Backsteinhistorismus wird im Ziegeleimuseum Lage neu bewertet

Kalksand- und Backstein sind im Verwaltungsgebäude des Textilwerks Laurenz in Ochtrup 1894 verbaut worden. Die Fotografie ist in der Ausstellung „Backsteinhistorismus im Ziegeleimuseum Lage zu sehen. Foto: lwl-medienzentrum für westfalen

Lage – „Historismus“ ist ein despektierlicher Begriff für den Architekturstil des 19. Jahrhunderts. Schon vor dem ersten Weltkrieg wendeten sich Baumeister wie Peter Behrens vom Stilpluralismus ab. Behrens, der die AEG-Bauten in Berlin entwarf und zum Chefdesigner aufstieg, ließ 1911 das Klinker-Dekor an einem AEG-Gebäude in Berlin-Gesundbrunnen abschlagen. Sachlich und klar sollte die Architektursprache werden. Das Fassadenspiel mit Kapitellen aus der Antike, romanischen Türmchen, Fensterlaibungen wie in der Gotik und in der Frontaufteilung doch streng klassizistisch – das galt fortan als verpönt und nicht modern.

Diesem Paradigmenwechsel spürt eine Ausstellung des Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Lage nach, die das Baumaterial neu wertschätzt, mit dem unsere Städte gestaltet wurden: den Ziegel. Die Schau „Backsteinhistorismus“ von Willi Kulke (Projekt/Konzept) fragt nach „Architekturepoche oder Stilsünde?“ und weiß, dass schon Ende der 1960er Jahre Denkmalschützer ein Verständnis für die Gebäude der Gründerjahre (1871 – 1914) verspürten. Denn jede Zeit hat ihr Recht zu bauen.

Längst sind es die wechselvoll entworfenen Fassaden in unseren Städten, die das Stadtbild aufwerten und von Passanten geschätzt werden. Auch architekturgeschichtlich werden Neogotik, Neorenaissance und Neobarock, um nur drei Begriffe zu nennen, als Interpretation und Erweiterung eines Baustils beurteilt, den im Mittelalter die Handelsgesellschaft der Hanse vielerorts in Europa realisierte: die Backsteingotik. Kontor- und Bürgerhäuser, Lagerhallen und Kirchen wurden gemauert – repräsentativ und in der Formensprache wiedererkennbar. Vor allem im Norden Deutschlands war der Ziegel das gefragte Baumaterial.

Dass die Ausstellung im Ziegeleimuseum zu sehen ist, liegt auch daran, dass zwischen 1890 und 1914 bis zu 14 000 lippische Ziegler in Norddeutschland, Berlin und dem Ruhrgebiet unterwegs waren, um Backsteine zu brennen. Ihre strukturarme Heimat verließen sie über Monate. Von Frühjahr bis Herbst war Bauzeit. Bis weit ins 20. Jahrhundert blieb der Handstrichziegel Baumaterial, weil Maschinen zur Backsteinherstellung oft zu kostspielig waren.

Die Ausstellung schlägt die Musterkataloge von Ziegeleien auf. Wie vielfältig Formziegel waren, lässt sich heute kaum noch ermessen. Schmuckfirstziegel, Dacheindeckungen, Formziegel, Kapitelle, Tierköpfe oder Porträtbilder – alles aus Ton. Farbige Glasuren (Engoben) machten den Ziegel auch haltbarer. Klinker wurden bei bis zu 1200 Grad gebrannt – witterungsbeständig. Hintersteinziegel (bis 900 Grad) waren günstiger. Hier konnte auch der Bruch verbaut werden, wenn eine Fuhre im Ringofen mal verbacken war.

Vor allem sind in der Ausstellung Texte und Fotos zu sehen, die einzelne Themen aufgreifen: „Berlin, Hauptstadt des Historismus“ (Willi Kulke), „Der Historismus kam mit der Eisenbahn“ (Susanne Riedel) oder „Ziegelkirchen im Ruhrgebiet“ (Thomas Parent).

Der Backsteinhistorismus war ein europäisches Phänomen. Nach der Reichsgründung 1870/71 sollte in Deutschland die Neorenaissance und -gotik favorisiert werden. Das französische Neorokoko – Schloss Neuschwanstein entstand 1869 in diesem Stil – war im preußisch dominierten Kaiserreich abgemeldet.

