Joe Bausch im Interview: "Die Blackbox Gefängnis öffnen"

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Joe Bausch

WESTFALEN - Joe Bausch, Gefängnisarzt in Werl und Rechtsmediziner im Kölner "Tatort"-Dauerbrenner, hat ein Buch geschrieben. „Man kann Knast nur erzählen, wenn man selbst im Knast ist“, sagt er im Interview mit unserer Redakteurin Susanne Fischer-Bolz.

Irgendwie scheint er mehrere Leben zu haben. Mehrere spannende: Als Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth beugt er sich im Kölner „Tatort“ mit grünem Kittel mürrisch über Leichen. In den Justizvollzugsanstalten Werl und Hamm kümmert er sich um die Gefangenen – als (echter) Arzt. Außerdem ist er Schriftsteller. Und ein Plauderer, wie Joe Bausch im Interview beweist.

In Ihrem kürzlich erschienenen Buch „Knast“ erzählen Sie ja von einer Welt mit ihren eigenen Regeln. Hat das nicht im Vorfeld für einige Aufregung im Gefängnis gesorgt?

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Joe Bausch schreibt über seine Arbeit als Gefängnisarzt: „Knast“

Joe Bausch: Bisher nicht. Aber natürlich wird das für Aufregung sorgen, denn ich schreibe ja nicht, nachdem ich weg bin, sondern ich habe ja noch sieben Jahre zu arbeiten. Bisher war es ja so, dass Ärzte, die ein Buch über den Knast geschrieben haben, alles Kollegen waren, die nach kurzer Zeit die Flinte ins Korn geworfen haben. Ich bin nun mal jemand, der seit 25 Jahren in Gefängnissen arbeitet, und ich habe versucht, ein Buch zu schreiben, das jeder versteht. Ich wollte ein Lesebuch über den Knast, in dem jeder was findet, in dem man informiert und unterhalten wird. Ich hoffe, dass das gelungen ist.

Ist das Werk eigentlich komplett aus Ihrer eigenen Feder oder hatten Sie Unterstützung?

Bausch: Es ist zu mehr als 90 Prozent aus meiner eigenen Feder. Es gab am Anfang – um mich von der Rampe zu schieben – Unterstützung von einem Freund, der mich überredet hat, das Buch zu schreiben. Und es gab eine wunderbare Unterstützung durch die Lektorin, die Großes geleistet hat. Es ist ja ein Ritt auf der Messerspitze. Ich bin Arzt, ich unterliege der Schweigepflicht, ich bin Beamter und Geheimnisträger.

Sonst kommen nachher wer weiß wie viele Klagen auf Sie zu...

Bausch: Genau. Das will der Verlag nicht und ich auch nicht. Es ist auch kein Enthüllungsbuch, sondern ein Buch, das die Blackbox Gefängnis öffnet. Man kann Knast nur erzählen, wenn man selbst im Knast ist.

Kommen wir mal vom Buch weg: Wie ist das für Ihre Patienten, einen Arzt zu haben, der früher im Fernsehen Verbrecher spielte und jetzt im „Tatort“ den coolen Rechtsmediziner gibt. Erleichtert oder erschwert das die Arbeit?

Bausch: Das macht die Arbeit eigentlich leichter. In der Regel ist es so, dass viele wirklich sehr freundlich zu mir sind oder sagen: „Schön, dass ich Sie mal kennenlerne.“ Und dann sage ich: „Das ist ja kein Grund, in den Knast zu gehen. Wir hätten uns auch woanders treffen können.“ Manchmal ist es so, dass man nach Autogrammen gefragt wird. Das ist süß, aber natürlich gebe ich keine Autogramme in der Sprechstunde. Da gibt es nur Rezepte.

Als Gefängnisarzt begegnen Sie sehr vielen Menschen, die schwere Verbrechen begangen haben. Kann man das Delikt immer ausblenden?

