Barockmeister in Brüssel: „Jordaens und die Antike“ im Koninklijk Museum voor schone Kunsten

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Da staunt der Waldgeist: Jacques Jordaens‘ Gemälde „Satyr und Bauer“ (um 1620/21) ist in Brüssel zu sehen ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BRÜSSEL–Jeder Muskel im Gesicht des Prometheus ist angespannt. Tiefrot leuchtet sein Gesicht, er liegt kopfunter vor uns und schreit seine Schmerzen hinaus. Der Adler auf seinem nackten Leib hat die Schwingen ausgebreitet, schlägt gerade die Krallen in seinen Bauch, hat ein Stück Leber im Schnabel. Von oben blickt der Gott Merkur auf die Szene und lächelt feinsinnig. Der flämische Maler Jacques Jordaens hat die göttliche Bestrafung des Titanen mit dem Pathos inszeniert, das der Mythos fordert.

Das monumentale Gemälde von 1642 ist im Königlichen Museum für schöne Künste in Brüssel zu sehen, in der Ausstellung „Jordaens und die Antike“. Die opulente Altmeisterschau überrascht mit ihrer Namenswahl. Gemeinhin kennt man den Künstler (1593– 1678) als Jacob Jordaens. Aber das sei eine Verfälschung durch die Nachwelt, erklären die Kuratoren Justus Lange, Irene Schaudies und Joost van der Auwera im Katalog. Der Maler habe seine in niederländischer Sprache verfassten Briefe als „Jacques“ unterzeichnet. Auch in Dokumenten tauche er mit diesem Vornamen auf. Jordaens sei von der Flämischen Bewegung eingemeindet worden. Ein Jacob habe mehr dem entsprochen, wofür man Jordaens nahm: als volkstümlichen Maler von Genreszenen wie „Der König trinkt“ und „Wie die Alten sungen, so pfeifen die Jungen“.

Jordaens haftete das Etikett des oberflächlichen Unterhalters an, der nicht die Bildung und die Komplexität eines Rubens oder van Dyck erreichte. Er hatte nicht Italien bereist, verstand nicht Latein. Nun soll Jordaens neu bewertet werden. Schließlich, so argumentieren die Ausstellungsmacher, konnte er wichtige Quellen wie die „Metamorphosen“ des Ovid in Übersetzung lesen. Und in der Handelsmetropole Antwerpen gab es Gemälde und Stiche italienischer Meister sowie antike Skulpturen, sozusagen ein virtuelles Italien als Anschauungsmaterial. Immerhin ein Drittel seines Werkes ist antiken Themen gewidmet.

Mit 120 Gemälden und Zeichnungen, Bildteppichen und Skulpturen will die Ausstellung belegen, dass Jordaens ein „Historienmaler ersten Ranges“ war, originell und manchmal sogar subversiv, wie Irene Schaudies ausführt. Die Schau ist eine Kooperation mit der Museumslandschaft Hessen Kassel, wo sie 2013 in veränderter Form gezeigt wird.

Manches Bild kann man nicht ohne Kommentar verstehen. Der „Prometheus“ zum Beispiel galt lange als unbeholfene Neudeutung eines Gemäldes von Rubens zum Thema. Der lächelnde Merkur braucht Erklärung. Inzwischen glauben Kunsthistoriker, dass Jordaens sich am antiken Satiriker Lukian orientierte. Das Lächeln weist auf die Rettung des Prometheus durch Herakles voraus.

Die Ausstellung versammelt Vorbilder und Quellen wie Renaissance-Grafik und eine Grabplatte aus der Römerzeit, der er Motive wie die springenden Satyrn für seinen „Triumph des Bacchus“ abschaute (um 1645–50). Wie komplex der Maler seine Bilder konstruierte, lässt sich am Gemälde „Die Töchter des Kekrops finden den kleinen Erichthonius“ (1617) ablesen. Es geht um ein Waisenkind, das Minerva in einem Korb den Töchtern anvertraute mit der Weisung, nicht hin-einzusehen. Was die Frauen natürlich missachten, und das Kind hat einen Schlangenunterleib. Später verliebt sich Merkur in eine der Schwestern, bittet eine andere, für ihn zu werben, diese verlangt eine Belohnung, weigert sich dann und wird zur Strafe in Stein verwandelt. Auf all das spielt Jordaens an, zeigt eine goldene Vase als Symbol der Gier, einen Papagei, der für Torheit, und einen Truthahn, der für Zorn steht, und der kleine Hund lässt sich als Zeichen für Neid lesen. Über der gierigen Aglauros hatte er eine Skulptur gemalt als Vordeutung ihres Schicksals. Allerdings wurde das Bild beschnitten, so dass man nur den Sockel sieht. Und wer achtet angesichts der Frauenakte, die Rubens an Üppigkeit noch übertrumpfen, noch auf solche Feinheiten?

Im Übrigen blieb Jordaens eben auch in vielen antiken Darstellungen der ländlichen Sphäre treu. Die „Huldigung der Ceres“ (um 1624/25) versammelt um die Erdgöttin, der der Maler die Züge seiner Frau gegeben hat, eine bunte Gesellschaft aus Mensch und Vieh. An „Merkur und Argus“ (um 1620) ist der hundertäugige Hirte ein normaler Mensch, und der Blick wird von den wundervoll gemalten Kühen gefangen.

Eines der beliebtesten Motive von Jordaens war „Satyr und Bauer“, die Fabel vom Menschen, der mit seinem Atem mal die winterkalten Hände wärmt, mal die heiße Suppe kühlt, so dass dem, was aus seinem derart veränderlichen Mund kommt, nicht zu trauen ist. Vier Versionen davon hängen in der Ausstellung, eine schöner und detailverliebter in nackte Füße, eine Katze unterm Stuhl, reflektierendes Geschirr und dicke Pustebacken als die andere. Diese Bilder sind nicht nur großartig gemalt, sie erfreuen auch unerklärt. Und vielleicht offenbaren sie den wahren Jacob im neu entdeckten Jacques.

Jordaens und die Antike im Koninklijk Museum voor schone Kunsten in Brüssel.

Bis 27.1.2013, di – so 10 – 17 Uhr, Tel. 0032/2/ 508 32 32, http://www.expo-jordaens.be

in Kassel, Fridericianum, 1.3.-16.6.2013,

Katalog, Hirmer Verlag, München, 39 Euro

Allg. Infos: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln,

Tel. 0221 / 270 97 70

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

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