Ausverkaufte Arena

Nostalgie-Trip mit "System of a Down" in Köln

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Serj Tankian

KÖLN - Seit zehn Jahren warten die Fans der US-amerikanischen Alternative-Metal-Band System of a Down auf ein musikalisches Lebenszeichen des Quartetts. Es wäre also nicht verwunderlich, wenn im schnelllebigen Musikgeschäft von der vormals großen Anhängerschaft nur noch ein harter Kern übrig geblieben wäre. Aber, nichts da.

Von Tim Griese

Köln vermeldet beim Auftritt der Mannen um Sänger Serj Tankian ein rappelvolles, ausverkauftes Haus: 15.000 Fans erleben in der Lanxess-Arena Nostalgie pur.

2006 nahmen sich die armenisch-stämmigen Musiker eine rund fünfjährige Auszeit. Dass auch danach bislang keine neuen Songs erschienen sind, bezeichnet Tankian als Schicksal. Wenn die Muse ihn nicht treffe, gebe es eben nichts Frisches für den Plattenteller. Schnell kann so etwas ein unglückliches Bild auf die Konzertreisen einer Band werfen. Beispiele von Musikern, die fürs liebe Geld durch die Gegend tingeln und ihr angegrautes Material feilbieten, gibt es genug. Damit dieser Eindruck gar nicht erst entsteht, setzen System of a Down auf ein energiegeladenes rund zweistündiges Set, das einen essenziellen Querschnitt durch die Diskografie einer Band darstellt, die mehr als 40 Millionen Platten unters Volk gebracht hat.

Klar, dass „Chop Suey!“ an diesem Abend aus den Boxen dröhnt, der „System“-Song schlechthin. Dort und eigentlich bei jedem anderen der insgesamt 35 Songs, steht die Arena Kopf. Schon früh hängt der Geruch von Männerschweiß schwer unterm Hallendach: Im Innenraum bricht sich der Pogo Bahn, Crowdsurfing wird zum Massenereignis, der Circle Pit dreht sich wild. Selbst die Bandmitglieder - der Filzhut tragende Daron Malakian an der Gitarre, Bassist Shavo Odadjian mit markantem Ziegenbart, Sänger Serj Tankian und John Dolmayan am Schlagzeug - staunen nicht schlecht über die ihnen entgegengebrachte Begeisterung. "Was zum Teufel geht denn hier ab?" raunt Tankian ins Mikro, die Übrigen klatschen zustimmend Beifall.

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Konzert von "System of a Down" in Köln

Die Band hat sich mit ihrem ganz eigenen Sound eine Nische im Alternative Metal geschaffen. Der Mix aus avantgardistischen Soundelementen, harten Metalriffs, folkloristischen Versatzstücken und nicht zuletzt dem bisweilen experimentellen dadaistischen Gesang von Serj Tankian ist zum Alleinstellungsmerkmal geworden. Der 47-Jährige beweist eine beindruckende stimmliche Bandbreite. Damit das klappt, gibt's zwischendurch ein heißes Getränk mit Honig. Hysterisch, brachial, theatralisch, feinfühlig, gewaltig – all diese Eigenschaften und noch mehr vereint der Sänger mit Leichtigkeit und trägt dazu bei, die "System"-Songs in eine wahre Wundertüte zu verwandeln. Die Musik, die sich aus immer wieder anderen Versatzstücken zusammensetzt, tut ihr Übriges dazu. "Hypnotize" ist ein schwerer Brocken mit Kinderlied-Melodie und Arabisch-Einschlag im Gitarrensolo. "Needles" kommt als knüppelharte Thrash-Granate daher, "B.Y.O.B." frönt dem Reggae, und Toxicity", der vielleicht beste Song der Band, ist eine hochmelodiöse Hymne mit Ecken und Kanten. „Lonely Day“ wird von Gitarrist Daron Malakian gesungen und fällt stilistisch ein wenig aus dem Rahmen: Der Song ist ruhig, und er bleibt es auch. So lässt sich auch mit der Erwartungshaltung des Publikums spielen.

Immer wieder schimmern die kulturellen Wurzeln der Musiker in den Kompositionen durch. Ganz offensichtlich treten sie im armenischen Lied "Sartarabad" zu Tage. Die Fans ziehen Polonaise tanzend durch die Halle, Malakian dreht Pirouetten, Tankian schnippt mit den Fingern. In einen historischen Kontext bettet das Quartett das gesamte Konzert. In Video-Einspielern im Comic-Stil wird auf die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich im Jahr 1915 eingegangen. So wie Papst Franziskus einige Tage sprechen auch die Musiker von Völkermord und fordern auf, gegen Genozid in der Welt aufzubegehren. Währenddessen ist es in der Halle still, aber wie bei jedem einzelnen Song gibt es auch dort am Ende tosenden Applaus.

Quelle: wa.de

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