Für Westfalen hat Andreas Beaugrand den Historismus in Bielefeld untersucht. An das heutige Ratsgymnasium kam seinerzeit ein Neorenaissance-Anbau (1867). Während in Köln der gotische Dom (1842–1880) als deutschnationales Projekt fertiggestellt wurde, baute in Bielefeld der historische Verein die Sparrenburg als Denkmal und patriotisches Projekt neogotisch aus. Es ging auch um romantische Bezüge zum Mittelalter. Die Bürger suchten Vorbilder in der Vergangenheit, während die Hoch-Industrialisierung den Alltag im Kaiserreich rasant veränderte. Für Arbeiter in der Bielefelder Nikolai-Gemeinde sollte mit Spendengeldern eine evangelisch-lutherische Pauluskirche im neogotischen Stil 1883 entstehen.

Der industrielle Fortschritt stellte Bauaufgaben, die internationales Knowhow nach Westfalen brachten. Die erste Baumwollspinnerei brannte 1858 ab. Der Holzaufbau des Gebäudes von 1847 fing Feuer, weil Webstühle und Dampfmaschine Schmierstoffreste hinterließen, die Stützen und Bohlen aufgenommen hatten. Der Architekt Sidney Stott (1858–1937) aus Oldham (England) begleitete den Bau von 17 Spinnereien im nördlichen Westfalen und den Niederlanden von 1886 bis 1911. Seine quadratische Anlage aus Backsteinen basierte auf einem Gerüst aus Gusseisen. Die vier Ecktürme nahmen eine Absauganlage für die Stofffussel, Toiletten, Treppen- und Sprinkleranlage auf. Hinter neobarocken Fassaden fand die Technisierung der Textilherstellung statt.

Auch für die wachsenden Ansprüche der Unternehmer fanden die Architekten Lösungen mit Backsteinen. So kombinierte der Niederländer Gerrit Beltmann in Ochtrup (Kreis Steinfurt) Kalksand- mit Backstein und formte die prächtige Fassade des Verwaltungsgebäudes der Brüder Laurenz in Neobarock und Neorenaissance.

Sogar im Ruhrbergbau wurde mit dem Backstein auf Klasse gemacht. Die Gelsenkirchener Bergwerks AG errichtete mit der Zeche Zollern II/IV in Dortmund eine romantisch anmutende Zechenanlage von 1899 bis 1904. Das Unternehmen manifestierte seinen Führungsanspruch im Revier mit norddeutscher Backsteingotik, die mit ihren neoromanischen und neoklassizistischen Bauakzenten auch heute noch besticht. Die Eingangsfassade der Lohnhalle erinnert an die Domkirche in Frauenburg am Frischen Haff (ehemalig Westpreußen). Architekt Paul Knolle stammte aus dem Memelland. Die Staffelgiebel der Zechenverwaltung waren Bürgerhäusern abgeschaut.

Im Ruhrbergbau sind die Malakofftürme so massive Backsteine-Gebäude, dass selbst heute noch 14 zu finden sind, die zwei Weltkriege und den rabiaten Fortschrittsoptimismus der 70er Jahre überdauert haben. Sie wurden um 1860 errichtet, als leistungsfähige Dampfmaschinen in den Zechenbetrieb integriert wurden. Anfangs nahmen die Türme Fördereinrichtung mit Dampfantrieb auf, später war die Kraftzentrale von der Fördereinrichtung getrennt und im Kesselhaus untergebracht. In Bochum ist noch ein Malakoff-Turm (1870) der Zeche Hannover I/II nebst Maschinenhaus erhalten. Der Turm erinnert an eine Festung.

Im Ziegeleimuseum Lage sind außerdem Arbeitsbeispiele eines Studienprojekts der Hochschule Detmold ausgestellt. Zum Thema „Historismus“ sind Architekturdetails nachgebaut, Ziegel gebrannt und vermauert worden. Pläne stellte das Denkmalpflegeamt Detmold zur Verfügung. Zum „Bauschmuck“ zählen ein Maßwerkelement und die Nachahmung einer Rosette aus dem Detmolder Bahnhof. Es sind dreidimensionale Objekte, die die Text-Foto-Präsentation auf Stellwänden angenehm ergänzen.

Bis 29. 9.; di-so 10 – 18 Uhr; Tel. 05232/94 900; Katalog im Verlag Klartext 19,95 Euro; www.lwl- industriemuseum.de

Quelle: wa.de

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