Baukultur im Ruhrgebiet: Interview mit Michael Braum

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Professor Michael Braum unterricht Städteplanung und Entwerfen an der Universität in Hannover. ▪

ESSEN ▪ Wie wird der öffentliche Raum in unseren Städten ansehnlicher? Die Bundesstiftung Baukultur lädt jeden ein, mitzudiskutieren. Am Samstag, 17. April, kommen Fachleute zu einer Bochumer Gesamtschule (10 Uhr), einer Gelsenkirchener Fußgängerzone (13 Uhr) und dem Essener Hauptbahnhof (16 Uhr), um über die akute Bausituationen zu sprechen. Am Tag vorher findet auf der Zeche Zollverein in Essen eine Konvent-Tagung statt: „Baukultur des Öffentlichen“. (http://www.baukultur-k2010.de) Anlässlich dieser Veranstaltung spricht Michael Braum, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, mit Achim Lettmann.

Welche Kriterien sind für gute Baukultur verantwortlich?

Michael Braum: Baukultur ist etwas anderes als Baukunst. Baukultur vergleiche ich mit einem Mobile. Es gilt, unerschiedliche Ansprüche auszutarieren. Diese Ansprüche sind Nutzungsqualität, Gestaltqualität, Nachhaltigkeit, also wiederverwendbare Baustoffe, Sozialverträglichkeit, also Nutzerakzeptanz. Wir werben nicht für Theater und Museen, sondern für die Alltagsarchitektur. Wenn etwas bildschön ist, aber nur zusammen genagelt und in zehn Jahren wieder abgerissen werden muss, dann ist uns das nicht ausreichend.

Gibt es bei der Baukultur auch Moden und Trends?

Braum: Nein. Zeitgenössische Architektur hat immer auch Qualitäten. Und diese Qualitäten zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein Stück weit zeitlos sind. Sie sollen zeitgemäß sein, also nicht historisierend, aber gleichzeitig dauerhaft. Baukultur ist bodenständig.

Wie können Sie der Problemflut im Ruhrgebiet begegnen? Es gibt Industriebrachen, Leerstände, verödete Innenstädte.

Braum: Wir können Diskussionen anstoßen. Wenn Sie das Thema Leerstand ansprechen, denke ich, ist man gut beraten, sich mit dem Leerstand der nächsten zehn Jahre zu befassen.

Was passiert mit Woolworth, Hertie und Karstadt?

Braum: Was für eine Qualität hat das Gebäude, in dem Woolworth, Hertie oder Karstadt drin ist? Ich kenne hervorragende Gebäude, ich kenne auch minderwertige Architekturen. Eine Stadt ist gut beraten, dort kleinteiligen Strukturen wieder Platz zu geben. Das heißt, wir müssen uns im Rahmen der Globalisierung, gerade in der Kommunalpolitik, auf unsere regionalen Qualitäten besinnen. Wir müssen versuchen, politische Voraussetzungen zu schaffen. Wenn man keinen Investor für Hertie oder Karstadt hat, kommt es auf die Situation an. Innerstädtisches Wohnen, Handel ansiedeln. Es ist eine dicke Aufgabe. In Görlitz versucht man, in ein altes Warenhaus ein Shop-in-Shop-System einzubauen. Das ist schwer, aber man kann sich erstmal konkrete Ziele setzen, um in der Kommune politischen Rückhalt zu gewinnen. Und man muss mit dem Bund verhandeln, damit wieder Gelder in die Kommunen fließen. Bei den Kommunen kommt für mich wirklich Baukultur an. Die Kommune ist der Ort, an dem sich entscheidet, ob das Versprechen, dass dem Bund etwas wichtig ist, dass dieses Versprechen Realität wird.

Es gibt noch andere Bereiche der Gesellschaft, in denen über Baukultur entschieden wird. Gerade die Millionen schweren Immobilienfonds der Finanzbranche bestimmen, was gebaut wird. Auch nach der Krise. Wie können Sie die erreichen?

