „gebrochenen Biografien“ – als Arzt und auch als Schauspieler. „Mir macht es Freude, mit schwierigen Patienten umzugehen, ihre brüchigen Lebensläufe zu studieren und mich – anders als im Film oder auf der Bühne – mit realen Figuren zu beschäftigen (...) Da geht es nicht um Fiktion oder irgendwelche Bagatellen“, erklärt Bausch.

Der Leser erfährt auch, wie Knastgeschäfte funktionieren. Gängige Währungen sind Tabakpäckchen und löslicher Kaffee. An Drogen mangelt es nicht. „Man kann nirgendwo mehr mit Drogen verdienen als im Knast.“ Bausch schreibt auch von Ängsten der Inhaftierten, impotent zu werden, so dass Beipackzettel intensiv studiert würden. „Geht eine Pille sozusagen an die Eier, wird die Einnahme schon mal verweigert.“

Joe Bausch: Knast. Ullstein Buchverlag, Berlin, 282 S., 18 Euro

Quelle: wa.de

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