Das Bauhaus-Archiv Berlin zeigt Gertrud Arndts Werk: Textilien und Fotografien

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Gertrud Arndt auf ihrem „Maskenphoto Nr. 3“ (1930), zu sehen in Berlin. 

Von Achim Lettmann  - BERLIN–„Es war sehr schwer jemanden zu finden“, sagte Gertrud Arndt, „es funktioniert, wenn man es selbst macht. Ich war am billigsten.“ In dem Interview von 1997 kokettiert die Bauhaus-Künstlerin damit, dass sie auf ihren Porträtbildern meist selbst zu sehen ist. Dabei ging es nicht ums Geld.

Gertrud Arndt (1903–2000) hat sich gern ins Licht gerückt und den Auslöser gedrückt. Das belegen Familienalben (1921–23) und später ihre „Maskenphotos“ (1929–31), die der Höhepunkt der Ausstellung im Bauhaus-Archiv Berlin sind: „Eigentlich wollte ich ja Architektin werden“.

„Gertrud Arndt als Weberin und Photographin am Bauhaus 1923–31“ ist eine dichte Schau untertitelt, die den Blick auf Arbeitsweisen an der Schule für Gestaltung ermöglicht und darüber hinaus, eine interessante Persönlichkeit vorstellt. Erstmals wird das Werk Gertrud Arndts umfangreich präsentiert. Sie ist seit 1979 als Bauhauskünstlerin international bekannt, weil sie sich seinerzeit entschloss, ihre Selbstporträts mit Kostümierungen auszustellen – im Essener Museum Folkwang.

In Berlin sind diese 43 „Maskenphotos“ zu sehen, die Gertrud Arndt nur für sich gemacht hatte. „Aus Langeweile“, wie sie sagte. Die Schwarzweiss-Bilder zeigen sie mit schleierartigem Kopfschmuck, mit fantasievollen Umhängen. Ihre Augenlider sind mal halb geschlossen, mal aufgerissen, mal wirkt sie distinguiert, empört, lasziv, sinnlich – große Dame, kleines Mädchen. Aber wie sich Gertrud Arndt selbst gesehen hat, wird nicht klar, eine künstlerische Handschrift auch nicht. Und dennoch sind die Aufnahmen voller Ironie, Clownerie und schönem Schein. Noch heute wirken sie frisch.

In einer Vitrine ist die kleine Kamera mit Fotoplatten ausgestellt. Eine Tasche, ein Stativ, mehr brauchte Gertrud Arndt nicht, die von 1926-32 fotografierte. In der Ausstellung sind Vergrößerungen (1980/2013) ihrer Bilder zu sehen. Bemerkenswert auch die Porträtserie mit Wera Meyer-Waldeck (1930) als Positiv- und Negativabzug. Arndt wählte eine extreme Aufsicht, die den Haaransatz Meyer-Waldecks betont und ihre Gesichtskontur steil abfallen lässt. Starke Perspektiven bot „das neue Sehen“, wie die moderne Fotografie der Zeit auch genannt wurde. Mit ihrem Mann Alfred ist die Fotografin 1928 abgelichtet, vor ihrer Wohnung in Probstzella. Die beiden schauen zur Kamera hinauf und werfen Schattenrisse aufs Kopfsteinplaster.

Eine Porträtreihe mit Otti Berger („verkleidet als Spanierin“, 1930/31), neben Gunta Stölzl die wichtigste Weberin am Bauhaus, erinnert daran, dass Gertrud Arndt von 1924 bis 1927 Stoffe, Flügeldecken und Teppiche entwarf. Bauhausmeister Georg Muche entschied, dass ihre Übungen im Vorkurs von Paul Klee zur Grundlage neuer Teppiche werden sollten.

Die Arbeitsschritte der Weberin werden in Berlin nachvollziehbar. Arndts Teppichentwürfe (1925–27) sind als Aquarell und als Gouache mit Bleistift ausgeführt. Neben Vorzeichnungen zu Teppichen und Flügeldecken sind auch kleine Fäden als Wollproben auf Garnkarten zu sehen. Das ist akkurat und sehr strukturiert vorgetragen.

Im Direktorenzimmer von Walter Gropius in Weimar lag ein Teppich von Gertrud Arndt. Erhalten und für die Ausstellung restauriert ist allerdings ihre Auslegware (1927), die der Hamburger Reeder Eberhard Thost in Auftrag gab. Dieses Feld aus Quadraten wird von blassgrün und -blau dominiert. Nur wenige Rot- und Rosatöne akzentuieren den geknüpften Teppich. Vorstudien und -zeichnungen, Wollproben, eine Aufstellung von Färbemitteln und die Kosten-Kalkulation des Teppichs demonstrieren die Arbeits- und Lehrmethoden am Bauhaus.

Ein harmonisch strahlender Wandbehang von Gertrud Arndt wird von Orange, Rosa und Lachsrottönen dominiert. Ihre Lieblingsfarben sind im Wechsel gewebt und werden von einem schwarzen Stabwerk „verklammert“. Streifenstoffe waren eine Spezialität Arndts. In der späten Phase des Bauhauses sollten die Muster strenger werden und vor allem „Fabrikanten“ gefallen. Arndt gehört in die Zeit davor.

Gertrud Arndt, geborene Hantschk aus Ratibor (Oberschlesien), zählte zu den Bauhauskünstlerinnen, die ihre Arbeit zu früh einstellten. 1932, als das Bauhaus geschlossen wurde, fotografierte sie nicht mehr. 1926 hatte sie den Bauhaus-Architekten und späteren Meister Alfred Arndt geheiratet. Sie brachte zwei Kinder zur Welt. Der Einfluss der Nationalsozialisten sollte das Familienleben der Arndts in Thüringen erschweren. Nach dem Krieg 1948 gingen beide nach Darmstadt.

Dass Gertrud Arndt in den 80er Jahren vor allem als Fotografin gefeiert wurde, überraschte die Textilkünstlerin, denn eigentlich waren ihr Teppiche und Stoffe wichtiger.

Schau und Anbau

Fotografien und Textilien, die noch heute mutig und frisch wirken und den Geist des Bauhauses spürbar machen.

„Eigentlich wollte ich ja Architektin werden“. Gertrud Arndt als Weberin und Photographin. Bauhausarchiv Berlin. Bis 22. April; mi-mo 10 bis 17 Uhr; Katalog 14,90 Euro. Tel. 030 / 25 40 020

www.bauhaus.de

Anbau geplant

Der Berliner Kulturausschuss berät über die Erweiterung des Bauhaus-Archivs. Außerdem soll der Altbau von Walter Gropius, 1979 erbaut, saniert werden. Für beide Maßnahmen wird mit knapp 40 Millionen Euro kalkuliert. Ziel ist das 100-jährige Jubiläum der Schule für Gestaltung im Jahr 2019. Ulrich Weigand, Leiter der Kommunikation des Bauhaus-Archivs, sieht „Unterstützung bei den großen Parteien“.

Auch das Publikumsinteresse an der Bauhaussammlung hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. 2012 kamen 115 000 Besucher. Außerdem sind die 550 Quadratmeter Schaufläche im Archiv für die Sammlung längst zu klein. Das Gros der Objekte liegt derzeit im Depot.

Der Neubau soll 2700 Quadratmeter Schaufläche bieten. Bisher hat der Berliner Senat noch kein Geld bereitgestellt. „Aber die Lage sieht nicht so schlecht aus“, meint Ulrich Weigand.

Quelle: wa.de

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