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Barbara Klemm zeigt ihre Fotografien im Schloss Oberhausen: „Schwarz-Weiß ist Farbe genug“.

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Von: Achim Lettmann

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Nachdenklich ist Willy Brandt, Leonid Breschnew hält eine Zigarette und Walter Scheel faltet die Hände im Bonner Kanzleramt am 19.5.1973.
Nachdenklich ist Willy Brandt, Leonid Breschnew hält eine Zigarette und Walter Scheel faltet die Hände im Bonner Kanzleramt am 19.5.1973. Barbara Klemms historische Fotografie „Leonid Breschnew und Willy Brandt, Bonn, 1973“ ist in Oberhausen zu sehen. © Barbara Klemm

Ihre Fotografien sind Ikonen der Brandt-Ära und deutschen Zeitgeschichte: Die Fotojournalistin Barbara Klemm zeigt 150 Bilder in der Ludwigs Galerie des Schloss Oberhausen: „Schwarz-Weiß ist Farbe genug“.

Oberhausen – „Wie wollen Sie’s haben“, fragte Helmut Kohl, als Barbara Klemm den CDU-Politiker zum 65. Geburtstag fotografieren sollte. Die Fotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hatte einen Auftrag und wusste, dass der CDU-Vorsitzende nicht fotogen war. In Oberhausen erzählte Klemm, wie es 1995 zum Bild kam. Sie saß morgens im Büro des Politikers, als der kleine Kreis eine Lagebesprechung vornahm. Kohls Sekretärin Julianne Weber beugte sich über den Schreibtisch, während ihr Chef telefonierte. Es machte Klick, und Klemms Motivwahl überspielt mit Aktion und Bewegung das fehlende Charisma des Bundeskanzlers. Ein gutes Bild für die FAZ.

Die Fotojournalistin Barbara Klemm hat ikonische Bilder geschaffen. Ihre Fotografien stehen für eine Ära der 70/80er Jahre, obwohl sie nur tagesaktuell sein mussten. Ab Sonntag zeigt die Ausstellung „Barbara Klemm. Schwarz-Weiß ist Farbe genug“ in der Ludwig Galerie im Schloss Oberhausen ihre „Fotografien 1967 bis 2019“.

Klemm hat die Hängung selbst vorgenommen. Ihre Bildsprache bietet den Respekt für die Sache, die nötige Distanz zum Geschehen und die Sensibilität für Menschen. Das Schwarzweiß der Reportagebilder, der Porträts, der Reisefotografien und Aufnahmen zu Zeitgeistthemen trägt dazu bei, dass Motive authentisch und aufrichtig wirken. Das kompositorische Vermögen geht auf ihren Vater, den Maler Fritz Klemm, zurück. Ihre Mutter war auch Künstlerin, aber mit sechs Kindern im 2. Weltkrieg habe sie zurückstecken müssen, sagte die Tochter in Oberhausen. Eine Hommage an Fritz Klemm von 1968 zeigt den Maler abgewandt von seiner Staffelei, als er aus dem Fenster blickt. Die Rückenansicht scheint von Caspar David Friedrichs romantischen Gemälden inspiriert zu sein – der Welt entrückt und in Gedanken.

„Der Moment, der etwas aufzeigt“, sagte Klemm in Oberhausen, sei immer Ziel ihrer Arbeit gewesen. Sogar das Architekturbild „Philharmonie Frank Gehry, Los Angeles, USA, 2004“ hat diese Qualität. Eine Straße führt in die Bildtiefe, wie die Straßenraster amerikanischer Innenstädte angelegt sind. Hochhäuser stehen für die Vertikale, für den rechten Winkel, den nun Gehrys geschwungenes Titandach konterkariert. Sein Gebäude reflektiert das Sonnenlicht, während die Wolkenkratzer für düstere Schatten sorgen. Ein Mensch bleibt in der Diskrepanz der Bauten winzig, verloren. Barbara Klemm hat diese sprechende Arbeitsweise nicht erfunden, aber sie hat das Auge und die Ruhe. Zum Wesen der Reportagefotografie zählt, mit dem Entdeckten zu beeindrucken.

Barbara Klemms Spezialität ist das Motiv mit Umfeld. Daraus ergibt sich die andere Perspektive. Als Wolf Biermann am 13. November 1976 vor 7000 Menschen in der Kölner Sporthalle sang, hatte er schon elf Jahre Auftrittsverbot in der DDR. Klemm wollte ihn mit Publikum zeigen. Sie wartete hinter der Bühne, während ihre Kollegen den Interpreten wollten. Dann drehte sich Biermann um, und zeigte seine Euphorie, wie überwältigt er vom Zuspruch war, den Klemms Fotografie nun verstrahlt: „Wolf Biermann, Köln, 1976“. Drei Tage später war der Protestsänger ausgebürgert aus der DDR.

Klemms Hauptdisziplin ist aber das politische Bild. Im ersten Raum der Oberhausener Ausstellung werden die 70/80er Jahre lebendig. Ein CDU-Parteitag 1972 mit Erhard, Barzel, Strauß und Kiesinger. Es lächelt nur die Kellnerin, die ihren Job hinter der Riege verrichtet.

Mit „Leonid Breschnew und Willy Brandt, Bonn, 1973“ hat Klemm der Ostpolitik ein fotografisches Denkmal gesetzt. Gewissenhaft und leger wirkt das, wie sich Politiker, Berater und Dolmetscher um Willy Brandt gruppieren. Breschnew besuchte als erster sowjetischer Staatschef die Bundesrepublik. Ein internationales Ereignis. Das Foto vermittelt eine Entspannung, die gewünscht war und hier fühlbar wurde – der Sowjet-Chef ist eingereiht.

Die DDR besuchte Barbara Klemm zu offiziellen Terminen, Leipziger Messe, Ostseewoche Rostock und Arbeiterfestspiele Erfurt. Am Rande fand sie weitere Motive, wie die Kinder vor dem „VEB Fortschritt, Rostock, DDR, 1974“. 1989 wandte sich Michail Gorbatschow während des 40. Jahrestags der DDR in Ostberlin ans Publikum. Klemm stand genau richtig. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, sagte Gorbatschow. Nach der Maueröffnung fotografierte Klemm am 10.11. 1989 von der Betonwand herunter die tatenlose Volkspolizei. Das kann nicht mehr schiefgehen, wusste sie in diesem Moment.

Barbara Klemm war von 1970 bis 2005 Redaktionsfotografin der FAZ. 1939 in Münster geboren, wuchs sie in Karlsruhe auf und lernte in einem Porträtfotoatelier. 1959 ging sie nach Frankfurt, arbeitete im Labor der FAZ, wo sie vom Fotografen Wolfgang Haut (1927–2001) unterstützt wurde. Mit Aufnahmen zur Studentenbewegung begann ihre Karriere bei der überregionalen Zeitung.

Im Schloss Oberhausen sind rund 150 Fotografien zu sehen. Für ihre Künstlerporträts nahm sich die Bildfinderin mehr Zeit. Für einen unsicheren Andy Warhol in Frankfurt 1981 oder einen kraftvollen Richard Serra 2008 in Paris. Sie hat es allen gezeigt. „Man hat mich nie richtig für voll genommen“, sagte sie in Oberhausen, „das war ein Vorteil“.

Ab Sonntag, 22.1. bis 7.5.;

di – so 11 – 18 Uhr;

Tel. 0208/4124928;

Broschüre 5 Euro;

www.ludwiggalerie.de

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