Bausch: An manche Geschichten aus den ersten Jahren erinnert man sich noch sehr lebhaft. Dann habe ich aber auch gelernt, mit dieser Belastung umzugehen, sonst würde man das nicht so lange aushalten. In dem Moment, in dem man den Knast verlässt, muss man das meiste dort zurücklassen. Aber es gibt auch Begegnungen, die sehr unangenehm sind, und bei denen man immer mal wieder geprüft wird, was man selber so aushält.

Sind die Krankheiten im Knast die gleichen wie draußen?

Bausch: Im Wesentlichen ja. Ich habe ausnahmslos Männer zwischen 21 und 82. Und die haben all das, was Männer in diesem Alter haben. Wir haben natürlich auch Patienten mit Drogenabhängigkeit, mit Hepatitis – oder junge Männer schon mit Herzinfarkten, weil das aufgeregte Leben natürlich seine Spuren hinterlässt. Es ist eine bunte Palette. Aber ich habe nicht die nette Oma von nebenan, die ich mal drücken kann. Hier behält man schon eine gewisse Distanz.

Obwohl man bei praktizierenden Ärzten ja auch nicht in den Arm genommen wird – da ist man froh, nach zehn Sekunden wieder draußen zu sein...

Bausch: Ja. Ich bin Gott sei Dank nicht so oft am spitzen Ende der Nadel gesessen. Aber da habe ich auch schon Erfahrungen gemacht, bei denen ich denke: Ich kann mir noch eine Medizin erlauben, die ich draußen gar nicht machen könnte. Ich muss nicht dauernd auf das Budget gucken und habe nicht dauernd den Gedanken, dass, wenn ein Patient zum zehnten Mal kommt, ich ihn neun Mal umsonst behandelt habe. Das sind Zwänge, die ich nicht kenne, und das ist auch ein Grund, warum ich im Knast arbeite. Da kann ich eine Medizin machen, die ich gerne mache.

Sie haben selbst ja einmal eine Hafterfahrung erlebt, als Sie bei der Bundeswehr Stunk angezettelt hatten...

Bausch: Naja, ich bin ja auch ein wilder Mensch gewesen, keine Frage. Ich weiß zumindest, wie man sich fühlt, wenn man auf sich selbst zurückgeworfen wird. Und was das mit einem macht. Sie wohnen ja direkt gegenüber Ihrer Arbeitsstelle – dem Knast in Werl. Wie gut können Sie Ihre Privatsphäre abschirmen, wenn die Gefangenen sehen, wer zu Ihnen zu Besuch kommt?

Bausch: Die Gefangenen sehen es ja nicht. Aber man wohnt in einer Siedlung rund um den Knast herum. Da weiß natürlich der Turmposten, wann ich nach Hause komme und wie lange das Licht bei mir an ist. Aber auf der anderen Seite habe ich den sichersten Parkplatz in Nordrhein- Westfalen. Das ist schon mal ganz schön. Ganz viele Jahre bin ich zwischen Bochum und Werl und Fröndenberg gefahren. Aber die zwei Stunden am Tag im Auto kann man zu etwas Besserem nutzen.

Hat aber bestimmt den Nachteil, dass man abends mal eben rüberhüpfen muss, wenn was ist...

Bausch: Ja, wenn man das Licht sieht, kann man eben mal kommen. Aber der Vorteil, recht schnell da zu sein, überwiegt alle Nachteile. Ich bin ja so viel unterwegs in der Welt. Es gibt genug kleine Fluchten, um von der Mauer wegzukommen (lacht).

Zur Person:

Joe Bausch wurde 1953 als Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff im Westerwald geboren. Er studierte an der Universität Köln Theaterwissenschaft, Politik, Germanistik und Rechtswissenschaften und an der Philipps-Universität Marburg. Es folgte ein Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum, das er 1985 mit dem Examen abschloss. Seine ersten Schauspielerfahrungen sammelte Bausch in der Theatergruppe um Roland Reber, Theaterpathologisches Institut (TPI), zu Beginn der 1980er Jahre. Mit Inszenierungen sorgte die Gruppe bis 1989 im Ruhrgebiet für Furore. Seit 1986 ist er Arzt in der Justizvollzugsanstalt Werl. Er trägt den Titel Regierungsmedizinaloberrat. (Wikipedia)

Quelle: wa.de

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