Barockoper im Konzerthaus Dortmund: „Niobe“ mit Philippe Jaroussky

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Verbindet perfekt Ausdruck und Leuchtkraft: Philippe Jaroussky in der Barockoper „Niobe“ im Konzerthaus Dortmund.

Von Edda Breski DORTMUND - Die Stadt Theben war in der Antike kein Ort, um guten Gewissens eine Familie zu gründen. Zu leicht endete eine Mutter ohne Augenlicht, oder ein König endete bei ewigen Durst- und Hungerqualen in der Unterwelt. In diesem ungünstigen Milieu ist der Niobe-Mythos angesiedelt. Sie war die Tochter des Tantalus, der sich für einen Götterfreund hielt, nach ihm Königin von Theben, aber als sie sich über eine Göttin erhob, tötete diese Niobes Kinder per rächendem Pfeil vom Himmel. Niobe selbst endete als weinender Felsen.

Das reichte dem Komponisten Agostino Steffani nicht. Er bürdete der Dame in seiner Oper „Niobe, regina di Tebe“ (1688) noch zwei Liebhaber auf und schrieb göttliche Musik für ihren Ehemann, einen Zeus-Sohn, der das wichtigste Musikinstrument der Griechen erfunden haben soll: die Leier. Hinzu kommt das dichte Libretto von Luigi Orlandi, voller Wortspiele, die Bezüge unter den Bravournummern herstellen. „Niobe“ war im Konzerthaus Dortmund in einer konzertanten Aufführung mit dem Boston Early Music Festival Orchestra und einem glänzenden Sängerkader um den Star-Countertenor Philippe Jaroussky zu hören. Es war ziemlich genau dieselbe Besetzung, die auf einer gerade herausgekommenen Einspielung zu hören ist, ein Traumensemble, das die fast 330 Jahre alte Oper als Moralstück über menschliche Hybris und als göttliche Komödie sinnlich erlebbar macht.

Philippe Jaroussky sang den Anfione, Niobes Mann, und hatte in der Rolle eine Bandbreite von herrscherlicher Majestät bis zum Selbstmord zu gestalten. Jaroussky bot eine geradezu perfekte Verbindung von Ausdruck und Leuchtkraft auf, dazu eine furiose Atemtechnik, die es ihm ermöglichte, sein Lamento ohne Brüche zu singen, ein Ausströmen von Gefühl und Verstand.

Um seinen himmelsnahen, erdentrückten Anfione gruppiert sich ein Spektrum von Figuren, die alle einem Wahn anhängen, sei es der Liebe oder der Macht, oder einer unheilvollen Mischung von beidem, angeführt von Niobe, die die großartige Karina Gauvin zwischen Ehrgeiz und Liebessehnsucht verortete. Niobes Liebeswünsche fing Gauvin in goldenen Bögen ein, in Niobes Untergang klirrten ihre Triller wie Blech.

Niobe will ihrem Liebhaber Clearte den Weg freimachen, indem sie Anfione in seinem Verlangen danach bestärkt, den Thron aufzugeben. Zugleich steht Theben unter Angriff. Hinter dem Feldherren Creonte (Flavio Ferri-Benedetti) steckt Poliferno (von Jesse Blumberg mit schäumender Wut ausgestattet), ein gekränkter Feind, der durch Zauberei Unheil stiftet.

Der Albaner Tiberino lässt sich leicht von der Attacke abbringen durch die Liebe zu Manto, Tochter des Sehers Teiresias. Colin Balzer und Teresa Wakim geben ein frühes Buffopaar, die pastorale Folie, vor der der königliche Hochmut ausgestellt wird. Wakim führt ihre Stimme absolut rein und deutet Gefühle mit leichten Eintrübungen an, ein großes Rollenporträt.

Das Schönste an der Aufführung war, dass jedem Sänger in jedem Moment Spielfreude anzumerken war. Christian Immlers Tiresia zum Beispiel klang priesterlich salbungsvoll, aber im ersten Auftritt sehr wohl ironisch: ein Seher, der sich seiner Verkünderpose bewusst ist. Colin Balzer gurrte als verliebter Tiberino wie ein Täuberich. Aaron Sheehan sang den Clearte wie einen Vorfahren von Mozarts verliebtem, aber wenig potenten Don Ottavio. Flavio Ferri-Benedetti, der kurzfristig einsprang, sang den Creonte, der Niobe durch Zauber in Gestalt des Gottes Mars verführt. Er wechselte von Phrase zu Phrase die Masken des Liebhabers und des Gottes ständig durch, eine Freude.

Einen spottenden Kommentar schrieb Steffani Niobes Amme zu. Der brasilianische Countertenor José Lemos verkörperte seine Rolle als Crossgender-Gag, tanzte Flamenco und durchbrach die Handlung mit furiosen Wutausbrüchen.

Steffanis prächtige, effektvolle Musik veranstaltet mit Wind und Donner Bühnenzauber und bietet einen lyrischen Kommentar zu Niobes Selbstvergöttlichung, als tragischer Gegenpol zu Magie und Hochmut. Die Leitung des Boston Early Music Festival Orchestra hatten die Lautenisten Stephen Stubbs und Paul O’Dette, zwei weitere Stars der Alte-Musik-Szene. Sie schufen eine geschmeidige Verbindung von Theatralik, Flächenglanz und Klangdurchsichtigkeit.

Quelle: wa.de

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