Braum: Da bin ich wie ein Pfarrer unterwegs. Das können wir erreichen, indem wir unsere Kinder dazu erziehen, wieder ethische Vorstellungen zu entwickeln, wie Gesellschaft funktioniert, und dass die persönliche Gewinnmaximierung nur so weit zugelassen wird, dass sie anderen keinen Schaden zufügt. Es stimmt mich sehr nachdenklich; als wir vor zwei Jahren in die Finanzkrise hineingeschlittert sind, hatte die Politik gesagt, wir brauchen einen Wertewandel, ein Umdenken. Und von dem ist überhaupt nichts mehr zu merken. Inzwischen läuft alles wieder so, als ob nichts gewesen wäre, und wir fahren auf die nächste Katastrophe zu. Und diesen Wertewandel bekomme ich nur, wenn wir in unsere Bildungseinrichtungen investieren, gute Schulen bekommen. Unsere Kinder müssen neben ihrer ganzen ökologischen Sensibilität, die sie wie die Muttermilch eingeimpft bekommen, auch wieder eine sozialgesellschaftliche Identität erlangen. Man darf es ja gar nicht sagen. Beim Thema Wohnraumversorgung gibt es kaum eine Partei, die sich für sozialverträgliches Wohnen einsetzt. Alle reden über demographischen Wandel, über ökologisches Bauen, aber sie reden überhaupt nicht über sozialen Wohnungsbau, nur über Projektförderung.

Meiner Meinung nach ist das Gefühl für guten Wohnraum verloren gegangen. Und das Image großer Bauvorhaben ist schlecht. Gerade wenn Projekte wie die Elbphilharmonie in Hamburg immense Gelder verschlingen. Was kann man gegen diesen Imageschaden tun?

Braum: Das war ein Grund dafür, diese Bundesstiftung Baukultur einzurichten. Wir haben die Aufgabe den Dialog zwischen der breiten Öffentlichkeit und der Fachöffentlichkeit herzustellen. Die Bauwirtschaft hat seit Jahrzehnten einen Imageverlust. Bauen heißt heutzutage nicht Vorankommen, nicht Fortschritt, sondern Bauen wird als Störfaktor begriffen. Wir müssen beim Bauen das Gefühl bekommen, dass es um eine Verbesserung geht. Und nicht um Gewinnmaximierung. Wir bauen nicht mehr füreinander, sondern Bauen ist Mittel zum kommerziellen und repräsentativen Zweck geworden. Das ist ja das, was sie mit Elbphilharmonie da sagen. Gerade die großen Projekte – da hilft uns auch diese Stararchitektur nicht weiter – fokussieren das ganze Interesse. Und bei aller Gestalt- und Repräsentationsqualität und allem Imagegewinn, den die Elbphilharmonie für Hamburg vielleicht einmal bringen wird, ist dieses Bauprojekt schlecht ins Verhältnis zu setzen. Die Kostenübersteigerung passt nicht zur Krise.

Das Thema Repräsentanz ist nicht nur am Beispiel Elbphilharmonie zu sehen, sondern in jeder Neubausiedlung zu entdecken, wo der Bauherr postmoderne Schnörkel zulässt, um sein Image zu polieren.

Braum: Da sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an. Da tickt doch in unserer Gesellschaft etwas komplett verkehrt. Jeder versucht doch, mit möglichst wenig Geld ein repräsentatives Gebäude hinzusetzen, das den Eindruck vermittelt, mir geht es aber richtig gut. Für 150 000 oder 200 000 Euro kann ich mir nur ein kleines bescheidenes Haus bauen. Das kann sehr gut sein. Ich kann mir aber auch so eine Butze bauen, wie Sie gesagt haben. Das ist dann in zwanzig Jahren fertig, von der Materialität. Wir forden eine neue Bescheidenheit, ich baue mir ein einfaches Haus. In der Vergangenheit waren wir etwas besser unterwegs. Das meine ich auch mit dem Bodenständigen. Das, was kostet, muss am Ende auch in Relation zu dem gebauten Ergebnis stehen. Und wenn das nicht möglich ist, und da bin ich wieder bei den Kommunen, muss die Gemeinde sagen, dann geht es nicht.

Die Stiftung

Die Bundesstiftung Baukultur ist im Jahr 2006 gegründet worden. Sie ist eine Kommunikationsstiftung mit Sitz in Potsdam. Es stehen jährlich 1,2 Millionen Euro zur Verfügung, unter anderem um bundesweite Projekte zu organisieren, wie den Konvent in Essen „Baukultur des Öffentlichen“ am 16. und 17. April. Die Stiftung ist auf Drittmittel angewiesen. Die fünf Mitarbeiter sind gehalten, Allianzen für Baukultur zu schaffen. http://www.bundesstiftung-baukultur.de

Quelle: wa.de

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